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Workshop: Schüler versuchen sich in der Frankfurter Schirn als Künstler

Von Seit einem dreiviertel Jahr lädt die Frankfurter Schirn Jugendliche ein, an Workshops in ihrem Studio teilzunehmen. Das Ziel: Kunst selber machen.
Künstlerisches Arbeiten mit Pinsel und Farbe wie hier in einem früheren Studio-Workshop, aber auch mit allen möglichen Werkzeugen und Materialien – das können Jugendliche in der Frankfurter Schirn unter Anleitung ausprobieren. Künstlerisches Arbeiten mit Pinsel und Farbe wie hier in einem früheren Studio-Workshop, aber auch mit allen möglichen Werkzeugen und Materialien – das können Jugendliche in der Frankfurter Schirn unter Anleitung ausprobieren.

Ein weißes Kätzchen, zwei weiße Mäuschen, einträchtig beieinander – das war das kuschelige Schirn-Motiv für die „Peace“-Ausstellung, die vor wenigen Tagen zu Ende gegangen ist. Frieden: So universell das Thema, so kompliziert und schwer zu fassen ist es zugleich. Beinahe körperlich ist die Anspannung von Cindy und Hendrik zu spüren. Beide sind Schüler. Sie sitzen im Schirn-Studio. Fast scheint es, als merkten sie erst jetzt, was sie sich aufgehalst haben – freiwillig.

Ihre Freunde können jetzt nach fünf langen Schultagen ins Wochenende gleiten. Cindy und Hendrik noch nicht. Sie wollen selbst kreativ werden, einen künstlerischen Beitrag zum Friedensthema schaffen. Und Kursleiterin Katja Schöwel hat noch eins draufgesetzt. Alles soll weiß sein, hat sie beschlossen. Weiße Pappe, weiße Farbe, weißer Draht, weißes Fimo. „Das ist total schwer“, ächzen die beiden, und: „Ich hab’ gar keine Idee.“

Bassin voller Wolle

Warum sie sich das antun, wissen die Schüler oft selbst nicht genau. Etwas ausprobieren vielleicht. Sich selber ausprobieren. Aber wie? Zunächst führt Katja Schöwel die Gruppe in die Ausstellung. Da ist, gleich am Anfang, Surasi Kusolwongs großes Bassin voller Wolle. Wer die Schuhe auszieht, darf sogar darin herumwaten. Tolle Mitmach-Kunst. Doch was hat das mit Frieden zu tun? Und was soll die Anspielung auf den Goldrausch an der Wand? Katja Schöwel gibt nur sparsam Anreize. Der Künstler hat Kettchen aus echtem Gold im Gewöll versteckt, verrät sie. Wer eines findet, darf es behalten. Hendrik fängt an zu suchen, die Finger tief im Wolldickicht. Doch dann hält er inne. Fängt an, nachzudenken. Über die Gier, die sich einstellt. Einen nicht mehr loslässt. „Das macht den Frieden kaputt.“ Ein Aha-Effekt.

Chantal Eschenfelder leitet den Bereich Bildung und Vermittlung in Schirn, Städel und Liebieghaus. Sie ist froh über das noch junge Angebot der Studio-Kurse. „Neben den Angeboten der Mini-Schirn für die ganz Kleinen bis ins Grundschulalter können jetzt auch ältere Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre künstlerisch tätig werden.“ Drei bis sechs Termine und maximal zwölf Teilnehmer hat jeder Workshop. Das Angebot richtet sich an alle und ist kostenfrei. Der Kunsthalle gelinge durch ihr Vermittlungs- und Veranstaltungsprogramm, „ein breites Spektrum der Stadtgesellschaft anzusprechen. Dass da nur die Taunuskinder hingehen, können wir überhaupt nicht feststellen.“

Zurück im Studio, schlägt Katja Schöwel ihren Schülern vor, mit einer Mindmap zu beginnen. „Was ist euch wichtig?“ Zunächst zögerlich, dann immer inspirierter notieren die Jugendlichen erste Ideen, tauschen sich aus. Währenddessen holt die Kursleiterin Material von nebenan, breitet es aus, Styropor, Pappe, eine Heißkleberpistole, hilft mit unauffälligen Anregungen.

Die Welt als Tacho

Cindy denkt darüber nach, dass Frieden auch bedeutet, mit sich selber zufrieden sein zu können. Hendrik fällt eine Diskussion aus dem PoWi-Unterricht ein: Frieden hat auch mit Sicherheit zu tun.

Die Ideen kommen nach und nach. Viele merken: Am besten lässt der Begriff sich vom Gegenteil her fassen. Cindy plant eine Art Weltkugel-Mobile, „es ist fünf vor zwölf“. Hendrik schlägt vor: Die Welt als Tacho, längst im roten Bereich. Leo schneidet ein großes Maschinengewehr aus der Modellpappe: „Da kommt ’ne Taube drauf“. „Ist das nich’n bisschen flach?“, fragt ihn sein Freund Johannes. „Nee, ich bin’n aggressiver Künstler“, antwortet Leo.

Leo ist extrovertiert und kann nicht aufhören zu reden, am liebsten über sich. Cindy sitzt still am Tisch und bastelt konzentriert. Leos Kunstwerk wuchert ins Große. Cindys kommt nur in wohldurchdachten Mikroschritten voran. Aber irgendwann reden die beiden miteinander. Über mehrere Wochen entwickelt sich ein Austausch. Immer unbefangener werden die Gespräche.

Hendriks Modell gewinnt erstaunlich präzise Gestalt. Es ist eine Art Kolosseum und hat sich über mehrere Stufen entwickelt. Zum Schluss sieht es ganz anders aus als am Anfang. Es scheint, als hätte der junge Mann Talent als Architekt. Unermüdlich hat er seine Idee vorangetrieben. Gerade in der Adoleszenz, in der man sich besonders stark mit der eigenen Persönlichkeit auseinandersetze, sei die Möglichkeit, sich non-verbal auszudrücken, für viele wichtig, sagt Chantal Eschenfelder. „Wer Kinder hat, kennt aus eigener Erfahrung, wie sich viele in der Pubertät verändern. Die Heranwachsenden wissen selbst noch nicht, wo die Reise hingehen wird. In dieser für die Entwicklung prägenden Zeit ist es oft leichter, sich mit Farbe und Form Ausdruck zu verschaffen.“

Auch bietet das Kennenlernen von Künstlerbiografien viele Identifikationsmöglichkeiten: „Das sind ja oft inspirierende Persönlichkeiten.“ Immer wieder machten sie und ihre Mitarbeiter in der Schirn die Erfahrung, dass viele das konzentrierte schöpferische Arbeiten als „unglaublich positives Erlebnis“ erfahren.

Verdrehte Menschen

Ohne Enttäuschungen im Kleinen geht das nicht ab. „Ey Leute, warum will die Frau meine Träume zerstören?“, fragt Johannes laut in die Runde, als er vorsichtig darauf hingewiesen wird, dass die Figurengruppe mit verdrehten Menschen im Sand, die er gezeichnet hat, als Skulptur schwer zu realisieren sein wird. „Dann lass’ ich den Sand eben weg und erhöhe die Zahl der geschundenen Körper“, sagt er ein bisschen trotzig. Auch Leo muss erfahren, dass der brachiale Einsatz einer Heißkleberpistole nicht jedes Problem löst. Kunst gibt Freiheiten, fordert aber auch, sich einzulassen aufs Material. Kreativität ist mitunter ein mühseliger Prozess. Stets heißt es, hin- und herzuspringen zwischen Idee und Realisierung. Auch das lernen die Jugendlichen.

„Ich sag mal so: Man kann am Schluss auch was versauen“, sagt die Kursleiterin zu Leo. Der gute Schuss Ironie in ihrer Stimme bringt ihn zum Grübeln. Tatsächlich legt er daraufhin die Heißkleberpistole beiseite. Cindy wird mit ihrem Weltkugel-Apparat nicht ganz fertig werden, aber sie darf ihn mitnehmen. Leos verdrehte Fimo-Menschenfiguren liegen zum Schluss auf einem Pappteller. „Es ist auch eine Kunst, im richtigen Moment aufzuhören“, sagt die Kursleiterin. Es war nicht immer einfach. Doch für alle, da sind sich die Jugendlichen einig, lohnend.

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