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Konzert: Roger Waters provoziert in der Mannheimer SAP-Arena mit politischen Statements

Kontrovers, radikal und aufrührerisch: „Pink-Floyd“-Mitgründer Roger Waters polarisiert auf seiner „Us-&-Them“-Tour in der Mannheimer SAP-Arena mit einer Mischung aus Entertainment und Agit-Propaganda.
Ein Weltverbesserer macht Musik: Roger Waters bei seinem Mannheimer Auftritt. Foto: Sven-Sebastian Sajak Ein Weltverbesserer macht Musik: Roger Waters bei seinem Mannheimer Auftritt.
Mannheim. 

Meeresrauschen und Möwengeschrei: Gut eine halbe Stunde lang blicken rund 12 000 Zuschauer unter gedämpften New-Age-Klängen auf eine ihnen den Rücken zukehrende Frau, die am Strand sitzt und ins weite Meer stiert. Als eine Übung in Zen erweist sich der statische Anblick auf der gigantischen LED-Wand. Irgendwann färbt sich das Bild blutrot. Subtil steigen Roger Waters und seine Begleiter mit „Breathe“ ein. Es ist der Auftakt einer opulenten Inszenierung aus zahllosen „Pink-Floyd“-Klassikern, Songs von Waters’ aktuellem Solowerk „Is This The Life We Really Want?“ sowie dezidiert pro-palästinensischer Agit-Propaganda des Bandchefs.

Angeblich soll es Roger Waters’ letzte Tournee sein. Das haben andere allerdings auch schon behauptet, um dann doch wieder auf die große Reise zu gehen. Im Fokus steht Material diverser LP-Klassiker aus den 70er Jahren. Von „Meddle“ bis „The Wall“, um genauer zu sein. So eine Mischung zieht beim hiesigen Publikum immer – gleich, ob nun Roger Waters, David Gilmour oder eine der Dutzenden Tributbands das Pensum bestreiten. Gleich mehrfach Widerhall im Repertoire findet der Meilenstein „The Dark Side Of The Moon“.

Ausgezeichnete Truppe

Für die adäquate Umsetzung dieser vielschichtigen Analyse über den modernen Menschen mit seinen Stärken und Schwächen im Kontext des Raketenzeitalters wie auch für die Song-Preziosen „Time“, „Money“ und „Us And Them“ stehen Waters eine ausgezeichnete achtköpfige Truppe samt sensationeller Rundum-Verstärkeranlage zur Seite: Es groovt hörbar, geht unmittelbar in die Beine, zumal Bassist Waters sich vom Bass-Langzeitwegbegleiter Gus Seyffert doppeln lässt.

Was David Gilmour einst alleine stemmen musste, meistert im Schulterschluss das erstklassige Gitarren-Tandem Dave Kilminster und Jonathan Wilson. Beide streben in ihrer Optik perfekt dem Retro-Style-Hippie-Schick nach, wirken wie frisch aus der Zeitmaschine eingetroffen. Da glühen beim mehrheitlich Ü-60-Publikum die Äuglein, weil sich die Herren der Schöpfung erinnern: So sah ich damals auch aus. Auch die große Nagelprobe, der vertrackte Scat-Gesang von „The Great Gig In The Sky“, erhält Bestnoten: Die Chordamen Jess Wolfe und Holly Laessig im identischen Sixties-Look, der an die Go-Go-Tänzerinnen der deutschen TV-Show „Beat-Club“ erinnert, leisten eindrucksvolle Stimmakrobatik.

Schwarze Kapuzen

Gehörig in Wallung gerät das Publikum schon beim zweiten Song „One Of These Days“, ein Proto-Techno-Kracher von 1971. Bei „Pink Floyd“ kam Tanzaffines ja nie zu kurz. Auf Bewegung zielt auch das zusammengeschraubte Triumvirat aus „The Happiest Days Of Our Lives“ und „Another Brick In The Wall Part 2 & 3“, wo ein Dutzend Mannheimer Jugendliche den Chor übernehmen, um in Guantanamo-Häftlingskleidung, schwarzen Kapuzen über den Köpfen, T-Shirts mit der Aufschrift „Resist“, und erhobenen Fäusten Aufständische zu mimen.

Was sich in der ersten Hälfte noch einigermaßen subtil handhabt mit kontroversen Polit-Indoktrinationen vom Feinsten, wird in der Pause gesteigert: Unzählige Botschaften per Großbildleinwand informieren über gegenwärtige No-Go’s. Gigantische Projektionsflächen längs durch den Innenraum spalten die SAP-Arena nach der Pause in zwei Hälften – in Form einer Fabrik, über der in Mini-Ausgabe das legendäre „Pig“ vom „Animals“-Cover schwebt. Wenig später zieht ein ferngesteuertes riesiges rosarotes Exemplar mit der Aufschrift „Stay human – Bleibe menschlich“ seine Bahnen hoch durch die Hallenlüfte. Dazu erklingen die Schlüsselsongs „Dogs“ und „Pigs (Three Different Ones)“ aus „Animals“ von 1977.

Im Fokus des Bösen von Waters’ pikanten Verschwörungstheorien befinden sich diverse prominente Politiker, Unternehmer, Konzernchefs und Wall-Street-Banker. Ganz besonders abgesehen hat es Waters auf Donald Trump. Zahllose kontroverse Statements des US-Präsidenten werden überlebensgroß projiziert.

Zudem zeigt Waters, der in großspurigen Gesten mit erhobenen Armen mitunter wie eine Parodie seiner selbst wirkt, dem Führer der westlichen Welt beide Mittelfinger. Trump als Schweinskarikatur muss ebenso herhalten wie der Slogan „Trump ist ein Schwein“ auf Videoleinwand. Weniger ist mitunter mehr. Mit „Eclipse“ und „Brain Damage“ folgten weitere Betrachtungen von der dunklen Seite des Mondes, unterfüttert mit 3D-Projektion einer Pyramide über den Köpfen der Zuschauer.

Peinlich berührt

Roger Waters galt schon immer als ein streitbarer Geist. Heutzutage gibt er den Rächer der Enterbten, Witwen, Waisen, kurzum, aller vermeintlich Benachteiligter auf diesem Globus – ein 74 Jahre alter Multimillionär, privilegiert durch sein Talent, Totalitarismus als Geisel der Menschheit in hochwertige Kunst zu fassen. Waters geriert sich als Ersatz-Rudi-Dutschke mit Messias-Tick, wenn er den neuen Song „Déjà Vu“ weltverbesserisch mit erhobenem Zeigefinger zu der Zeile „If I had been God“ startet.

Waters gilt seit Jahren als eifriger Unterstützer von anti-israelischen Bewegungen wie „Artists for Palestine“ oder BDS. Auf seinen Vortrag reagiert das Publikum gespalten, manche buhen, einige verlassen empört den Saal, andere schweigen peinlich berührt. Waters’ rund zehnminütiger Monolog führt schnurstracks in „Comfortably Numb“. Zum Showfinale stehen die Zeichen wieder auf Versöhnung: Auf der Projektionsfläche greifen zwei Hände ineinander.

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