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Frankfurter Poetik-Vorlesung: Schriftsteller Christian Kracht offenbart sich als Opfer sexuellen Missbrauchs

Von Er war der Star der deutschen Pop-Literatur, sein Roman „Faserland“ ein Kultbuch. Nun enthüllt er, dass er im Internat von einem Pastor missbraucht wurde.
Der Schriftsteller Christian Krach im Audimax der Frankfurter Goethe-Universität, scheu, mit Schal und Anorak. Foto: Michael Faust Der Schriftsteller Christian Krach im Audimax der Frankfurter Goethe-Universität, scheu, mit Schal und Anorak.

Es muss kalt sein. Obwohl alle eben noch draußen saßen, im Sonnenschein und im Schatten dieses Frühlings, der am Dienstagabend noch den Campus Westend wärmt. Der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht (51) aber scheint zu frieren, drinnen im Hörsaal, wo er gleich die erste von drei Poetik-Vorlesungen des Sommersemesters an der Goethe-Universität halten wird.

„Emigration“ ist sein Vortrag überschrieben. Und Kracht ist offenbar gerüstet für einen Aufbruch ins Unbekannte. Während die Studenten im Publikum kurze Hosen tragen und luftige Hemden, hat sich Kracht einen Wollschal um den Hals geschlungen und einen olivgrünen Anorak auf den Schultern. Ja, es wird sehr kalt werden an diesem Abend im Audimax. So kalt wie ein kanadischer Wintertag, an dem ein Internatsschüler 15 Meilen durch den Schnee zu seiner Schule zurücklaufen muss. Zur Strafe. Man hat ihn mit dem Auto hinausgefahren, mit Handschellen an einen Stuhl gekettet. Den schleift der Junge nun hinter sich her durch die Kälte. Der Schüler könnte Christian Kracht gewesen sein.

Mürrische Helden

Kracht zählt seit Jahren zu den aufregendsten Schriftstellern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Sein Roman „Faserland“ (1995), einst das Kultbuch der 90er Jahre, ist längst als Schullektüre kanonisiert: In der Geschichte eines jungen Mannes, der ziemlich orientierungslos Deutschland und seine rauschhafte Partyszene von Nord nach Süd bereist, schien sich ein kühl distanzierter, ästhetizistischer Zeitgeist auszudrücken. Kracht wurde zum Star einer neuen Pop-Literatur. Mit den versnobten Schnöseln Joachim Bessing, Benjamin von Stuckrad-Barre, Eckhart Nickel und Alexander von Schönburg inszenierte er im Berliner Hotel Adlon bei ebenso müßigen wie gepflegten Salongesprächen über die Banalität der Welt eine dekadent schillernde „Tristesse Royale“. Mit „1979“, „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, „Imperium“ und zuletzt „Die Toten“ schrieb er sich in die erste Garde der zeitgenössischen Literatur, mit einer kultivierten, durchkomponierten, magisch funkelnden Sprache. Kracht hat seine mysteriösen, von seltsam gebrochenen, gequälten, melancholisch verschrobenen Helden bevölkerten Romane selbst nie gedeutet oder erklärt, all diese lebensunfähigen, mürrischen und zutiefst misanthropischen Außenseiter. Denen, die ihn lasen, über ihn und seine Bücher nachdachten, schrieben oder forschten, blieb er ein Rätsel, der Mensch ebenso wie der Schriftsteller. Manche waren irritiert vom Abgründigen und Gewaltsamen dieser Romane. Sie wollten eine Faszination am Autoritären, ja Faschistisch-Totalitären aus ihnen herausspüren. Einer der Kritiker verlor gar vollständig die Fassung, beschädigte sich selbst nachhaltig, als er Kracht verdächtigte, ein Nazi zu sein.

Nun steht der „Poetik-Dozent“ Kracht vor einigen hundert Zuhörern, blickt gar nicht barbarisch wild und fast irr wie draußen auf den Plakaten, die seine Vorlesung ankündigen, sondern scheu und unsicher und bekennt seine Angst, sich zu „offenbaren“. Offenbaren? Aber wer hat das erwartet? Die Temperatur sinkt. Es wird kalt. Und immer kälter.

Kracht liest vor. Die Geschichte handelt von ihm selbst, einem kleinen, dicken Sonderling mit blondem Haar, hoher Stimme und dem Spitznamen „Heidi“ in einem kanadischen Internat, der Lakefield College School mit ihrer rigiden, militärischen Ordnung, ihrem menschenverachtenden System der Bestrafung und dem zynisch anmutenden lateinischen Leitspruch „Mens sana in corpore sano“ – gesunder Geist in gesundem Körper.

Schläge mit dem Gürtel

Aber sie handelt auch von Pastor Keith Gleed, der den Jungen zu sich in sein Wohnzimmer holt und den zwölfjährigen Knaben heißt, sich nackt auszuziehen und mit abgewandtem Gesicht über die Sofalehne zu beugen. Dann öffnet der Geistliche seine Hose, zieht den Gürtel aus den Schlaufen. Schlägt auf den Jungen ein und befriedigt sich selbst. „Ich hörte ihn leise stöhnen“, liest Kracht vor, mit dieser leisen Stimme, die, obwohl elektronisch verstärkt, sanft und ruhig in den Saal strömt wie ein elegischer Song von Leonard Cohen.

Plötzlich ist es eisig kalt im Audimax. Wie ein frostiger Hauch legt sich das Ungeheuerliche auf die Seele der Zuhörer. Durch die milde, unaufgeregte Tonlage scheint, was Kracht vorliest, noch monströser, entsetzlicher, gespenstischer zu werden. Noch unglaublicher. Mindestens 30 Jungen soll Pastor Gleed missbraucht haben. Er, der den Kindern beim Zubettgehen noch einmal fürsorglich und tröstend über den Kopf strich, dieser Pastor Gleed starb 2001. Und lebte doch fort.

Als Name einer Randfigur in Krachts dystopischem Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, der von einem ewigen Krieg erzählt, von den Soldaten in den Schächten und Tunneln einer Schweizer Bergfestung und den endlosen apokalyptischen Schlachten, die in einer unbestimmten, wie vergangen wirkenden Zukunft Europa verheeren. Keith Gleed lebte fort in verschütteten Erinnerungen.

Denn Krachts Geschichte handelt ebenso von dem Jungen, der nicht mehr zum Unterricht ging, sich später monatelang in seinem Zimmer vergrub und Fernsehserien sah: „Bonanza“, „Star Trek“, alles, was die amerikanische Popkultur der 70er Jahre hervorbrachte. Die Vorlesung handelt davon, wie der Autor nach Jahrzehnten des Vergessens, der Ungewissheit, ob die Szenen im Wohnzimmer des Pastors wirklich geschehen oder nicht doch nur eingebildet gewesen seien, erst vor wenigen Monaten in einem Magazin über Missbrauchsvorwürfe gegen Keith Gleed las, während ihm im kanadischen Internat eine Taufschale gewidmet werden sollte. Kracht berichtet davon, wie sich einer noch später mit einem Panzer umgibt, in die Fremde emigriert, nach Nepal, nach Italien, nach Argentinien. Wie er hadert mit der Sprache Adolf Eichmanns, dem gehassten Deutsch der NS-Mörder, das zugleich die geliebte Sprache der Exilanten Thomas Mann und Hermann Hesse ist.

Alles nur Einbildung?

Still ist es im Hörsaal. Die Kracht-Fans frösteln. Niemand hat diese Offenbarung erwartet. Es ist, als hätte der Autor ein furchtbares Geheimnis enthüllt, als hätte er den kalten existenziellen Glutkern seines Schreibens freigelegt. Es ist, als übernehme er die Deutungshoheit über sich selbst, den als arrogant verketzerten Dandy-Schnösel aus gutem Hause. Die Deutungshoheit auch über sein Werk, über all die unbarmherzigen, seelisch verkorksten Männer. Und plötzlich, in der Schockstarre, beginnt man sich zu fragen: Haben wir diese mysteriösen Romane bislang richtig verstanden? War „Faserland“, diese Geschichte eines Verlorenen, wirklich Pop-Literatur? Müssen wir alles neu und anders lesen? Sind die Romane Bruchstücke einer großen Konfession? Der Nachhall des Donners aus der Kindheit? Schöner Schein über dem Abgrund?

Und während man noch betäubt von der Überwältigung durch die Macht des Moments an der selbstverwalteten Campus-Trinkhalle zusammensteht, erscheint alles wieder wie ein Rätsel: Ist das jetzt wirklich geschehen? Oder war das nur Einbildung? Ist diese Vorlesung Christian Krachts größter, bedeutendster Roman? Es ist kalt. Der letzte Eisheilige herrscht über die Nacht.

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