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Ausstellung im Wiesbadener Landesmuseum: Schmetterlinge umflattern die herrlichsten Blumen

Wiesbadens Landesmuseum für Kunst und Natur widmet Maria Sibylla Merian eine kleine Ausstellung mit Insekten und Pflanzen aus ihrer Forschung.
Raupen des Tagpfauenauges, von Merian aufgespießt. Bilder > Raupen des Tagpfauenauges, von Merian aufgespießt.
Wiesbaden. 

Sie entdeckte nicht nur viele Insekten, sie brachte auch ihre Beobachtungen, Beschreibungen und Zeichnungen dem breiten Publikum nahe. Das war für eine Frau im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert eine ungewöhnliche Leistung. Maria Sibylla Merian (1647–1717), Tochter des ungleich berühmteren Kupferstechers und Verlegers Matthäus Merian der Ältere, war Künstlerin und Naturforscherin in einem. Bis ins späte 18. Jahrhundert wurde sie oft zitiert und viel bewundert, später galt ihr Werk nur noch als Illustration oder angewandte Kunst.

Verwandlung der Raupe

Diese Einschätzung hat sich grundlegend gewandelt, auch dank einer Überblicksschau, die das Historische Museum in Frankfurt vor 20 Jahren zum 350. Geburtstag der berühmten Tochter der Stadt ausgerichtet hatte. Doch zum heutigen Todestag Merians vor 300 Jahren herrscht nahezu Funkstille. Erst ab 7. April zeigt das Berliner Kupferstichkabinett ihre naturhistorischen Insekten- und Blumendarstellungen, samt Vorläufern und Nachfolgern. Die Werke kommen vorwiegend aus eigenem Bestand und aus dem Bestand des Frankfurter Städels; als zweite Station ist die Schau im Städel ab 11. Oktober zu sehen.

Immerhin bietet das Museum Wiesbaden von heute an in einer Kabinettsschau einen Eindruck vom Wirken Merians. Zu sehen sind 30 der 60 Tafeln mit originalen Tierpräparaten und Zeichnungen, die Merian auf ihrer abenteuerlichen Reise ins südamerikanische Surinam angefertigt hat. Ergänzt wird das mit neun eigens neu angefertigten Dioramen von europäischen Schmetterlingen, die sie beschrieben und illustriert hat. Damit kann der Betrachter bis 9. Juli gut in ihre Ideenwelt eintauchen.

Maria Sibylla Merian kam schon von klein auf mit Kunst und Kultur in Berührung. Als ihr Vater 1650 auf dem Sterbebett lag, soll er über das abgöttisch geliebte dreijährige Töchterchen aus zweiter Ehe gesagt haben: „Bin ich schon nicht mehr da, wird man noch sagen: Das ist Merians Tochter.“ Ihre künstlerische Ausbildung erhielt sie durch ihren Stiefvater Jacob Marrel, der ein Schüler des Stilllebenmalers Georg Flegel war. Bereits als 13-Jährige beobachtete sie, wie sich hässliche Raupen verpuppten und in schillernd bunte Falter verwandelten.

Die Verwandlung der Seidenraupe hielt sie auch zeichnerisch fest. So wurde aus der traditionellen Blumenmalerin nach und nach eine Naturforscherin, die in ihren Bildern geschickt Pflanzen- und Insektenmotive miteinander verknüpfte. Ihr 1679 erschienenes „Raupenbuch“ war die einzige Publikation einer Frau zu diesem Thema. Es ist wohl auch als protestantisches Andachtsbuch zu verstehen, berief sich doch Merian darin mehrfach auf Gottes Allmacht in der Natur.

Studienbuch mit allem

Ohnehin glaubte man lange Zeit, dass Insekten aus Schlamm entstünden; erst 1668 wurde die Entwicklung aus Eiern nachgewiesen. Aber Merian kannte diese Studien nicht, sie scheint autark gearbeitet und sich nur auf ihre Beobachtungen verlassen zu haben. Im Jahre 1699, als fast 52-jährige und für die damalige Zeit schon alte Frau, brach sie zu der Surianam-Expedition auf und blieb zwei Jahre in der niederländischen Kolonie. Das danach entstandene Buch „Metamorphose Insectorum Surinam“ gilt als ihr Hauptwerk mit zahlreichen Insekten-Metamorphosen und prachtvollen Kupferstichen.

Wichtig ist auch ihr fast vollständig erhaltenes „Studienbuch“, in das sie seit 1686 alle Beobachtungen zeichnete und notierte. Doch die meisten ihrer Werke sind nicht mehr in deutschem Besitz, erwarb doch der russische Zar Peter der Große kurz vor und nach Merians Tod zahlreiche ihrer Bilder. Freilich handelte sie auch mit Farben, mit Reptilien, mit europäischen und exotischen Schmetterlingen. Damals galt Frankfurt als Zentrum des europäischen Seidenhandels. Allerdings verließ Merian 1670, mit 23 Jahren, ihre Heimatstadt und zog mit ihrem Ehemann Johann Andreas Graff nach Nürnberg – die dortige Stadtbibliothek widmet ihr ebenfalls eine heute beginnende (und bis 29. April dauernde) Schau.

Im Jahr 1685 ging Maria Sibylla Merian mit ihren Töchtern, aber ohne Mann, in die Niederlande. Nach ihrer Rückkehr von der Surinam-Reise 1701, die sie mit der jüngeren Tochter unternommen hatte, ließ sie sich in Amsterdam nieder, wo sie verarmt starb. Merian spricht mit ihrem Wirken sowohl Kunstliebhaber wie Naturfreunde an.

Freiheit der Aquarelle

In ihren Aquarellen arbeitete sie nur mit Farbe und trug selbst feine Umrisse und Binnenzeichnungen mit spitzem Pinsel auf. Damit erreichte sie eine dreidimensionale Wirkung und konnte auf die perspektivische Ansicht verzichten, da sie die Motive nicht verkürzt, sondern gut wiedererkennbar darstellen wollte. Zuweilen nahm sie sich die Freiheit, auch Motive zusammenzustellen, die nicht zueinander gehören. Aber das blieben Einzelfälle, die aus Scheu vor Wiederholungen entstanden – und Fliegenbeine zählt ja nun wahrlich niemand.

 

Museum Wiesbaden, Friedrich-Ebert-Allee 2. Bis 9. Juli, dienstags und donnerstags 10–20 Uhr, mittwochs und freitags bis sonntags 10–17 Uhr. Eintritt 10 Euro. Telefon (0611) 335 22 50.
Internet www.museum-wiesbaden.de

 

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