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Ausstellung: Rubens rollt im Städel heran

Von Ganz klar, sie friert, Rubens’ Venus – doch warum nähert sich ein zotteliger Satyr von hinten? Und was erzählt Rubens in dieser Szene? Die Ausstellung in Frankfurt zeigt Erstaunliches.
Frisch im Städel eingetroffen: Peter Paul Rubens’ „Venus Frigida“ von 1614, davor Museums-Vizedirektor Professor Jochen Sander. Foto: Heike Lyding Frisch im Städel eingetroffen: Peter Paul Rubens’ „Venus Frigida“ von 1614, davor Museums-Vizedirektor Professor Jochen Sander.
Frankfurt. 

Es war einmal ein junger Mann aus bestem Hause, der wollte unbedingt Maler werden. Seine Mutter wird das kaum gern gesehen haben, der Vater, ein angesehener Jurist, verkehrte in höchsten Kreisen, starb allerdings früh. Peter Paul Rubens, so hieß der Junge, stand da gerade in seinem zehnten Lebensjahr.

Der Junge, 1577 in Siegen geboren, setzte sich durch. In Antwerpen, wohin die Mutter nach dem Tod des Vaters zog, machte er seine ersten künstlerischen Erfahrungen. Überliefert ist aus dieser Zeit jedoch nichts. 1601 reiste er nach Italien: Die Begegnung mit der Antike und der großen Kunst Italiens muss für ihn ein Erweckungserlebnis sondergleichen gewesen sein.

Die Ausstellung, die das Städel vom 8. Februar an zeigen wird, will augenfällig machen, in welchen Traditionen Rubens stand, welcher Vorbilder er sich bediente – und vor allem wie.

Schöne frierende Frau

Die frierende Venus, Venus frigida, oben im Bild zu sehen, gehört zu den großen Meisterwerken von Rubens. Eineinhalb Jahre wurde das Werk jetzt in Wien restauriert und ist nun in Frankfurt erstmals in seiner frischen Form zu sehen, quasi auf dem Rückweg ins heimische Antwerpen. Gestern wurde es im Städel angeliefert, in einer großen, schweren Holzkiste, und unter den Augen des Museumspersonals, der Städelrestauratorin und der begleitenden Botin sorgsam enthüllt.

Die Szene auf der Leinwand mutet merkwürdig an: Venus und ihr kleiner Sohn Amor scheinen bitterlich zu frieren, ihr Blick geht zur Seite. Doch von hinten nähert sich ein zotteliger Satyr, ein Mischwesen aus Mensch und Ziegenbock. In den Händen hält er ein Füllhorn mit Speisen und Trank. Rubens illustriert hier ein Sprichwort des antiken Komödiendichters Terenz, vor 400 Jahren jedem geläufig: Ohne Bacchus und Ceres friert Venus. Sinngemäß etwa: Ohne Kost und Wein kann die Liebe nicht gedeihn. Ohne sie sind die beiden verlassen, sind sie nichts, alles an dem Mutter-Kind-Paar, Haltung und Blick, wirken hoffnungslos.

Füllig und wohlgenährt

Die füllige Frau, so recht dem barocken Schönheitsideal entsprechend, hat allerdings ein Vorbild: die antike Statue einer kauernden Frau in Lebensgröße. Jochen Sander, Ausstellungsleiter und Städel-Vizedirektor, hat sie ausfindig gemacht. Vor dem Bild platziert, wird der Betrachter die Möglichkeit zum direkten Vergleich haben – und feststellen, dass die schamhaft sich zur Seite drehende antike Venus ursprünglich in einen ganz anderen Kontext gesetzt wurde: Kurz davor, ein Bad zu nehmen, wird sie überrascht und versucht, ihre weibliche Schönheit mit der Hand zu verbergen.

Rubens nimmt also das überlieferte antike Motiv, verwandelt es und setzt es in einen ganz anderen, seiner Zeit gemäßen Zusammenhang. Ähnlich macht er das auch mit anderen Motiven, einem animalisch triebhaften Centaur etwa, dessen männlichen Oberkörper er in Rom, wie eine Serie von Zeichnungen beweist, akribisch studiert – um ihn dann, ausgerechnet, für die Darstellung des leidenden Christus vor seiner Kreuzigung zu verwenden.

Marmorne Vorbilder in Figuren wie aus Fleisch und Blut zu verwandeln, und zwar so lebensecht, dass der Gedanke an den skulpturalen Ursprung gar nicht mehr aufkommt, das ist fortan Rubens’ Programm – und ein entscheidender Baustein zu seinem kometenhaften Aufstieg. Die Ausstellung wird es augenöffnend und überraschend zeigen, nicht nur an diesem Beispiel.

Reich und berühmt

Rubens wird zum erfolgreichsten Maler seiner Zeit, zweifach geadelt und damit Tizian übertreffend, dem diese Ehre nur einmal zuteil wurde. Zeitlebens wird er darauf achten, sich nicht bei der Arbeit zu zeigen, kein Handwerker will er sein, der sich die Hände schmutzig macht. Stets, bleibt er, auch als Maler, standesbewusst ein Abkömmling der höheren Schichten.

Venus pudica wird zu Venus frigida, die schamhafte Schöne zur frierenden, und mit dem nach ihr begierigen Satyr, der sich von hinten wollüstig nähert, gewinnt die Szene eine ganz neue Deftigkeit: Ich bringe dir Speis und Trank, dann kannst du für mich schön sein und wir haben es gut miteinander . . . – wenn das nicht eine ganz neue Dynamik in die Situation bringt!

Im 17. Jahrhundert noch, aber erst nach seinem Tod, wurde das Bild erweitert um die Landschaft zur Linken. Zunächst war das Gemälde ein Hochformat: Peter Paul Rubens war ein Geschichtenerzähler, und ursprünglich hat er ganz nah an die Figuren herangezoomt.

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