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Sie eröffnet uns den Zugang zu einer unbekannten Welt

Die Frankfurter Sinologin Karin Betz übersetzt die bedeutenden Autoren der chinesischen Gegenwartsliteratur - nicht nur den Nobelpreisträger Mo Yan. Dafür ist sie nun ausgezeichnet worden.
Karin Betz bringt deutschen Lesern chinesische Literatur nahe.	Foto: hfr Karin Betz bringt deutschen Lesern chinesische Literatur nahe. Foto: hfr

Zug ist ein malerisches Städtchen in der Zentralschweiz, keine 500 Kilometer von Frankfurt entfernt. Auf die Kantonshauptstadt, idyllisch an den unteren Westhängen des Zugerbergs und am Ufer des Zugersees gelegen, richtet sich alljährlich im Sommer der Blick der deutschsprachigen Übersetzer, wenn dort das Zuger Übersetzerstipendium verliehen wird.

In diesem Jahr erhielt die Frankfurter Sinologin Karin Betz (45) den Anerkennungspreis für ihre Literaturübersetzungen chinesischer Schriftsteller wie Bei Ling, Liu Xiaobo oder des Literaturnobelpreisträgers (2012) Mo Yan. Besondere Aufmerksamkeit schenkte die Schweizer Jury der Übersetzung des seit 2009 in Berlin im Exil lebenden Liao Yiwu, der im vergangenen Jahr anlässlich der Frankfurter Buchmesse mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.

Leben in der Diktatur

Karin Betz arbeitet aktuell daran, seinen Roman „Chinesen“, der bislang nur im Manuskript vorliegt, ins Deutsche zu übersetzen. Liao Yiwu hat - mehr fiktiv als autobiografisch - die Geschichte seiner eigenen Familie gleichsam als Exempel der chinesischen Familie schlechthin geschrieben, die vom Kampf der unterschiedlichen Personen um ein selbstbestimmtes Leben in einer Diktatur erzählt. Rund 600 Seiten hat das Werk. 2015 soll der Roman im Verlag S. Fischer erscheinen.

Karin Betz erschließt den Lesern einen Teil der Weltliteratur, der ihnen sonst nicht zugänglich wäre. Das Streben nach Geld treibt sie dabei nicht an. „Die Honorare sind bescheiden“, kommentiert die zierliche Frankfurterin die pekuniären Aussichten. Auch um Ruhm kann es ihr und den Übersetzern von Literatur kaum gehen, werden sie in der Öffentlichkeit doch praktisch nicht wahrgenommen, wenngleich man sie getrost als die zweiten, freilich die verborgenen Künstler des übersetzten Werkes ansehen darf. Sie sind diejenigen, die uns den Blick in fremde Kulturen ermöglichen. Karin Betz macht sich indes keine Illusionen über das Interesse im deutschsprachigen Raum an chinesischer Literatur. „Vieles ist uns zu fremd“, sagt sie mit Hinweis auf den Roman „Die Sandelholzstrafe“ von Mo Yan.

Die detaillierten Schilderungen ausgewählter und ausufernder Grausamkeiten, die das Werk prägen, muss der Leser erst einmal aushalten. Der Übersetzer muss es - und zudem eine Sprache finden, nicht allein für die fürchterlichen Foltermethoden, sondern für den gesamten Stoff, um ihn dem deutschsprachigen Leser zugänglich zu machen. Wochen-, mitunter monatelang feilt Karin Betz an Formulierungen, manchmal gar nur an einzelnen Worten, sucht nach Entsprechungen im Deutschen, vergräbt sich in eine fremde Welt.

Die Arbeit mit Texten von Liao Yiwu begann für Karin Betz 2008: Sie übersetzte seine Interviews mit Menschen am Rande der Gesellschaft. „Seit der Frankfurter Buchmesse 2009 kennen wir uns persönlich und pflegen einen regelmäßigen Kontakt“, sagt die Frankfurter Sinologin. Er sei es auch gewesen, der sie als Übersetzerin für seinen Roman „Chinesen“ sowie für seine Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels vorgeschlagen habe.

Die Zusammenarbeit ist offenkundig gedeihlich. Am 22. August halten Lioa Yiwu und Karin Betz eine gemeinsame Lesung im Literarischen Colloquium Berlin und am 7. September eine im Übersetzerhaus Looren in der Schweiz, wohin sich die Frankfurterin übrigens regelmäßig und auch in diesen Wochen zurückzieht, um konzentriert und im Kreise internationaler Kollegen zu arbeiten. Dass es ihr wie ihren Berufskollegen so gut wie nie gelingt, aus dem Schatten der Autoren zu treten, die sie übersetzen, schmerze sie nicht im Geringsten, sagt Karin Betz. Sie wünsche sich aber, dass die Arbeit der Übersetzer finanziell eine höhere Wertschätzung erfahre, merkt sie, die Bescheidene, die kulturelle Überzeugungstäterin, fast verschämt an.

Laut Angaben des Verbandes deutscher Übersetzer (VdÜ) ist heute nahezu jedes zweite belletristische Buch eine Übersetzung. Literaturübersetzer spezialisieren sich oft auf eine Sprachregion. Karin Betz übersetzt aus dem Chinesischen wie aus dem Englischen und dem Spanischen.

Derzeit arbeitet sie auch an der Übertragung einer Biografie über Patrcia Highsmith aus dem Englischen. Gern, sagt sie, würde sie mal „einen richtig schönen, deftigen Krimi“ aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen.

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