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Literatur: Schriftstellerin Saskia Hennig von Lange ist bekannt für ihre unglaublichen Geschichten

Von In ihrem dritten Buch „Hier beginnt der Wald“ erzählt die Frankfurter Autorin Saskia Hennig von Lange von einem Mann, der aus den geordneten Bahnen seines Lebens fällt.
Saskia Hennig von Lange versteht es, Geschichten zu erzählen, die man nicht glauben will, aber glauben muss, weil sie ihren Figuren so eindringlich und unwiderlegbar ins Abseits folgt, dass man an deren Seite bleibt. Foto: Arne Dedert (dpa) Saskia Hennig von Lange versteht es, Geschichten zu erzählen, die man nicht glauben will, aber glauben muss, weil sie ihren Figuren so eindringlich und unwiderlegbar ins Abseits folgt, dass man an deren Seite bleibt.

Ein Mann sitzt im Laster. Er fährt. Und wie jeder, der fährt, fährt er weg. Saskia Hennig von Lange begleitet ihn. Schon in ihren vorigen Büchern, „Zurück zum Feuer“ über den sterbenden Boxer Max Schmeling sowie in „Alles, was draußen ist“, ihrem Erstling, zeigte sie sich als Meisterin der Innenperspektive, leuchtete ihren verschrobenen Hauptfiguren so gründlich ins Hirn, bis auch abwegige Gedanken, Handlungen und Gefühle verständlich werden. Darum geht es in ihren Büchern: verständlich zu machen, wie Menschen funktionieren. Wie Erinnerungen unser Handeln prägen. Was jenseits der Oberfläche geschieht, die wir uns im Alltag immer schön logisch erklären als Resultat zielgerichteter Aktion.

Doch das menschliche Sein ist tief, und bis auf seinen Grund sieht man selten. Die 1976 geborene Saskia Hennig von Lange versucht es, indem sie sich in Menschen hineinversetzt und der Fährte ihres Bewusstseins folgt wie ein Spürhund. Dazu nimmt sie sich außergewöhnliche (und doch alltägliche) Situationen: Im Debüt war es ein Mann, allein in einem gespenstischen naturkundlichen Museum, der weiß, dass er bald sterben muss. Im Nachfolgewerk ging es um den Boxer Max Schmeling, der einsam in seinem Haus im Bett liegt und bald sterben muss.

Mächtige Gedanken

Natürlich gibt es noch weitere Figuren, aber sie sind Beiwerk. In seinem Wesen ist der Mensch allein. Allein ist auch der namenlose Lasterfahrer in „Hier beginnt der Wald“. Der fährt weg von seiner Frau. Die erwartet ein Kind. Damit kann der Mann nicht umgehen. Dieses Kind kann und darf nicht sein, denkt der Mann, während er fährt, immer weiter fort, und sich fragt: „Was für ein Mensch soll das werden, der an einer Stelle wächst, wo vorher schon kein Platz war?“

Damit steht der Ausgangsdenkpunkt des Romans fest, in aller unerbittlichen Härte und Brutalität: dass nicht sein kann, was nicht sein darf (und umgekehrt). Der Mann fährt. Und hat einen Unfall.

Schon vorher ist er kaum bei sich und wie betäubt von seinen mächtigen, allumfassenden, unumstößlichen Gedanken. Danach gerät er immer weiter ab vom Pfad des Normalen.

Saskia Hennig von Lange beschreibt diesen Weg, der den Mann aus jeder menschlichen Gemeinschaft heraus- und in den Zustand einer urtümlichen Einsamkeit hineinführt, aus dessen Perspektive. Aus ihr heraus erscheint jeder Schritt geradezu zwingend logisch, wiewohl sein Weg jedem Außenstehenden als abstruse Verkettung von Gedankengängen eines wirren Gemüts erscheinen muss, das jegliche Bodenhaftung längst verloren hat.

Literarisch ist das gekonnt und wird abgrundtief schwarz, als sich dem mit seinem Laster längst im tiefen Waldgestrüpp Gestrandeten ein Junge beigesellt. Von ihm weiß man bis zum Schluss nicht: Was ist das für einer? Gibt es den wirklich? Ist er vielleicht das Kind, mit dem seine Frau schwanger geht, in späteren Jahren? Oder gar er selbst, als kleines Kind, nach Selbständigkeit dürstend und doch liebesbedürftig und anhänglich wie eine Klette?

Wie soll es weitergehen, ja, kann es überhaupt weitergehen? Der Mann, über den Saskia Hennig von Lange schreibt, ist sich selber fremd. Er sucht und sucht und handelt nach seiner inneren Logik, aber finden kann er sich dabei nicht.

Am seidenen Faden

Die Autorin stellt nicht die große Frage nach dem Menschen, der ins Dasein geworfen ist und sich zugleich abhanden kommt. Der, metaphysisch unbehaust, ein nacktes, schutzloses Leben fristet. Lieber erzählt sie kleine Fallgeschichten, die auf ähnliche Fährten führen. Von Menschen, die nicht ins Raster passen, von solchen, denen der Konsens der Gemeinschaftsgeborgenheit abhanden gekommen ist. Das hat den Vorteil, dass die Autorin keine großen bedeutungsschweren Antworten geben muss – und trotzdem zeigt, wie sehr unser Leben, aller scheinbaren Ordnung zum Trotz, letztlich nur an einem seidenen Faden hängt.

Lesung

Die Autorin liest heute Abend von 19.30 Uhr an im Frankfurter Literaturhaus, Schöne Aussicht 2. Telefon
(069) 7 56 18 40. Karten zu 7 Euro eventuell an der Abendkasse. Internet www.literaturhaus-frankfurt.de

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