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Schriftsteller Andreas Maier huldigt dem Apfelwein: Säure, Restsüße, liebevolle Nostalgie: Im milden Licht des Schoppens

Manche schrecken vor dem Getränk zurück. Doch wer wie Andreas Maier in der Wetterau aufwuchs und in Frankfurt zum Dichter wurde, der weiß, dass der Apfelwein ein Mysterium ist.
Apfelwein Foto: Daniel Kaspar Apfelwein
Frankfurt. 

In meiner Kindheit hatte meine Familie mit Apfelwein nichts zu tun. Der Begriff kam so gut wie nicht vor, obgleich ich aus einer klassischen Streuobstwiesenregion stamme, der Wetterau. Man kann die kommerziellen Verwüstungen unseres Ernährungsverhaltens in den siebziger Jahren an meiner Familie gut ablesen. Noch unmittelbar vor meiner Geburt im Jahr 1967 befand sich dort, wo später mein Elternhaus hingebaut wurde, ein Obst- und Gemüsegarten.

<span></span> Bild-Zoom Foto: Marius Becker (dpa)
In meiner Kindheit standen immerhin noch ca. zehn oder fünfzehn übriggebliebene niedrigstämmige Apfelbäume auf dem Grundstück. Zwar kam einmal im Jahr die ganze Großfamilie aus dem Raum Frankfurt zu uns, um bei der Lese zu helfen, und dann gab es Apfelkuchen und alles wurde eingekocht oder versaftet oder zur Lohnkelterei gebracht, aber Apfelwein wurde daraus nicht mehr gemacht. Und ich kann auch nicht sagen, dass die Familie ein besonderes Verhältnis zu Äpfeln entwickelt hätte. Nur aus Erzählungen weiß ich, dass mein Urgroßvater, der im Jahr meiner Geburt gestorben ist, in früheren Jahren stets in einem großen Fass Apfelwein ausgebaut hat, und dass die ganzen Nachbarn zu ihm kamen, sich mit ihrem Schoppenglas bei ihm aufs Bänkchen setzten und Apfelwein ausgeschenkt bekamen. Also, dass unsere Apfelbäume einmal für eine ganze Anzahl Menschen wichtig gewesen waren. Mein Urgroßvater war Selbstversorger, auch was das Gemüse anging. In meiner Kindheit fuhren sie bereits alle zu den Supermärkten und kauften dort, und die Apfelbäume verschwanden fast ganz.

Meine erste Berührung mit Apfelwein bestand in Erzählungen älterer Schüler. Diese gingen in eine für mich als Kind sagenumwobene Apfelweinwirtschaft namens „Schillerlinde“, wenn sie Freistunden hatten. Dort tranken sie Apfelwein, und offenbar war es für sie Kult, in diese uralte Wirtschaft zu gehen. Die Abi-Zeitungen waren voll von liebevollen Anekdoten, die in jener „Schillerlinde“ spielten. Ich allerdings war zu jung dafür, und meine Familie ging nicht in solche Lokale.

Das erste Mal

Als ich das erste Mal selbst eine Apfelweinwirtschaft betrat, überschritt ich gleichsam eine soziale Grenze, denn tatsächlich hatte das Umfeld, in das ich dort hineingeriet, mit dem meiner Familie nichts zu tun. Es waren klar voneinander abgegrenzte Bezirke. Allerdings wurde mir sehr schnell klar, dass ich in diesen Wirtschaften meine Heimatstadt noch einmal ganz anders, und ich vermute besser, kennenlernte. Mich wunderte übrigens, wie viel sie in diesen Wirtshausgesellschaften über die anderen, auch über meine eigene Familie, wussten. Mir selbst waren alle diese Leute erst einmal völlig unbekannt. Meine Eltern hatten nie von ihnen erzählt.

Das Wohnzimmer des Schriftstellers: „Zu den drei Steubern“ in Sachsenhausen. Bild-Zoom Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA
Das Wohnzimmer des Schriftstellers: „Zu den drei Steubern“ in Sachsenhausen.

Im Nachhinein scheint mir, dass meine Familie diese Gesellschaft immer gemieden hat, warum auch immer. Dabei war auch mein Urgroßvater stets zum Apfelwein gegangen, etwa ins „Goldene Fass“ zum Dämmerschoppen. Dämmerschoppen – auch so ein Wort, das in unserer Familie nicht vorkam und erst später in meinem Leben eine Rolle spielen sollte.

Soziale Abgrenzung und Apfelweinwirtschaft, das geht nicht zusammen. Ich empfand die Friedberger Apfelweinwirtschaften als eine Art Resozialisierungsmaßnahme meiner eigenen Person. Friedberger wurde ich, wenn überhaupt, erst mit achtzehn, neunzehn Jahren, und zwar durch die beschriebene Gesellschaftsauswechslung.

Hier nun müsste ich natürlich etwas über die „Schillerlinde“ oder etwa das „Deutsche Haus“ in Bad Nauheim schreiben, aber man muss sich bei der Beschreibung einer Apfelweinwirtschaft nicht immer im Besonderen und im Detail ergehen. Das ist inzwischen, wie man an den unzähligen Publikationen über Apfelwein und Apfelweinwirtschaften sieht, eine ganze Literaturgattung geworden. Es reicht, wenn ich sage: Das waren bzw. sind klassische Apfelweinwirtschaften. Jede ist besonders, und jede, die schließt, ist ein unwiederbringlicher Verlust, aber jedes Gespräch über sie birgt eine gewisse Tendenz zur Wiederholung (wie man diesen neu entstandenen Büchern ansehen kann). Die „Schillerlinde“ schloss im Jahr 2000 ihre Türen, in den Gesprächen der Friedberger ist sie noch immer da und wird noch lange unvergessen bleiben. Auch ich kann in meinem Kopf noch immer durch die geistige Tür gehen und bin dann wieder in der „Schillerlinde“, und Erwin Rausch, der Wirt, kommt angeschlurft in seinem typischen, etwas nachlässigen Gang, Schulter leicht hochgezogen, und stellt mir den Apfelwein hin.

Bilderstrecke Kultgetränk Apfelwein - Eine Zeitreise rund ums Stöffche
Das goldfarbene Stöffche schmeckt den Hessen schon seit Jahrhunderten. Apfelwein ist aber nicht nur ein bis heute beliebtes Erfrischungsgetränk, sondern ein hessisches Kulturgut mit vielen Facetten. Für viele ist der Ebbelwei einfach nur "Kult". Wir haben uns auf eine Zeitreise begeben und einige Impressionen vergangener Tage in einer Bilderstrecke zusammengefasst.Impression von der Ausstellung "Apfelwein macht schön, schlank und schlau" im Haus zum Löwen in Neu-Isenburg, Jahr unbekannt. So riesig war der Bembel im Garten „Zur Erholung“ – im Inneren war Platz für ganze Kartenspielgesellschaften.Eine Apfelpresse aus dem 18. Jahrhundert.

Später zog ich nach Frankfurt und lernte Apfelweinwirtschaften in einer viel größeren Diversität kennen. Jede hat ihren eigenen Mythos, und um jede ranken sich abertausende Erzählungen. Fast alle diese Erzählungen spielen sich in der Vergangenheit ab.

In Frankfurt wurde ich Schriftsteller, wurde in andere Sprachen übersetzt, reiste viel, kam von Madrid bis Moskau, lebte ein Jahr in Rom. Das Leben, das man als Schriftsteller führt, ist nicht lokal gebunden, sondern eher universal. Man ist ja durch seine Bücher an allen Orten existent.

Es blieb aber nicht aus, dass sich die Leute hierzulande irgendwann meines Wetterau- und Frankfurtseins erinnerten und mich auf das Thema Apfelwein ansprachen. Oft, wenn ich sagte, dass ich Apfelwein trinke, guckten sie ganz erschrocken und fragten, ob ich wirklich so hart lokalpatriotisch sei, dass ich sogar dieses untrinkbare Getränk tränke? Als ich mich zum ersten Mal nach meinem Debüt mit einem „F.A.Z.“-Redakteur traf, war das in der Apfelweinwirtschaft „Schreiber-Heyne“. In einigen Redaktionen wussten sie also: Der trinkt Apfelwein.

Atom oder Apfelwein

Es gab zwei Themen, für die ich stets in den Redaktionen infrage kam. Wenn du einmal mit einem Thema verbunden bist, wirst du es so schnell nicht mehr los. Das eine Thema bei mir hieß „bundesdeutscher Atomwiderstand“ (einfach, weil ich mal in der Nähe von Gorleben gewohnt habe), das andere „Apfelwein“. Immer wenn in den Feuilletonredaktionen eines der beiden Themen auftauchte („Atom“ oder „Apfelwein“), war es nicht unwahrscheinlich, dass ich gefragt wurde, ob ich nicht etwas dazu schreiben könnte. So passierte es unter anderem, dass ich 2006 von der „F.A.Z.“ angefragt wurde, ob ich nicht etwas dazu schreiben könne, dass während der Fußball-WM im Frankfurter Stadion kein Apfelwein ausgeschenkt werde dürfe. Als die EU mal überlegte, den Namen Apfelwein zu verbieten, klingelte natürlich auch mein Telefon. Als Fukushima hochging, klingelte mein Telefon wie wild.

Auf diese Weise habe ich auch in den letzten zehn, fünfzehn Jahren an diversen Büchern mitgewirkt, die unter dem Label „Rund um den Apfelwein“ auf den Markt gekommen sind.

Währenddessen ging meine persönliche Apfelweinsozialisierung weiter. Ich lernte immer mehr Leute kennen, die etwas mit Apfelwein zu tun haben. Auf der Buchmesse 2000 begegnete ich zum Beispiel Jörg Stier, als er gerade sein wichtiges Buch „Vom Baum in den Bembel“ veröffentlicht hatte. Die Anfrage der „F.A.Z.“ und mein anschließender WM-Artikel führten dazu, dass mich die Firma Possmann zu einer Kellerführung einlud.

Säurebesessen

Heute gehe ich mit der Kelterei stets zur Apfelblütenwanderung im Frühjahr. Ich kam mit Wirten in Kontakt, kelterte selbst jahrelang in einer Ockstädter Wirtschaft mit, mein Geschmack wurde besser, ich lernte wieder Restsüße trinken, wurde immer säurebesessener. Und ich lernte die Extremsportler der hiesigen Region kennen, was Apfelweinkelterei angeht, so etwa Wolfgang Wagner, den Wirt der „Drei Steuber“, dessen Apfelwein unvergessen ist, auch wenn es diesen Apfelwein seit Jahren nicht mehr gibt. Sein letzter hielt zweieinhalb Jahre, dann war er leergetrunken, und ich nahm an Weihnachten zum Geläut meinen letzten Liter von ihm mit auf den Eisernen Steg mit (der Apfelwein hatte noch ein weiteres halbes Jahr in meinem Keller auf diesen Moment gewartet), ich trank ihn zur Hälfte und spendete den Rest in den Main, auf dass Wolfgang Wagners Schoppen auf immer um uns herumfließen mag. Oder ich lernte den Mann kennen, den ich „Apfelweingott“ nenne, der bekannte Künstler Hendrik Docken, der an der Hohemark wohnt und dort neben seiner Kunst Apfelweine macht, wie man sie sonst nirgends bekommen kann, denn keiner hat Zugriff auf so viele unterschiedliche Apfelsorten auf eigenem Terrain. Wie ein Druide hockt er da oben in seiner ehemals keltischen Siedlung und zaubert mit seinen Glasballons. Andere wären zu nennen, natürlich Andreas Schneider, der den Apfelwein bei uns auf internationales Niveau gehoben hat. Robert Theobald mit seiner Buchscheer („Ganz Sachsenhausen ist von zugekauftem Apfelwein besetzt? Nein, eine kleine Gaststätte an der Louisa leistet dem Eindringling tapfer Widerstand“).

Mein Verlag hat mich öfter gefragt, ob ich nicht selbst einmal ein Buch über Apfelwein schreiben möchte. Ich zögere da. Ich finde den größten Teil der Apfelweinliteratur zwar etwas zu gemütlich. Und jede Apfelweinwirtschaft erzählt ihre Geschichte tausendmal intensiver, als es ein Text über sie könnte. Was man vor allem nicht in diesen zahllosen Apfelweinbüchern neueren Datums suchen sollte, ist schonungslose Offenheit. Vieles bleibt unter die Decke gekehrt, und je länger ich darüber nachdenke, desto richtiger finde ich das. Wer sich über Apfelwein informieren will, muss vor Ort sein und sich privat erkundigen. Ich würde nie schreiben, wo man Apfelwein meiner Meinung nach trinken kann und wo zumindest ich ihn nicht trinken möchte. Fasspflege, wir wissen das alle, ein Kapitel für sich. Aber es gehört nicht in Verbindung mit irgendwelchen Namen in die Öffentlichkeit. Deshalb bleiben diese Apfelweinbücher aus guten Gründen immer im Modus des Positiven, des Lobens. Sie gießen ein mildes, schoppenähnliches Licht über das ganze Thema, auch über alles Verschwiegene. Wenn ich aber (nur als Beispiel) in einem gerade eben erst erschienenen Buch solcher Art den Hinweis lese, in den „Drei Steubern“ schenke Wolfgang Wagner nach wie vor wie seit eh und je seinen selbstgekelterten Schoppen aus, dann klingt das zwar sachkundig und eingeweiht, macht mich aber manchmal doch etwas stutzig, wie ernst es einige solcher Bücher mit dem Apfelwein meinen. Andererseits schaffen diese Bücher Öffentlichkeit, und das ist gut, auch wenn wirkliche Liebe natürlich manchmal anders aussieht.

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