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Schwäche wird nicht geduldet

Von In seiner freien Romanverfilmung „Jugend ohne Gott“ erzählt der Schweizer Alain Gsponer von jungen Leuten, die zu einer Elite herangezüchtet werden sollen.
Zach (Jannis Niewöhner) und Nadesh (Alicia von Rittberg) sind die Hoffnungsträger der Leistungselite im Zeltlager in den Alpen. Dort sollen bessere Menschen herangebildet werden. Foto: Marc Reimann (Constantin Film Verleih GmbH) Zach (Jannis Niewöhner) und Nadesh (Alicia von Rittberg) sind die Hoffnungsträger der Leistungselite im Zeltlager in den Alpen. Dort sollen bessere Menschen herangebildet werden.

Ganz oben, in den bayerischen Bergen, hat der Weltkonzern Rowald sein Zeltlager errichtet. Die jungen Leute, die hier an den Felswänden klettern, wollen hoch hinaus. Mit gesundem Geist in gesundem Körper sollen sie dereinst die Elite bilden, die Auswahl der Besten, dazu befähigt, die Gesellschaft zu führen. Alle Schüler, die an diesem Trainingswettbewerb teilnehmen und sich bis zur Erschöpfung verausgaben, möchten ein Stipendium an den Privatuniversitäten des Konzerns erringen, um nicht an den „staatlichen Versager-Hochschulen“ studieren zu müssen. Schon jetzt teile sich die Gesellschaft in Leistungserbringer und Leistungsempfänger, bekommen die Kandidaten von der Camp-Leiterin zu hören. Die blonde Psychologin mit dem stahlblauen Blick (Anna Maria Mühe) behandelt mangelnde Leistungsbereitschaft mit Antidepressiva. Nicht, dass sie der Unmenschlichkeit das Wort reden würde. „Der Starke hilft dem Schwachen“, betont sie.

Kein Mitgefühl

Aber das gilt nur für die eigenen Kameraden. Die Asozialen da draußen, die im Wald rund um das Lager hausen, dürfen kein Mitgefühl erwarten. Wer sich mit ihnen einlässt, muss gleich wieder nach Hause. Die gnadenlose Zucht, die im Alpenlager herrscht und keine Schwäche duldet, erinnert sofort an den Drill der großen Diktaturen des 20. Jahrhunderts.

Der ungarisch-österreichische Schriftsteller Ödön von Horváth hat sie unter dem Eindruck des Dritten Reichs 1937 in „Jugend ohne Gott“ beschrieben. Frei nach diesem Roman versetzt der Schweizer Regisseur Alain Gsponer („Heidi“) das Geschehen nun in eine kühle, durchtechnisierte Gegenwart.

Eine Führernatur

Denn ist nicht die heutige digitalisierte Massengesellschaft längst auf dem Weg in eine neue irrige Ideologie vom besseren Menschen? Unterwirft sich die Gemeinschaft nicht sogar freiwillig der Vermessung durch Weltkonzerne, die mit Datensammlungen die Herrschaft übernehmen? Schon bald könnten Zeugungslabore, Kindergärten, Schulen, Hochschulen und Krankenkassen gemeinsam an der Züchtung eines neuen Menschen arbeiten. Der Sozialstaat, der Ungleichheiten mildert, wäre dann machtlos.

In äußerst klarer, knapper Erzählweise, mit großer Konzentration auf das Wesentliche, treibt Regisseur Gsponer die Geschehnisse seines Films bis zur Tragödie voran. Jugendliche Hauptfigur ist Zach (Jannis Niewöhner), eigentlich eine Führernatur: sportlich, intelligent, zielstrebig, einfühlsam.

Doch er hat eine Neigung zur Schwermut. Sein Vater, begüterter Unternehmer aus Frankfurt, hat sich umgebracht. Und Zach, der im Zeltlager schnell den Verlust jeglicher persönlicher Freiheit spürt, lässt sich nicht nur mit einem der „asozialen“ Mädchen aus der Wildnis ein. Er wird auch zum Verweigerer und Herausforderer des Zuchtsystems. Als seine größte Feindin im Camp, die ebenso ehrgeizige wie eifersüchtige Nadesh (Alicia von Rittberg), getötet wird, fällt der Mordverdacht auf ihn.

Eine zwielichtige Gegenfigur ist zudem Titus (Jannik Schümann). Der Fabrikantensohn ist den Anforderungen im Trainingscamp kaum gewachsen, will aber den Ansprüchen seiner Familie genügen. Hinterhältig schaltet er Konkurrenten aus, wird zum Jugendlichen ohne Gott, ohne Moral. Das bringt den Lehrer der Schülergruppe (Fahri Yardim) in Gewissensnot und zwingt ihn schließlich zu einem humanistischen Bekenntnis.

Es ist eine beklemmende Vorstellung, die Alain Gsponer entwirft, so grau wie der Wolkenhimmel über den Bergspitzen. Es ist die Vision einer Zukunft, die bereits begonnen hat. Der Regisseur zieht ihre Inszenierung so schlicht wie konsequent durch, ohne Meinungsdruck auf den Zuschauer auszuüben.

Er selbst nutzt die Mittel der Manipulation nicht, er veranschaulicht nur ihre Anwendung, die bis ins Kleinste funktioniert und so das Schlimmste an Anpassung zu befürchten gibt: Die Elitären, die hier durch den Wald joggen, sind Mitläufer eines unheilvollen Systems. Herausragend

In diesen Kinos

Frankfurt: Berger Kinos, Cinestar, E-Kinos, Metropolis. Sulzbach: Kinopolis. Limburg: Cineplex. Mainz: Cinestar. Hanau: Kinopolis

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