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Interview: Sir John Eliot Gardiner: "Nicht im Ghetto stecken bleiben"

Sir John Eliot Gardiner verfolgt ein neues Projekt. Der Pionier der historisch informierten Aufführungspraxis wird mit dem London Symphony Orchestra alle Sinfonien von Robert Schumann aufnehmen. Anfang März kommt er mit einem Teil des Projekts in die Alte Oper Frankfurt. Mit dem Dirigenten sprach Andreas Bomba.
Bach und Gardiner. Aber natürlich kann er auch anders. Jetzt spielt er alle Schumann-Sinfonien ein. Foto: Sebastian Willnow (dpa-Zentralbild) Bach und Gardiner. Aber natürlich kann er auch anders. Jetzt spielt er alle Schumann-Sinfonien ein.

Vor zwanzig Jahren haben Sie mit dem von Ihnen gegründeten „Orchestre Revolutionnaire et Romantique“ schon einmal alle Schumann-Sinfonien aufgenommen. Warum jetzt wieder? Was hat sich geändert?

JOHN ELIOT GARDINER: Vor allem die allgemeine Haltung den Orchesterwerken Schumanns gegenüber. Als wir sie 1997 uns vornahmen, gab es noch diese enormen Missverständnisse von Schumanns Orchestrierung. Die Vorurteile reichten zurück bis Gustav Mahler oder Felix Weingartner.

In die Zeit der letzten Jahrhundertwende also.

GARDINER: Ja, man meinte damals, die Instrumentation Schumanns verbessern zu müssen. Ich fand das vollkommen unnötig, und es war an der Zeit, ein Signal zu setzen, eine Art Ehrenrettung von Schumanns Orchesterwerken. In den Jahren bis heute hat sich viel geändert. Es gibt mittlerweile Aufnahmen von Orchestern, die auf modernen Instrumenten spielen, von Dirigenten wie Simon Rattle oder David Zinman, die die Orchester auf etwa fünfzig bis sechzig Musiker reduziert haben. Das klingt viel schlichter, viel durchsichtiger. Das verändert die Musik. Ich denke, auf diesem Weg muss man noch weitermachen, bis das Publikum bereit ist, diese anderen Dimensionen von Schumanns Musik zu akzeptieren.

Hat das Vorurteil auch mit den Instrumenten zu tun? Denn als Sie diese erste Aufnahme vorlegten, klang plötzlich alles anders. Kann man das auf die herkömmlich spielenden Orchester übertragen?

GARDINER: Gerade das hat sich ja geändert. Ich nenne zwei Beispiele: Das London Symphony Orchestra und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Mit beiden arbeite ich intensiv als Gastdirigent. Beide Orchester schaffen auch mit „modernen“ Instrumenten eine Durchsichtigkeit, eine Leichtigkeit, die früher so undenkbar war. Natürlich bin ich auf unsere Pioniertat damals sehr stolz; es wäre aber doch schade, wenn das in dem Ghetto der historischen Aufführungspraxis stecken bliebe. Die Musik soll von allen Orchestern gespielt werden, aber mit einem gewissen stilistischen Verständnis.

In Deutschland kennt man Sie auch als Präsidenten des Bach-Archivs Leipzig. Sie musizieren sehr viel Bach. Mendelssohn liegt in Aufnahmen vor, jetzt also Robert Schumann. Hat das etwas mit dem Ort Leipzig zu tun, an dem ja alle drei in entscheidender Weise wirkten?

GARDINER: Ich glaube, das ist Zufall. Ich bewundere Leipzig und diese große Tradition, da wäre es natürlich logisch, sich gerade mit diesen Komponisten zu beschäftigen. Meine Funktion im Bach-Archiv spielt dabei keine Rolle.

Aber Leipzig inspiriert doch – es gibt Gedenkstätten für Mendelssohn, Schumann und andere, an jeder Ecke könnte einem ein bedeutender Komponist, ein bedeutender Musiker in die Arme laufen, fast wie Wien.

GARDINER: Auf jeden Fall! Und es gibt ja noch mehr Komponisten, Wagner, Grieg und weniger be-kannte, viele, die sogar schon vor Bach hier Musikgeschichte geschrieben haben: Schein, Calvisius und Kuhnau!

Die historisch informierte Aufführungspraxis bezieht sich ja nicht nur auf Instrumente. Sie ist eine bestimmte Haltung gegenüber der Musik. Man schaut auf Quellen, auf korrekte Ausgaben, geht den Dingen auf den Grund. Wenn man die Musikgeschichte vom Barock her aufrollt: Wie weit kommt man mit dieser Haltung? Wer etwa ist der jüngste Komponist, mit dem Sie sich beschäftigt haben?

GARDINER: Bis jetzt: Strawinsky. Ich habe sehr viel Interesse und habe mit meinem Orchestre Révolutionnaire et Romantique sogar schon Debussy gespielt. Bartók wäre auch interessant, auch Webern und Schönberg. Die große Veränderung in der Musik geschah um 1930, 1935, vor dem Zweiten Weltkrieg. Ab hier erst kamen die Darmsaiten für die Streicher ganz außer Gebrauch, man zog Metallsaiten auf, Musiker wie Fitz Kreisler spielten viel mehr Vibrato, suchten nach mehr Ausdruck. In gewissem Sinne ist das eine Amerikanisierung, weil die Orchester aus Chicago, Cleveland und New York so spielten.

Eine letzte Frage, die sich auf Frankfurt bezieht: Am Dr. Hoch’schen Konservatorium gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Gardiner als Studenten. Sind Sie verwandt?

GARDINER: Ja, das ist mein Großonkel, Henry Balfour Gardiner, der hat bei Iwan Knorr studiert, in einer Gruppe englischer Komponisten zusammen mit Roger Quilter, Cyril Scott und Percy Grainger. Die sogenannte „Francfort-Gang“!

Haben Sie den Onkel noch gekannt?

GARDINER: Ja, aber er ist gestorben, als ich sieben, acht Jahre alt war. Er war ein sehr typischer edwardianischer Gentleman, und er hat nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr komponiert, er war sehr enttäuscht und hatte keinerlei Sympathie mit der zweiten Wiener Schule. Viele seiner Partituren hat er leider verbrannt.

Haben Sie dennoch mal etwas gespielt von ihm?

GARDINER: Ja, und es ist viel besser als ich dachte! Er war durchaus bekannt damals, die genannten Kollegen meinten, er sei von ihnen der beste. Was mich persönlich ihm nahe bringt, ist jedoch etwas anderes: Er hat zwischen 1928 und seinem Tod 1950 dort, wo ich aufge-wachsen bin, zusammen mit meinem Vater rund vier Millionen Bäume gepflanzt.

Und das ist der Wald, in dem Sie heute noch spazieren gehen?

GARDINER: Genau so ist es!

 

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