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Interview: Sean Baker: „Sonne erleichtert Obdachlosigkeit“

Der amerikanische Regisseur erzählt vom Leben am Rande des Vergnügungsparks Disneyworld, dessen Besuch sich eben nicht jeder leisten kann.
Die sechsjährige Moonee (Brooklynn Prince, Mitte) wohnt mit Scooty (Christopher Rivera, links) und Jancey (Valeria Cotto) in einem billigen Motel. Eine eigene Wohnung können die Eltern der Kinder nicht mehr bezahlen. Die sechsjährige Moonee (Brooklynn Prince, Mitte) wohnt mit Scooty (Christopher Rivera, links) und Jancey (Valeria Cotto) in einem billigen Motel. Eine eigene Wohnung können die Eltern der Kinder nicht mehr bezahlen.
Der amerikanische Drehbuchautor und Regisseur Sean Baker (47) auf dem Filmfestival von Deauville. Bild-Zoom Foto: Etienne Laurent (EPA)
Der amerikanische Drehbuchautor und Regisseur Sean Baker (47) auf dem Filmfestival von Deauville.

Sean Baker gehört zu den Filmemachern des unabhängigen amerikanischen Kinos, die auf internationalen Independant-Festivals Beachtung finden. Der heute 47-Jährige aus Summit im US-Bundesstaat New Jersey studierte Filmwissenschaften in New York und debütierte mit dem Spielfilm „Four Letter Words“ (Kraftausdrücke) über junge Männer. Seinen Film „Tangerine L.A.“ wiederum drehte Baker komplett mit dem iPhone. Nun kommt „The Florida Project“ ins Kino. Darin geht es um die sechsjährige Moonee und ihre junge Mutter, die in dem heruntergekommenen Motel „Magic Castle“ wohnen, im sonnigen Florida, am Rande des Vergnügungsparks Disneyworld, aber in Armut. Über dieses Kinowerk, in dem Willem Dafoe den Hausmeister spielt, sprach Martin Schwickert mit dem Regisseur und Drehbuchautor.

Mr. Baker, „Florida Project“ erzählt von Menschen, die in Billighotels vor Disneyworld leben. Wie sind diese Menschen in diese Situation geraten?

SEAN BAKER: Es gibt eine Vielzahl von Ursachen, warum Menschen in diesen Billighotels Quartier beziehen und sich keine feste Bleibe mehr leisten können: Manche machen gerade nur eine schwere Lebensphase durch, andere wurden aus ihrer Wohnung geräumt, weil sie die Miete nicht mehr aufbringen konnten. Einige haben durch Naturkatastrophen wie vor Jahren in New Orleans ihr Zuhause verloren oder einen faulen Kredit für ihr Haus aufgenommen. Psychische Erkrankungen, Drogenabhängigkeit oder Vorbestrafungen können ebenfalls dazu führen, dass man sich finanziell von einer Woche zur nächsten hangeln muss.

Ist das in den USA ein landesweites Problem oder auf diese Community in Florida beschränkt?

BAKER: Billighotels waren in der Geschichte der USA immer der letzte Zufluchtsort in Krisensituationen, bevor die Betroffenen auf der Straße landeten. Aber speziell in dieser Gegend von Florida waren die Folgen der Bankenkrise von 2008 besonders stark. Hinzu kommt, dass viele in diese Gegend gezogen sind in der Hoffnung auf einen Job im Umfeld von Disneyworld oder einfach nur wegen des besseren Wetters, was für Menschen am Rande der Obdachlosigkeit auch ein gewichtiger Faktor ist. Diese Hotels rund um Disneyworld wurden ursprünglich für Touristen errichtet, die aber im Zuge der Rezession mehr und mehr ausblieben. Genau wie ihre Bewohner kämpfen nun auch die Hotels um ihre Existenz.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, von dieser Welt aus der Kinderperspektive zu erzählen?

BAKER: Die Kinder wachsen hier in diesen ärmlichen Verhältnissen auf, direkt vor den Toren von Disneyworld, das als das ultimative Kinderparadies angesehen wird. Es ging um diese grundsätzliche und sehr traurige Ironie. Die Kinder passen sich widrigen Umständen besser an als Erwachsene. Sie sind noch nicht infiziert von den prekären Verhältnissen, aber sie werden sich im Verlauf des Filmes allmählich ihrer sozialen Situation bewusst.

Das Leben an der Armutsgrenze wird im Kino normalerweise eher in Form von Sozialdramen verhandelt, welche die Betroffenen oft zu Opfern stigmatisieren. Ihr Film scheint eine andere Herangehensweise zu suchen.

BAKER: Solche Stigmatisierungen sind mir als Filmemacher völlig fremd. Wenn man seine Figur auf die Opferrolle reduziert, erkennt man nur noch den Märtyrer und nicht mehr den Menschen. Dadurch geht das Mitgefühl verloren, wird die unterbewusste Verbindung zwischen Publikum und Figur getrennt. Mein Ziel ist es, dass das Publikum über die echten Menschen, die hinter meinen Figuren stehen, nachdenkt. Im Film tut Hailey als Mutter sicherlich einige Dinge, die gefährlich für sie und ihr Kind sind, aber sie befindet sich durch ihre schwierige ökonomische Situation in einem Überlebens-Modus, in dem man nicht immer die richtige, moralisch korrekte Entscheidung trifft. Diese Fehler, ihre rebellische Natur, ihre freche Schnauze – all das macht die Figur menschlicher und letztlich auch zugänglicher.

Willem Dafoe spielt in Ihrem Film den Hotelmanager, der sich fürsorglich um seine schwierigen Gäste kümmert. Wie nahe ist die Figur an der Realität?

BAKER: Wir haben einige Hotel-Manager getroffen, und sie scheinen alle diesem inneren Kampf ausgesetzt, sich einerseits für diese Familien verantwortlich zu fühlen und andererseits eine bestimmte Distanz wahren zu müssen. Denn schlussendlich sind sie es, die ihre Gäste vor die Tür setzen müssen, wenn sie die Miete für das Zimmer nicht zahlen können.

Einen Hollywood-Star unter all die Laiendarsteller zu mischen: Ist diese Besetzung Ausdruck eines Films, der sein Publikum in eine ihm unbekannte Welt einschleust?

BAKER: Es ging eher darum, einen Schauspieler zu finden, der dafür sorgt, dass der Film finanziert wird. Wenn man einen Financier hat, braucht man einen Boxoffice-Namen auf dem Plakat, um den Film verkaufen zu können.

 

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