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Orozco-Estrada und die HR-Sinfoniker mit Strawinsky: "Skandal" in der Alten Oper

Einmal die Solo-Pauke während des Konzerts schlagen? Das geht – bei „Spotlight“, dem neuen Mitmach-Konzert des HR-Sinfonieorchesters in der Alten Oper. Zur Premiere gab’s Strawinskys „Sacre“ – und ein bisschen Tumult.
Provozierte heftige Reaktionen und Anfeindungen des Publikums: Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada. Foto: Sascha Rheker (Sascha Rheker) Provozierte heftige Reaktionen und Anfeindungen des Publikums: Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada.
Frankfurt. 

Das blanke Erstaunen steht ihm auch Minuten nach dem Konzert noch im lebhaften Gesicht: „Der ganze Holzboden hat gewackelt, wie bei einem Erdbeben“, versichert IT-Spezialist Christos Bourlakos, 48 Jahre alt. „Nicht nur die Schwingungen der Instrumente, auch die gemeinsame Bewegung so vieler Menschen bringt den Boden in Bewegung; ein irres Gefühl.“

Er gehörte zu den 17 Glücklichen, die ab Partitur-Einheit 129 bis zum Ende von Strawinskys 1913 noch als skandalös empfundenem Werk „Sacre du Printemps“ mit auf die Bühne durften. Der Rest der rund 1300 Zuhörer sang immerhin mit Orchesterchef Andrés Orozco-Estrada im Chor oder kam beim „Get-Together“ dnach mit ihm und seinen Profis ins Gespräch.

Dieses Premieren-Konzert war ein voller Erfolg: Dirigent Orozco-Estrada, bekannt für seine Spontaneität, dürfte sich mit seiner sprühenden Moderation, den unkonventionellen Anweisungen („jetzt alle böse pfeifen“) und seinen Grimassen neue Fans gewonnen haben. Allerdings: So vieles wollte er seinen After-Work-Besuchern noch über die Geschichte von Strawinskys Ballettmusik erzählen, dass ihm die Zeit davonlief.

Zwölf statt elf Schläge

Ursprünglich war eine Stunde für das Mitmach-Konzert angesetzt, am Ende füllten Werk und Erklärungen mehr als 75 Minuten. Immerhin konnten Dirigent und Orchester deutlich machen, wie schwer das einleitende Fagott-Solo für Ralph Sabow zu spielen ist. Der Holzbläser erzählte offen von der „starken Verantwortung“ der ersten Takte. Und das Publikum durfte die Fagott-Töne in normaler Stimmlage nachsingen. „Und jetzt bitte ein bis zwei Oktaven höher, dann verstehen Sie, warum das so schwer ist.“ Als Orozco-Estrada gar drei polyrhythmische Opernchöre aus seinen Besuchern formte, um die komplexe Struktur des „Sacre“ zu erklären, ernteten er und sein Laien-Chor trampelnden Applaus vom Orchester; verkehrte Welt.

Den lautesten Spaß aber hatten die Musikfans, als der Dirigent das Saal-Licht bis auf die Notenbeleuchtung löschen ließ, „wie in Paris 1913“, und vom Abend der Uraufführung erzählte: Der russische Impresario Diaghilev habe damals einen Skandal regelrecht provozieren wollen. Statt eines anmutigen Balletts hätten die erlauchten Besucher nur Dunkel gesehen, dann schräge Töne und wilde Rhythmen gehört. Ergebnis: lauter Protest. Andrés Orozco-Estrada hatte sichtlich Freude daran, den Theater-Skandal von damals nachzustellen: „Werden Sie verrückt, das gehört hier dazu!“. Lachen, lautes Klatschen, Pfeifkonzert. Besonders viele Extra-Stühle stellte die Perkussion-Gruppe bereit. Auf Konrad Grafs Pauke schlug ein aufgeregter Siebenjähriger die geforderten elf, huch!, aus Versehen sogar zwölf Schläge, während eine junge Frau auf Lars Rapps Bass-Trommel klopfte und ein Neugieriger den Chinagong von Andreas Hepp bearbeitete.

„Ist der Chef auf der Probe genauso witzig?“, wollen zwei neugierige Besucher in Sektlaune anschließend von Querflötistin Clara Andrada de la Calle und Violinistin Charys Schuler wissen. Vielsagende Blicke werden getauscht, dann antworten die Musikerinnen diplomatisch: „Er ist ähnlich spontan und humorvoll, aber da herrscht viel mehr Konzentration.“

Eine, die nicht bereut, sich auf das HR-Konzert eingelassen zu haben, ist die 53-jährige Bankerin Petra Hoffmann, die es von der Arbeit in die Alte Oper „nicht weit“ hat und noch in lockerer Alltagskleidung steckt. Ihr gefällt, dass sie Strawinskys „komplexes Werk dank der ansprechenden Art“ des Moderators jetzt verstanden hat. Im Gespräch mit dem kolumbianischen Dirigenten fachsimpelt sie mit ihm über das Buch „Kriegssplitter“ von Herfried Münkler, der darin dem „Bruch mit dem Heroismus“ in Strawinskys Musik breiten Raum eingeräumt hat.

Und was sagt der Chef zu seinem Experiment? „Das Publikum war sehr talentiert.“ Deshalb: „Nächstes Mal muss ich komplexere Aufgaben stellen.“

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