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Selbstbewusstes Frankfurt-Gastspiel: Simon Rattle treibt Brahms die sentimentalen Flausen aus

In der Alten Oper überwältigen die Berliner Philharmoniker mit Strauss und Brahms, Seong-Jin Cho überzeugt als Einspringer für den erkrankten Lang Lang.
Sir Simon Rattle ist ein Klangmagier. Sir Simon Rattle ist ein Klangmagier.

Lang-Lang-Fans müssen stark sein: Mindestens bis zum April nächsten Jahres, wahrscheinlich bis zum Sommer wird sich der chinesische Superstar vom Konzertpodium zurückziehen müssen, um seine kranke Hand auszukurieren. Das ist gleich doppelt Pech, denn all die berühmten Klavierkonzerte sind ausgerechnet für die Hand geschrieben, an der er sich gerüchteweise eine tückische Sehnenscheidenentzündung zugezogen hat: für die linke. Wie zum Beispiel das Konzert von Maurice Ravel, als Auftragsarbeit Paul Wittgenstein entstanden, der seinen rechten Arm im Ersten Weltkrieg verlor.

Hochvirtuoses von Ravel gab es aber trotzdem zu hören beim Gastspiel der Berliner Philharmoniker in Frankfurts Alter Oper. Der erst 23-jährige Südkoreaner Seong-Jin Cho fungierte als Einspringer für Lang Lang und berührte den seit Wochen ausverkauften Saal mit Ravels G-Dur-Konzert durch seinen höchst empfindsamen Zugang. Sowohl das charmant Jazzige wie das tupfend Satie-artige als auch die wuchtig auftrumpfende Strawinsky-Manier stand ihm in Überfülle zu Gebote. Und eine ausgeprägte Wendigkeit in den Stimmungswechseln, durch die sich eine reife Ravel-Interpretation auszeichnet. In dem viel jünger wirkenden Pianisten, dessen feines Gesicht hintergründigen Humor unter seinen temperamentvoll zuckenden Haarspitzen freilegte, ließ sich ein Mann bewundern, der bereits mit 17 die Bronzemedaille beim Tschaikowsky-Wettbewerb und vor zwei Jahren den Warschauer Chopin-Wettbewerb gewinnen konnte.

Kein Drama also, dass statt des perkussiv fordernden zweiten Klavierkonzerts von Béla Bartók, das ursprünglich mit Lang Lang im Mittelpunkt gestanden hätte, ein raffiniertes Ravel-Kunststück erklang. Zumal der verspielte Ravel quasi als musikalisch weiche Bandscheibe zwischen zwei wuchtigen Wirbeln fungierte. Das wurde bereits bei Richard Strauss’ eröffnender Tondichtung „Don Juan“ deutlich, die selten weniger romantisch zu hören war als jetzt unter Sir Simon Rattle. Angriffslustig, breitbeinig, ja geradezu protzig erklang die bildstarke Komposition für großes Orchester op. 20, nur kurz unterbrochen von zarten Harfenglissandi und spinnwebfeinen Streicherarabesken. Kein Zweifel, dieser „Don Juan“ nimmt sich, was ihm zusteht. Auch die nach der Pause dargebotene vierte Symphonie von Johannes Brahms musste sich einen festen Zugriff Rattles gefallen lassen. Fast schien es, als wolle der bald aus Berlin scheidende Maestro auf seiner letzten Tournee, die ihn im Laufe des Novembers bis nach Asien führt, der blühenden Spätromantik alle sentimentalen Flausen austreiben. Das Ergebnis freilich überzeugte ebenso verstörend wie beeindruckend. Wie ausgewechselt mischte sich im Schlussjubel der dankbare Chefdirigent unter seine Musiker und reichte beinahe jedem Einzelnen überwältigt die Hand. Einmal verließ er ganz den Saal, um seinem Spitzenorchester den Applaus allein zu gönnen. Das Publikum reagierte entsprechend: Frenetischer Jubel und einzelne „Standing Ovations“ beendeten das selbstbewusste Gastspiel.

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