Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 13°C

Ausstellung: Rüsselsheimer Opelvillen widmen sich der DDR-Modefotografie

Die „Sibylle“ war im Osten das, was die „Brigitte“ im Westen war. Aber die „Sibylle“ wagte mehr, sie zeigte selbstbewusste und kluge Frauen und wurde damit zur „Vogue des Ostens“.
Modefoto für „Sibylle“ im heute weißrussischen Minsk, damals, 1981, noch UdSSR. Bilder > Foto: © Ute Mahler/OSTKREUZ (www.ostkreuz.de) Modefoto für „Sibylle“ im heute weißrussischen Minsk, damals, 1981, noch UdSSR.

Gab es das überhaupt: Mode in der DDR? Ja, klar, und zwar verblüffend gute, oft gewitzt aufgepeppte Konfektionsware aus der VEB-Fertigung, den sogenannten volkseigenen Betrieben. Zu verdanken ist das einer Gruppe von Kunstbegeisterten, die sich auch für Mode interessierte. Da es die aber nicht zu kaufen gab, experimentierte man und verkaufte mit Schnittmustern ein besonderes Lebensgefühl und den Mut, Individualität und Träume zu leben. Kleine Alltagsfluchten also.

„Sibylle“ hieß die Zeitschrift, die das alle zwei Monate ermöglichte. Für die Probenummern lieh eine Moderedakteurin ihren Vornamen. Dabei blieb es dann 39 Jahre lang von der Gründung 1956 bis zum Ende 1995. Der Name passt, denn das Doppeldeutige und Rätselhafte der griechischen Prophetin zeichnet auch die Zeitschrift aus, die nach der Wende viele Leser verlor und schließlich eingestellt wurde. Jetzt feiert sie bis 26. November eine kurzzeitige Wiederauferstehung in den Rüsselsheimer Opelvillen anhand von mehr als 200 Fotos.

Die Schau dreht sich also weniger um die wechselhafte Geschichte der „Sibylle“, die sich im Untertitel „Zeitschrift für Mode und Kultur“ nannte und auf der Hälfte ihrer 80 Seiten über Kunst, Literatur, Theater und interessante Menschen berichtete. Der andere große Teil galt der Mode mitsamt den Schnittmustern. Die „Sibylle“ war folglich keine typische Frauenzeitschrift. „Sie war ein Forum für künstlerisch ambitionierte Fotografie, jeder konnte seine Handschrift beibehalten“, meint Opelvillen-Chefin Beate Kemfert.

Kemfert versammelt nun die 13 wichtigsten Lichtbildner in mehr oder weniger chronologischer Reihenfolge. Alles beginnt mit Arno Fischer, der noch heute als Legende der DDR-Fotografie gilt. Er lehrte an der renommierten Kunsthochschule Berlin-Weißensee und kam 1962 zur „Sibylle“. Doch seine Mischung aus Dokumentarischen und Sozialem schlug sofort ein. Fischer schaffte gleich anfangs die „Puppenposen“ ab und ging dafür mit den Modellen, meist Modestudentinnen, auf die Straße und knipste sie gern in Bewegung.

Ohne Distanz

Schon 1962 stellte er eine junge Frau im Wintermantel vor einen Gasometer – das Bild wurde rasch zur Ikone des Aufbruchs der DDR-Modefotografie, entstanden ein Jahr nach dem Bau der Mauer. Fischer zeigte keine mondänen Damen, aber selbstbewusste und kluge Frauen in ihrem Umfeld. Er durchstreifte sogar die Stadt Bitterfeld, damals das Zentrum der chemischen Industrie in der DDR, und war „erschüttert über den Dreck und die Tristesse. Ich wollte einfach wissen, ob man in dieser Stadt, in der so viele Menschen leben und arbeiten müssen, Mode ohne Distanz oder gar Zynismus fotografieren kann, ob es eine Mode gibt, die diesem Umfeld standhält.“

Und ob sie standgehalten hat – längst sind derlei Locations, wie man heute sagt, in der Modeszene gang und gäbe. So zeigt der fulminante Rückblick, dass die Ostfotografie unterschätzt wird. Freilich überwiegt bis in die 90er Jahre Schwarz-Weiß, da die Colorfilme oft Farbstiche hatten. Doch die politische Kritik, die man heute in die Fotos hineinliest, ist nicht immer richtig. Arno Fischer etwa trieb anderes um: „Oft haben wir Träume verkauft, weil wir selbst geträumt haben“. Da ist er wieder, der Hinweis auf die Träume, weg vom piefigen DDR-Alltag.

Künstlerisch genähert

Wie breit das künstlerische Spektrum war, zeigt sich im zweiten Raum bei Günter Rössler, der zeitgleich mit Fischer für die Zeitschrift arbeitete. Rössler war ein Fotograf der alten Schule, betonte das Femine der Modelle, zeigte sie energisch auftretend in schicken Kleidern mit kessen Punkten und steilen Pumps. Später widmete er sich der Aktfotografie und wurde zum „Helmut Newton der DDR“.

Spätestens bei Sibylle Bergemann sieht der Besucher, dass die Modefotografie auch eine sehr persönliche Porträtfotografie war. Bergemann, eine Schülerin von Fischer und später seine Frau, reizte das Verkleiden und das Rollenspiel. Sie näherte sich künstlerisch der Modefotografie, „die Mode war unreal“, wie sie zugab. So ließ sie ein Modell auf einem Ball posieren, als sei es ein Globus, mit einer Hand in den Himmel weisend, als würden dort alle Probleme gelöst.

Allerdings wurde Bergemanns 1981 aufgenommenes Foto von zwei jungen Frauen in Strandkleidern kurz vor dem Druck der Zeitschrift von der DDR-Zensur aufgehübscht. Eine der beiden Frauen blickte derart grimmig drein, dass man ihre Lippen etwas liften wollte. Aber der Eingriff misslang, die Szene wirkt nicht heiter, die Lippen sind unnatürlich dick. Doch derlei wagten die Zensoren selten. Oft blieb es bei Mäkeleien, weshalb die Modelle so freudlos aussahen oder weshalb sie vor alten Häusern standen statt vor hellen Berliner Cafés.

Die „Sibylle“ wurde mit ihren 200 000 Exemplaren bewusst klein gehalten neben den 30 anderen Frauenblättern. Gekauft werden konnte sie also von nur etwas mehr als einem Prozent der DDR-Bevölkerung, sie wurde aber eifrig getauscht. Gut verdient haben jedoch weder die Fotografen noch die Modelle. Fast alle waren anderweitig beschäftigt oder studierten, konnten sich folglich mit Herzblut der „Sibylle“ widmen. Und die vermittelte schon früh ein ganz anderes Bild von couragierten Frauen, das sich im Westen so nicht fand bei Brigitte & Co. Zu Recht gilt die „Sibylle“ als „Vogue des Ostens“.

 

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse