E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 14°C

Frankfurter Hausgespräche: Romantik ist mehr als Sonnenuntergang und Märchenzauber

Von Shitstorms, Hate-Speech – nur Phänomene einer entgrenzten und aus den Fugen geratenen Gegenwart? Oder gab es das alles schon einmal. Wenn in Frankfurt 2020 das Romantik-Museum eröffnet wird, wird es auch um brisante und sehr aktuelle Fragen gehen.
Keiner hat den deutschen Philister in seiner bräsigen Gemütlichkeit so liebevoll karikiert wie Carl Spitzweg, hier in „Der Sonntagsspaziergang“. Um den Philister entbrannte in der Romantik ein erbitterter Streit. Abb.: Archiv Keiner hat den deutschen Philister in seiner bräsigen Gemütlichkeit so liebevoll karikiert wie Carl Spitzweg, hier in „Der Sonntagsspaziergang“. Um den Philister entbrannte in der Romantik ein erbitterter Streit. Abb.: Archiv

Nein, die Romantik ist nicht das Zeitalter der stimmungsvollen Sonnenuntergänge, die literarische Epoche der Märchen und Hausliederbücher. In der Romantik wurde gestritten bis aufs Blut, gekämpft um die schärfste Pointe. Parodie, Karikatur und Satire hatten Hochkonjunktur. Das machte das erste der „Hausgespräche“ deutlich. In der gemeinsamen Veranstaltungsreihe von Goethe-Haus, Haus am Dom, Stiftung Polytechnische Gesellschaft und Literaturhaus geht es an vier Abenden um das Thema „Zentrum und Extreme – Wechselspiele der offenen Gesellschaft“.

Die Auftaktveranstaltung im Hochstift richtete ihren Blick vom „Echoraum digitaler Medien“, wie Hochstift-Direktorin Anne Bohnenkamp-Renken die Diskussions- und Polemikkulturen und Unkulturen im Internet vornehm nannte, zurück in die Historie. In jene Epoche der Romantik nämlich, der das Haus mit einem eigenen Museum von 2020 an eine weltweit einmalige Ausstellungsplattform geben wird.

Ganz konkret: Shitstorms, Hate-Speech, ist das alles ganz neu? Oder gab es Vorläufer? Ist die Romantik gar eine Epoche, in der wir Heutigen uns spiegeln und uns begreifen lernen können?

Tiefe Unzufriedenheit

Eine mutige Frage und ein mutiger Ansatz: Denn mit dem Literaturwissenschaftler Günter Oesterle diskutierte Sonja Engel, die in Dresden über „Invektiven“ forscht und als Soziologin einen explizit gegenwartsbezogenen Standpunkt einnahm.

Die Romantik, machte Günter Oesterle klar, war eine Zeit der Unruhe, geboren aus der tiefen Unzufriedenheit mit der gesättigten Philister-Behaglichkeit derer, die sich trefflich eingerichtet hatten in ihrer bürgerlichen Wohlfühlecke. Romantik war geharnischter Protest gegen bürgerlichen Muff, ausgetragen übrigens zum Großteil in Universitäten – eine beachtliche Parallele zu jenen Ereignissen vor 50 Jahren, deren Jubiläum wir in diesen Tagen begehen. Was sie taten, wenn sie sich in Tischgesellschaften trafen, wenn sie hart diskutierten, sich in Polemiken überboten, war ein Kampf gegen das soignierte Establishment, dem vor lauter Wohlergehen die Lebensintensität abhandenzukommen drohte. Oft wurde er mit extremer Radikalität geführt: Nur ja kein Zurückweichen war die Devise. Auf jede Zuspitzung, so Oesterle, folgte noch eine, bis die Schmerzgrenze überschritten war.

All das erinnert nicht nur von ungefähr an jene Diskussionsstrategien, wie wir sie heute aus Internet-Foren und den Social Media kennen. Auch hier wird kräftig zugelangt. Geschmack und Anstand bleiben im Interesse der Wirkung oft auf der Strecke.

Parallelen zu Battle-Rappern, zu Farid Bang und Kollegah und ihren verachtenden Songtexten muss man nicht ziehen. Und doch ist beachtlich, wie judenfeindliche Argumente auch die Wortschlachten der Romantiker durchzogen – die kein Problem damit hatten, zugleich mit Juden bestens befreundet zu sein. Auch hier also scheint es, ähnlich wie heute, so gewesen zu sein, dass es interne Diskursregeln gab, innerhalb derer man ungestraft über die Stränge schlagen und in geschmacklose Sphären abdriften durfte. Und es gab dieselbe Gefahr wie heute: dass die Anfeindungen, sobald sie außerhalb der „Community“ rezipiert wurden, eine gefährliche und nicht mehr zu kontrollierende Eigendynamik entwickelten.

Hinzu kommt, dass die Romantik ein Medienzeitalter war wie keines zuvor. Neue Zeitschriften kamen auf. Das „Intelligenzblatt“ wurde erfunden – eine Beilage zu langweiligen Rezensenten-Organen: Hier konnte sich (gegen Bezahlung) jeder einmengen und laut „Stimmt nicht!“ rufen – und so jeden Streit der Welt vom Zaun brechen. Ein ideales Forum zum Polemisieren, das das biedere Buchbesprechungswesen aufmischte. Alten Verlegern wie Friedrich Nicolai standen die Haare zu Berge.

Fulminanter Auftakt

Die Romantik als medial geführter Generationenkampf: eine Diagnose, die es in sich hat. Was machen wir Heutigen mit solch einem Zeitspiegel? Im Idealfall erkennen wir uns und stellen uns neue Fragen, oder alte mit neuer Dringlichkeit. Und das Romantik-Museum? Wie lässt sich solch eine Aktualität in einer Ausstellung zeigen? Auf eine Antwort werden wir wohl noch eineinhalb Jahre warten müssen. Dann aber könnte es hoch hergehen. Es war ein fulminanter Auftakt der „Hausgespräche“.

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen