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Ausstellung: Schlichtheit ist der Sieg der Form

Deutsche Modedesigner haben es international schwer. Nicht so Jil Sander, die nun in Frankfurt ihre erste Museumsschau hat. Heute Abend wird die Ausstellung eröffnet.
Von strenger Eleganz und auf das Wesentliche reduziert: Jil Sanders Kampagne für die Frühling-Sommer-Kollektion 1996 spielt mit dem Schwarz-Weiß-Kontrast von Handtasche und Kleid. Bilder > Foto: 1996-98 AccuSoft Inc., All right Von strenger Eleganz und auf das Wesentliche reduziert: Jil Sanders Kampagne für die Frühling-Sommer-Kollektion 1996 spielt mit dem Schwarz-Weiß-Kontrast von Handtasche und Kleid.

Mode ist Männersache, jedenfalls beim Entwerfen. Die meisten Modedesigner sind männlich, ihr Publikum aber weiblich. Doch deutsche Designer mit internationalem Renommee sind rar, bis auf Karl Lagerfeld und Wolfgang Joop. Bei den Frauen fällt nur der Name der heute 73-jährigen Jil Sander. Sie kreierte in den 70er Jahren einen ganz eigenen, minimalistischen und zeitlos eleganten Stil. Damit war Sander ihrer Zeit voraus, denn damals herrschte ein farbenfroher, verspielter Stil. Erst ein Jahrzehnt später setzten sich ihre Ideen durch und sind noch heute gefragt.

Eine einmalige Gelegenheit, ihrer Mode, ihrer Arbeitsweise und ihrem Denken nachzuspüren, bietet von Samstag an das Frankfurter Museum Angewandte Kunst. Das Haus wurde komplett leer geräumt, um Jil Sander für ihre weltweit erste Ausstellung auf rund 3000 Quadratmetern zu huldigen. Die Mode zieht schon seit einigen Jahren in die Museen ein. Das New Yorker MoMA etwa zeigt derzeit die globalen Stars des Modedesigns, während in Paris Christian Dior gefeiert wird. Und der beste Dior-Mitarbeiter war Yves Saint Laurent, dem jetzt zwei neu eröffnete Museen in Paris und Marrakesch gelten.

So ist Jil Sander in bester Gesellschaft. Freilich will sie nichts über sich oder die Ausstellung sagen und ließ sich bei der Pressekonferenz nur kurz fotografieren. Das Sprechen vor Publikum ist nicht ihre Sache, sie will „keine Show um sich selbst“, meint Kulturdezernentin Ina Hartwig. Die bis 6. Mai nächsten Jahres laufende Schau hat Museumschef Matthias Wagner K höchstselbst kuratiert, mit dem kühnen Titel „Präsens“. Denn Jil Sander, in Schleswig-Holstein geboren und in Hamburg aufgewachsen, hat ihre Firma schon 1999 verkauft.

Hochwertige Materialien

Danach kehrte sie zwar zweimal zurück, hat aber seit ihrem letzten Rücktritt vor vier Jahren das Kapitel wohl endgültig geschlossen, wenn auch schweren Herzens. Jetzt versammelt die Schau ihr Gesamtwerk aus Mode- und Produktdesign, Fotografie, Architektur, Licht- und Gartengestaltung. Letzteres ist Sanders neues Lebenselixier, wie ein Film zeigt. Der Garten als „Suche nach einer besseren Welt“, ist vielleicht am ehesten gegenüber im 600 Jahre alten „Paradiesgärtlein“ einzulösen, das eigens aus dem Städel entliehen wurde.

Früher jedoch galt Sanders Aufmerksamkeit zuerst dem Material. „Ich beginne den Design-Prozess mit der Auswahl von Stoffen und Materialien. Sie geben mir den ersten Hinweis auf mögliche Entdeckungen“, hat sie im Katalog notiert, in einem alphabetischen Stichwortregister, das mit „J“ wie Jil beginnt und folglich mit „I“ wie „Innovation/Inspiration/Ich“ endet. Freilich sind ihre Materialien so hochwertig und die Verarbeitung so gut, dass die Kleidung nicht eben billig ist. Für einen Schal kann man locker 369 Euro hinblättern. „Kaschmir-Queen“ heißt Jil Sander nicht ganz zu Unrecht.

Aber sie ist auch die „Queen of less“, die Puristin, die auf Schnörkel und Schulterpolster verzichtet. Eine eher funktionale, aber gediegene Kleidung, seit der ersten Kollektion 1973 nur für Karrierefrauen, von 1997 an auch für Männer – „Mode an Männern muss man subtil einsetzen“, hat Jil Sander übrigens unter „M“ notiert. Dazu kommen Accessoires, von Handtaschen über Kosmetik und Nagellack bis zu Brillen und Schuhen.

Die Schau verzichtet auf eine Chronologie und konzentriert sich auf neun Themen. Eingestimmt wird der Betrachter mit Videos von Laufstegen; im folgenden „Backstage“-Bereich sieht man die nervösen Modelle kurz vor dem Auftritt; im „Atelier“ geht es ums Entwerfen, Zuschneiden der Stoffe und Nähen. So kann der Besucher den Mitarbeitern über die Schulter blicken, von ersten Ideen bis zum fertigen Produkt.

Die größte Schwierigkeit aber ist, so Museumschef Wagner K, die Kleidung selbst zu zeigen, die sonst nur in Bewegung wahrgenommen wird. Glücklicherweise wurde auf Vitrinen verzichtet, so dass der Betrachter nah an Puppen und Kleidung herantreten kann. Zudem sorgen viele Videos für Lebendigkeit. Und alle Räume durchziehen Klangkompositionen von Frédéric Sanchez. Ein Gesamtkunstwerk aus Mode und Musik, aber auch aus Architektur und Licht, denn Sanders kluge Inneneinrichtung von einem ihrer weltweiten Läden ist zu sehen. Da hängen an einer edel gebogenen Metallstange gut sichtbar nur fünf Mäntel, nicht 30 Mäntel dicht an dicht.

Den Zeitgeist gespürt

Die sind alle in dezenten Farben gehalten. Schwarz und Weiß dominieren, daneben Beige, Braun, Grau und Dunkelblau – die Klassiker, vor allem bei Männern. Erstaunlich, dass dies auch von Frauen gekauft wird und offenbar nicht nur im Schrank hängt. Manches wirkt freilich sehr kess, etwa der schwarz-weiß karierte Herrenanzug mit kurzer Hose. Oder die weiße Spitze an den ansonsten tiefschwarzen Herrenschuhen. Und die Frau trägt einfach eine schwarze Lederjacke auf schwarzem Rock. Schlichter geht’s nicht.

Nicht umsonst gilt Jil Sander als „sensible Designerin“, die, so Wagner K weiter, „den Zeitgeist frühzeitig spürte, für ihre Kreationen umdeutete und in moderne Formen brachte. So hat sie selbst den Geist der Zeit geprägt“. Ihr Leitmotiv, auf eine Formel gebracht: „Modern, ohne modisch zu sein.“

Die größte Überraschung wartet aber in der zweiten Etage: die Zusammenarbeit mit Künstlern. Mit dem „Iglu“-Künstler Mario Merz schuf Jil Sander 1996 einen riesigen Metallzylinder, der mit transparentem Stoff verschlossen ist und dennoch den Blick aufs nahe Florenz erlaubt. Der Zylinder enthält auch Blüten und Blätter, die mittels Windgenerator aufgeregt umherflattern und so das Stadtpanorama poetisch überlagern.

Und der Einfluss von Alighiero Boettis Stickbildern, die er von afghanischen Frauen anfertigen ließ, schlug sich sogar in Jil Sanders Kollektion nieder, ihrer letzten für Frühjahr/Sommer 2014. Boettis Motive, von Farben, Formen und Figuren nur so wimmelnd, übertrug Jil Sander auf Kleider und sogar auf Hosen – die Minimalistin wagte zum Abschied viel Farbe.

Museum Angewandte Kunst

Schaumainkai 17, Frankfurt. Eröffnung
heute Abend, 19 Uhr. Danach bis 6. Mai 2018, Di/Do–So 10 bis 18 Uhr, Mi 10 bis 21 Uhr.
Eintritt 12 Euro. Katalog 39 Euro.
Telefon (069) 21 23 12 86. Internet www.museumangewandtekunst.de

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