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Lesefest: Romancier trifft auf Journalist

Mit dem Schriftsteller Martin Walser und dem Journalisten Jakob Augstein endete in der Evangelischen Akademie Frankfurt das Lesefest unter dem Leitmotiv „Biografie!“.
Der Schriftsteller-Grandseigneur Martin Walser (links) signiert, Sohn Jakob Augstein schaut kritisch. Foto: Leonhard Hamerski Der Schriftsteller-Grandseigneur Martin Walser (links) signiert, Sohn Jakob Augstein schaut kritisch.

Was war das: Lesung oder Gespräch? Zu intimen Gesprächen hatten der Weltliterat von 91 und der sehr bekennende Linke von 50 Jahren gegen den äußeren Anschein ja allen Grund. Mit ihrem im Herbst publizierten Band „Das Leben wortwörtlich“ (Rowohlt), Frucht eines zweijährigen Dialogs in Etappen, der zuletzt eine Gesprächs-Autobiografie Walsers ergab, zollten sie dem auf eine Weise Tribut, die so manchen begeisterte.

Was im privaten Beisammensein intim und bewegend gewesen sein muss, blieb in Frankfurt wortwörtlich so stehen, ohne nennenswerte Hinzufügung oder Korrektur am Text – wie inszenierter Dramentext, sich selbst rezitierend wie Sprechtheatertext vom Schauspieler: Das Ich wird „Ich“. Darüber wäre ein Bericht überflüssig, denn alles Gesagte ist bereits gedruckt und nachzulesen.

Verweigerung des Intimen

Weil der wahre Reiz des Buches nun aber darin liegt, dass dieser alte Schriftsteller von bedächtigerem Urteil und jener 40 Jahre jüngere Tagesschreiber mit dem flinken Urteilshammer ein unwahrscheinliches Paar von Vater und, wie hieß es einst: „unehelichem“ Sohn sind, verschärfte sich das Paradox. Also war es wirklich größerer Ehren wert als einer bloßen Lesung: jener Tiefenschürfung an den Grundfesten, auf die Theater im besten Falle abonniert ist.

Die zwei besorgten das instinktsicher, indem sie dem Publikum das Intime, im Moment Selbstgesagte verweigerten. Auch ließen sie mit keinem Wort das Wichtigste verlauten, was vorausgesetzt war: die Tatsache ihrer Vater-Sohn-Beziehung. Wer nicht vorweg davon wusste, an dem rauschte das vorbei, als würde er eine italienische Zeitung lesen, wo sich das Entscheidende aus Tradition gern hinter endloser Rhetorik versteckt und den Kern für Eingeweihte aufspart.

Nun mag es ja sein, dass Walser/Augstein ihr Verhältnis öffentlich aufführten wie nur je im Theater, besser noch: wie ein Laios und Ödipus oder Ödipus und Orest auf derselben Bühne, ohne Vatermord und Tätersuche, Rachelust und Fluch und blutdürstende Erinyen. Augsteins selbst-zitiertes Wort von der „Altersgeilheit“ vermöchte manchen Ödipus zum Sohnesmord veranlassen: nicht so Walser. Was wäre übrigens, wenn Jakob Augstein sich unwissentlich in Franziska Walser verliebt und beide Kinder bekommen hätten? Hätte er sich geblendet? Hätten die Kids Romane, Stücke oder Kolumnen verfasst? So viele Fragen, so wenig Zeilen.

Anfahrt vom Bodensee

Hohe Literatur versus Tagesschreiben, 91 gegen 50 Jahre: kein Wunder, dass „père“ Walser von der „longue durée“ der Dichter beim Erscheinen Klage führte, er habe trotz langer Anfahrt vom Bodensee schon den halben Tag in Frankfurt auf Augstein gewartet, dieser aber sei trotz simplen Flugs erst um 19 Uhr eingetroffen. Hamburgs Wetter und Frankfurts Gepäckband spielten nicht mit, hielt „fils“ Augstein gegen. Walsers Auftritt stach hervor, weil man ihn in seiner rotgesichtigen Klapprigkeit, mit den buschig-grauen Augenbrauen und der immensen körperlichen Imposanz erleben mochte wie Hans Castorp im „Zauberberg“ den Mynheer Peeperkorn alias Gerhart Hauptmann. Beiden, Hauptmann und Walser, haftet ja ein variables Maß an politischer Anrüchigkeit an. Beeindruckend der Zusammenprall zweier Generationen mit der Wucht eines „cultural clash“.

Dabei hatte der sich-lesende Walser mit fast allem Recht: dem Tadel an Hochmut und Konformismus „der“ Intellektuellen der 60/70er Jahre (wer sprach von „Spiegel“-Meinungsdiktatur?). Seiner Unterscheidung von „Sprache“, da sei er bei sich, und Vokabular, dessen er sich vielleicht im Tagesgefecht schuldig mache. Dem sicheren Gefühl um 1983, dass zur deutschen Teilung nicht das letzte Wort gesprochen sei. Und nicht zuletzt der altersweisen Einsicht: „Es liegt in der Natur des Begehrens, dass es nicht stillbar ist.“ Hier sah der Vater, der die Liebe teils nach Gefängnis klingen ließ, mit aus der Zeit gefallenen Sätzen wie dem zur Gleichberechtigung („Schmerz kennt kein Geschlecht“) aber doch recht alt und resignativ aus. Der Sohn in seiner Lustbetontheit wiederum älter, als er sich maskierte. Möge Walser mit einem Recht behalten: „Das Hohenzollersche, das Hitlersche wirst auch du nicht mehr erleben.“

Rede in Prag

Was, ganz grundsätzlich gefragt, heißt das überhaupt: sich an ein Leben erinnern? Rudi Dutschkes Ehefrau Gretchen war vor dem Walser-Augstein-Doppel zur Gesprächsrunde geladen. „Dutschke und 68 – was bleibt?“ war das Thema. „1968 – Worauf wir stolz sein dürfen“ hieß Gretchen Dutschkes Buch im Zentrum. Schon der Titel verspricht eine optimistische Grundausrichtung. Die Autorin machte dem alle Ehre. Zumindest erkannte sie in Deutschland, anders als in Amerika und vielen anderen Staaten, eine echte Demokratie, trotz aller Anzeichen für eine Verlagerung zu den Rändern und die Verschärfung des politischen Tons.

Ihr Mitdiskutant Milan Horácek, Prager Widerstandskämpfer von 1968 und lange ein enger Freund der Familie Dutschke, schüttelte da sehr skeptisch den Kopf. In der von Bernd Messinger mit viel Umsicht und der Kompetenz des engagierten Zeitgenossen moderierten Diskussion nahm Horácek den Part des enttäuschten Zweiflers ein: enttäuscht auch vom tschechischen Wahlvolk, das es erst möglich machte, dass ein Milliardär wie Andrej Babiš Ministerpräsident werden konnte.

Als Rudi Dutschke 1968 eine Rede in Prag hielt, in der viel von Marxismus und Sozialismus die Rede war, waren manche Prager Widerständler entsetzt: Waren genau das doch die alten Zöpfe, die sie verzweifelt abzuschneiden versuchten. Auch in dieser Hinsicht war die Diskussion eine Lehrstunde, wie sehr die gegenwärtige Sicht unsere Deutung der Vergangenheit prägt. Geschichte und damit auch Biografien – das diesjährige Thema bei „Literaturm“ – sind niemals abgeschlossen. Solange erzählt wird, sind sie immer in Bewegung.

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