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Sex ist göttlich

Navid Kermanis neuer Roman „Sozusagen Paris“ dreht sich um Religion, um Flüchtlinge, vor allem aber um die Frage: Wie funktioniert die Liebe?
Der Schriftsteller Navid Kermani ist auch als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch. Foto: Peter Hassiepen Der Schriftsteller Navid Kermani ist auch als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch.

Frankfurt. Es geht um das große Gefühl. Um Sexualität, Ehe, Sehnsucht, Verlust – und nicht zuletzt um deutsche Normalitäten. Der in Köln lebende Schriftsteller Navid Kermani hat mit „Sozusagen Paris“ eine etwas eigentümliche Liebesgeschichte geschrieben. Es ist nicht sein erster Roman über die Liebe. „Große Liebe“ von 2014 trug das Thema schon im Titel. Dabei steht der Publizist derzeit mit einer ganz anderen wichtigen Angelegenheit in der öffentlichen Diskussion: Kann der 1967 in Siegen als Sohn iranischer Eltern geborene Moslem Kermani, ein herausragender, aufgeklärter moderner Intellektueller, im kommenden Jahr Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten werden? Immer wieder fällt im Zusammenhang mit der Nachfolge von Joachim Gauck sein Name.

 

Ungläubiges Staunen

 

Kermani besitzt die deutsche und iranische Staatsbürgerschaft. Der Schriftsteller und Orientalist gilt vielen Menschen als moralische Instanz. So stand es erst jüngst in der Jury-Begründung für den Marion Dönhoff Preis, den der Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Dezember erhält. Großartig, so intelligent wie lehrreich sind seine Bücher über das Christentum („Ungläubiges Staunen“) oder die Frömmigkeit der Heiligen und Narren („Der Schrecken Gottes: Attar, Hiob und die metaphysische Revolte“). Im Sommersemester 2010 war Kermani Gastdozent für Poetik an der Goethe-Universität Frankfurt.

In seinem neuen Roman sagt der Erzähler beziehungsweise der fiktive Romanschreiber, dass er auf Podien offenbar eine Souveränität, Heiterkeit, „ja, angeblich sogar Weisheit“ auszustrahlen vermöge. Auch diese Attribute dürften sich viele Menschen für ein deutsches Staatsoberhaupt wünschen. Viele glauben sie auch bei Kermani bemerkt zu haben. Hilfreich sind sie sicherlich für einen, der über die Liebe nachdenkt. In „Sozusagen Paris“ trifft der Erzähler nach 30 Jahren seine Jugendliebe wieder – bei einer seiner Lesungen in einem Provinzstädtchen. Die Frau heißt Jutta. Sie tauchte schon in „Große Liebe“ auf. „Für Jutta bin ich sozusagen Paris!“, denkt sich der Erzähler – bis er feststellt, dass die Jutta Bürgermeisterin des Örtchens und auf seinen vermeintlichen Glanz gar nicht angewiesen ist. Sie löst ganz handfest Probleme wie Mülltrennung und Ampelschaltungen.

Der Autor verbringt in ihrem Wohnzimmer eine Nacht mit ihr. Die Gespräche über schwierige Ehen, Liebe und Sex werden immer weinseliger und sind zunehmend von Müdigkeit gezeichnet – zum Sex kommt es nicht. Dafür stellt Jutta, die streng religiös erzogen wurde, Thesen auf wie die, dass „Sexualität etwas Göttliches“ sei. Ohnehin spart Kermani, dessen Buch „Ungläubiges Staunen“ das Wesen Christentums trotz des Titels sehr ernst nahm, nicht mit Hinweisen auf Religion und Religiöses.

Der Erzähler nimmt Juttas Buchregal unter die Lupe, und Kermani zitiert aus diesem Anlass immer wieder Marcel Proust und andere, meist französische Autoren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus schweift er zu seinem Lektor und dem Leser ab, führt mit ihnen Gespräche über den noch zu schreibenden Roman und spricht den Leser auch direkt an.

Es gebe niemanden, der intelligenter über die Liebe spreche als Proust oder Stendhal, sagt Kermani. Angesichts eines Gefälles, das sich zu den zuweilen etwas angestrengt und banal wirkenden Äußerungen Juttas ergibt, sagte Kermani in einem Interview mit der „Zeit“: „Ich kann nur sagen, dass ich selbst diesen Widerspruch Tag für Tag lebe. Und zwar oft in derselben Minute. Ich lese oder erlebe die erhabensten Dinge und bin zugleich in tausend Banalitäten gefangen.“ Das bringe den Menschen „in Liebesdingen ins Schlingern“ und konstituiere den Roman.

 

Humaner

 

Geist

 

In seinem Buch streift Kermani die Flüchtlingsfrage, Integration, Fremdheit, die Öffnung der deutschen Grenzen vor einem Jahr. In seiner hochgelobten Rede zu 65 Jahren Grundgesetz vor zwei Jahren hatte der Autor gesagt, dass Deutschland eine Nation sei, „die den Fremden lieber eine Spur zu freundlich, zu arglos begegnet, als jemals wieder der Fremdenfeindlichkeit, der Überheblichkeit zu verfallen“. Inzwischen hat sich die Stimmung geändert. In Deutschland breitet sich in manchen Milieus ein Klima von blinder Wut und hemmungslosem Hass aus.

Kermani ist ein geachteter Ansprechpartner in Fragen zu Religion, Kultur und Integration geworden. Er versteht sich als Mann des Ausgleichs und der Verständigung. Ist ein Muslim als deutsches Staatsoberhaupt indes derzeit denkbar? Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor hat das verneint. Und Kermani? Er gibt sich zugeknöpft: „Ich möchte nicht auf Fragen antworten, die sich nicht stellen.“

In seinem neuen Roman jedenfalls zeigt sich, wie Kermani mit Fragen ringt, ernsthaft und doch mit menschlichem Humor. Kermani glaubt an den Menschen, ohne ihn pathetisch zu überhöhen. Er lässt sich von der Vernunft leiten und weiß doch, dass sie gegen das Irrationale oft machtlos ist. Er glaubt an das Licht der Aufklärung, ohne der Illusion zu verfallen, sie werde die Welt einmal überstrahlen. „Sozusagen Paris“ mag mitunter etwas hölzern anmuten. Aus dem Roman spricht ein zutiefst humaner Geist und ein warmes Herz.

(kna,klu)
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