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Musik: Rückblick auf das Musikjahr 2017: Es gab mehr als Ed Sheeran

Im Rückblick verschwimmt vieles. Ein guter Grund, das Musikjahr 2017 noch einmal Revue passieren zu lassen. Begleiten Sie uns auf eine kleine Rundreise.
Kendrick Lamar: „Damn“. Bilder > Kendrick Lamar: „Damn“.

Kaum zu glauben, aber es gab in den zurückliegenden zwölf Monaten tatsächlich auch noch andere Menschen, die neben Ed Sheeran Musik veröffentlicht haben. Zwar hat der Brite sein aktuelles Album „Divide“ in diesem Jahr weltweit mehr als zehn Millionen Mal verkaufen können – doch sprechen diese irren Verkaufszahlen auch für die Qualität des Albums? Sind Fiedel-Folk-Pop und Pub-Rap im Jahr 2017 tatsächlich noch das musikalische Maß aller Dinge? Blickt man auf die Pop-Alben, die in diesem Jahr veröffentlicht wurden, da fallen einem doch viele, viele spannendere Platten ein.

Gitarren-Musik

Zum Beispiel das Meisterwerk „A Deeper Understanding“ (Warner) der „War On Drugs“. Das Quintett aus Philadelphia bastelt auf seinem vierten Album aus den Errungenschaften von Bruce Springsteen, Tom Petty, Neil Young und Jackson Browne ein paar tröstende Wadenwickel und beweist, dass Gitarren-Musik auch im Zeitalter von Streaming-Diensten wie Spotify noch ziemlich körperlich sein kann. Kein Lied ist hier kürzer als vier Minuten, und in jedem Song ist mindestens ein gnadenloses Gitarren-Solo versteckt. Dazu gibt es sphärische Keyboards, verzerrte Bläser, meditative Beats, ölige Bässe. Das sind keine Hits im klassischen Sinne, es sind jedoch die perfekten Nummern für das Autofahren in der Spätsommersonne. Das ist grandios ausgetüftelte Gitarren-Musik.

Wobei, strenggenommen zählen ja auch „Slowdive“ zur Rockmusik – das Quintett aus England arbeitet schließlich ebenfalls mit Gitarren, Bass und Schlagzeug. Doch „Slowdive“ gelten als Begründer des Shoegaze, einer Musikart, die sehr laut ist und bei der die ausführenden Musiker auf ihre Schuhe starren. In der Theorie klingt das grau, in der Praxis umwerfend – und hat mit traditioneller Rockmusik nicht mehr viel gemein. „Slowdive“ haben sich 1989 gegründet und 1995 aufgelöst. Seit 2014 musiziert die Band wieder, im vergangenen Frühjahr veröffentlichte sie nun ein neues Album, das sie kurzerhand nach sich selbst benannte. Und „Slowdive“ (Cargo) ist herzergreifend: Durch die brachialen Gitarrenwände und Taumel-Beats schälen sich zarte Melodien, die selbst Brian Wilson zu Tränen rühren dürften.

Ähnliches erlebt man auch beim Hören der Platte „I See You“ (Beggars) des britischen Trios „The xx“. Das tatsächlich schon dritte Album der Sound-Tüftler konzentriert sich auf zaghaften Indie-Pop und zeitgenössische Elektronik-Musik. Das ist nahezu körperlose Musik. „The xx“ reichen sanfte Beats und zwei wundersame Stimmen, um die schönsten, feinsten Pop-Songs des Jahres zu komponieren. Das Konzert in der ausverkauften Jahrhunderthalle, das das Trio im Februar spielte, zählt ebenfalls zu den diesjährigen Frankfurter Bühnen-Höhepunkten.

Beat-Maschine

Auch im Hip-Hop war in diesem Jahr wieder jede Menge los, und einmal mehr begeisterte vor allem US-Rapper Kendrick Lamar die Massen. Hatte der 30-Jährige mit seinem 2015 erschienen Meisterwerk „To Pimp A Butterfly“ (Interscope) selbst Präsident Barack Obama um den Finger gewickelt, kommt sein aktuelles Album „Damn.“ (Interscope) nun wieder viel härter daher. Kendrick Lamar verzichtet auf Jazz-Elemente, haut dafür aber wieder ordentlich auf die Beat-Maschine. Das ist aggressiv und schnell, düster und Galle spuckend. Kendrick Lamar zeigt, dass er nach wie vor der Beste seines Fachs ist, dass er klassischen Hip-Hop, Soul und Jazz beherrscht. Das macht ihm auf diesem Niveau so schnell keiner nach – erst recht nicht Rap-Veteran Eminem, der in diesem Jahr ebenfalls sein Comeback-Album „Revival“ (Universal) veröffentlichte, das so mau und zahnlos ist, dass selbst Fans nur ratlos mit dem Kopf schütteln.

Und auch in deutscher Sprache wurde gesungen: „Der Nino aus Wien“ hat mit dem Album „Wach“ (Problembär) etwas fabriziert, dass die Älteren vielleicht als Austropop kennen, die Jüngeren vor Frechheit und Coolness umbläst: Die Songs heißen „Was ich schon gefunden hab“, „Tränen machen wach“ und „Zeit zum Werden“ und klingen, als habe Bob Dylan mit Reinhard Fendrich um die Wette gesoffen. Hätten die Musiker am Morgen danach ein gemeinsames Album aufgenommen – so hätte es geklungen. „Der Nino aus Wien“ fabriziert derzeit gemeinsam mit österreichischen Bands wie „Wanda“, „Bilderbuch“ und dem Sänger Voodoo Jürgens die interessantesten deutschsprachigen Songs. Doch weil in diesem Jahr auch Tom Petty gestorben ist, ist alles am Ende ja doch nur Quark: Ohne „American Girl“ gibt es schließlich keinen Sommer.

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