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Wochenende mit Goethe: Sanierung des Brentanohauses macht große Fortschritte

Von Der Tag des offenen Denkmals ist eine gute Gelegenheit, das Haus zu erkunden, in dem Frankfurts Großdichter Goethe gern zu Gast war und seinen Rheinwein genoss.
Der rote Salon ist erhalten, wie er vor 200 Jahren genutzt wurde. Möbel, Bilder, Böden und Tapisserien werden im kommenden Jahr untersucht. Bilder > Foto: Fredrik Von Erichsen (dpa) Der rote Salon ist erhalten, wie er vor 200 Jahren genutzt wurde. Möbel, Bilder, Böden und Tapisserien werden im kommenden Jahr untersucht.

Wem vor 200 Jahren die Literatur und die Zukunft Deutschlands ein Anliegen war, der besuchte das Brentanohaus in Winkel. Alle, alle waren sie da: die drei Grimm-Brüder ebenso wie Ludwig Tieck, August und Wilhelm Schlegel, der Freiherr vom Stein, die Brüder Boisserée, Carl von Savigny, Karoline von Günderrode, Achim von Armin und auch Clemens Brentano, wenngleich nur selten und stets auf Durchreise, wie immer und überall in seinem Leben. Regelmäßig hingegen Bettine, seine Schwester. Sie war der Mittelpunkt des Hauses, denn auch das war eines ihrer Talente: eine anregende Gastgeberin zu sein, die stets dafür sorgte, dass sich wohlfühlte, wer auch immer sie im Sommerhaus ihrer Familie besuchte.

Das Brentanohaus in Winkel, 1804 vom Kaufmann Franz Brentano als Sommersitz gekauft (und deswegen bis heute im Winter nicht zu heizen), wurde so zu einem der zentralen Orte der deutschen Romantik. Vor gut eineinhalb Jahren ging es nach langen Verhandlungen über in den öffentlichen Besitz. Saniert wird es gemeinsam von der Stadt Oestrich-Winkel sowie vom Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt, dem Träger des Goethehauses und des künftigen Romantikmuseums.

Als lebten sie noch heute

Dass Angela Baronin von Brentano sich nach wie vor der Aufgabe annimmt, durch die historischen Räumlichkeiten des zwischenzeitlich eingerüsteten Hauses zu führen, ist eine glückliche Fügung: Sie ist ein Grund dafür, dass das Haus trotz mehrjähriger Umbauzeit nicht ins Abseits gerät, sondern sich vor Anfragen kaum retten kann. Fast täglich führt sie derzeit Besuchergruppen durchs Haus – und dabei weiß die studierte Germanistin so lebhaft von dessen Geschichte zu berichten, als stehe sie mit allen Ahnen und Freunden der Familie noch in regem Kontakt. Angefangen mit Antonie von Brentano, geborene Birkenstock, die ihrem Mann Franz sechs Kinder gebar und die Familie, die ihren Stammsitz aus der Lombardei ins Frankfurter Haus zum Goldenen Kopf verlegt hatte, so gut es ging beisammen hielt. Die Baronin erzählt von Dichterwettbewerben und kleinen Theaterstücken in trauter Runde im Roten Salon, der heute noch existiert, ausgestattet mit Originalmöbeln und Originaltapeten. Von zahlreichen unbekannten Gästen, die sich zwischen den Weinbergen wohlfühlten, erzählt sie – und von dem einen großen natürlich, dessen „Vergötterung“ schon begonnen hatte, als er im September 1814 in Wiesbaden kurte und danach bei den Brentanos am West-Östlichen Divan arbeitete.

Goethes Gemächer sind noch im Originalzustand: das Bett, auf dem er schlief, der Tisch, an dem er schrieb, ja sogar die Vorhänge, die er des Morgens aufgezogen haben mag – mittlerweile allerdings arg zerschlissen. „Beflügelnd“, so Angela Brentano, muss er den Blick auf die Weinberge, die Lage am Rhein (und natürlich den guten Wein) erlebt haben – obwohl er als mäkeliger Gast in Erinnerung blieb. Auch für diese schlechte Laune hat die Baronin jedoch eine treffliche Erklärung: Goethe litt wohl, wie man heute weiß, an seinen „schlechten Zähnen“. Nachvollziehbar, dass das einen Genussmenschen bräsig machen kann. Inmitten all dieser Erinnerungen lebte die Familie Brentano zwei Jahrhunderte lang. Dass man das alles noch heute bestaunen kann, ist wie ein Wunder.

Kein Wunder ist allerdings, dass all diese empfindlichen Oberflächen, zarten Stoffe und zerbrechlichen Wandbehänge höchst sanierungsbedürftig sind. Die erste Phase der Renovierung betraf den Dachstuhl und die Außenhülle des Hauses. Sie ist planmäßig verlaufen: das Schieferdach gedeckt, der Kalkputz erneuert, das Gerüst mittlerweile wieder abgebaut. Die Originalfenster mitsamt der Laibungen sind noch beim Restaurator. Knapp 700 000 Euro haben diese Maßnahmen gekostet. Der zweite Abschnitt wird heikler: Die Innenräume mitsamt der Böden aufzubereiten erfordert eine konservatorische Bestandsaufnahme. Sie wird sich weit in das Jahr 2017 strecken. Mit der eigentlichen Sanierung ist dann erst 2018 zu rechnen.

Das macht aber gar nichts, sagt Wolfgang Bunzel. Er ist Leiter der Brentano-Abteilung im Hochstift und einer von zwei Geschäftsführern des Brentanohauses. Das sei eine hübsche Gelegenheit, sich inzwischen der Umgebung des Hauses anzunehmen: Das historische Badehaus aus dem Jahr 1819 am unteren Ende des Grundstücks, zum Rhein hin, soll mit seinem hundert Jahre jüngeren Terrazzoboden so aufbereitet werden, dass es auch als Veranstaltungsort für kleinere bis mittlere Empfänge herhalten kann. Für die ist nämlich das Brentanohaus selber ungeeignet, sagt Wolfgang Bunzel, was eine heikle Sache sei: Denn die Nachfrage nach einem Veranstaltungsraum sei enorm und „der Druck aus der Politik stark“.

Ein Garten der Begegnung

Seit April obliegt die Restauration einschließlich des zugehörigen Weinbergs und des Gartenbereichs dem Gut Allendorf. Die nebenliegende Kelterhalle, vom Baron Udo von Brentano nach 1945 gebaut, soll einschließlich Kasse und Museumsshop zu einem Empfangszentrum für Besucher werden, so dass auch dies die historischen Räume nicht belastet.

Fürs Jahr 2017 stehen dem Haus alles in allem 800 000 Euro aus verschiedenen Töpfen zur Verfügung, das Ende der gesamten Maßnahme peilen die Betreiber für das Jahr 2020 an. Ein fixes Datum sei das aber nicht. „Das wäre zu diesem Zeitpunkt unredlich“, sagt Wolfgang Bunzel.

Mitsamt dem Romantik-Museum, das derzeit neben dem Goethehaus in Frankfurt entsteht, entwickelt sich so ein neues Zentrum der Romantik. Deren topographische Geschichte müsse deswegen nicht umgeschrieben werden, sagt Bunzel. Doch sei die Rhein-Main-Region seit jeher eine historische Begegnungsstätte der Romantiker gewesen, und „ab den 1830er Jahren war das Brentanohaus fest in historischen Reiseführern verankert“. Auch diesem Umstand werden die aktuellen Maßnahmen gerecht. Sie leugnen nicht die bisherigen Zentren wie Dresden, Heidelberg oder Jena, aber fügten ihnen eine weitere Zone hinzu.

Ihn kennenzulernen könnte das große Sommerfest zum Tag des offenen Denkmals am 11. September eine gute Gelegenheit sein. Vorträge, musikalische Darbietungen und literarische Spaziergänge bieten den ganzen Tag lang Gelegenheit, in Haus und im Garten zu flanieren.

 

Romantisches Sommerfest im Brentano-Haus, Am Lindenplatz 2, am 11. September. Eintritt frei, um Spenden wird gebeten.
Führungen von Angela Baronin von Brentano nach telefonischer Absprache unter (0 67 23) 20 68.

 

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