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Am Rhein: Skulpturen der Triennale in Bingen zu bewundern

Von Unter dem Leitthema „Nah und Fern“ sind bei der Skulpturen-Triennale Bingen den Sommer über 20 Kunstwerke in der Ortsmitte und am Flussufer aufgereiht.
Christel Lechners „Fotogruppe“ zeigt einen Ausflügler, der seine Lieben auf einem Bild verewigt. Mancher Besucher der Skulpturen-Triennale in Bingen wird sich in der Figurenkonstellation wiederfinden – und viele fotografieren sich selber inmitten der Gruppe. Christel Lechners „Fotogruppe“ zeigt einen Ausflügler, der seine Lieben auf einem Bild verewigt. Mancher Besucher der Skulpturen-Triennale in Bingen wird sich in der Figurenkonstellation wiederfinden – und viele fotografieren sich selber inmitten der Gruppe.

Sehr behutsam bewegen sich André Odier und Lutz Driever durch Bingen. Die beiden sind Kunstkuratoren aus dem großen und fernen Berlin, und das Kleinstadtpflaster am Rhein ist für sie fremdes Terrain. Zwar kuratieren sie die Skulpturen-Schau des Weinunternehmer-Ehepaars Gerda und Kuno Pieroth zum nunmehr dritten Mal seit 2011. Sichtlich Spaß bereitet es ihnen, ein bisschen Gedanken-Unordnung ins wohlige Kleinstadt-Gefüge zu bringen, doch dass sie anfangs „mit großen Ressentiments“ empfangen wurden, steckt ihnen noch in den Knochen. So wollen sie ein bisschen aufrütteln – aber nicht zu viel: Ganz sanft und konsensual, mit „Schönheit und Natur“, fingen die beiden 2011 an. 2014 folgte das Thema „Mensch und Maschine“, und heuer also: „Nah und fern“.

„Die andere Eva“ von Elvira Bach hält die Schlange wie ein Kuscheltier und ist aus glasfaserverstärktem Kunstharz, handbemalt. Bild-Zoom
„Die andere Eva“ von Elvira Bach hält die Schlange wie ein Kuscheltier und ist aus glasfaserverstärktem Kunstharz, handbemalt.

In Zeiten, in denen Menschen mit sehr fremden Traditionen nach Europa strömen und sich die Frage ganz neu stellt, was und wo Heimat ist und wie sie gelebt werden kann, ist das eindeutig das bisher politischste Leitthema. Zu ernst wird der Parcours trotzdem nicht.

Boot für Flüchtlinge

Sieben Boote stellt Rebecca Raue in der Basilika St. Martin aus. Das geht gleich in die Vollen, wurden die doch in einem Berliner Projekt von Flüchtlingen selber zusammengeschraubt, die darüber ins Erzählen gerieten: Wo sie selber im Boot saßen, als sie von Afrika nach Europa übersetzten.

Die Installation „Touristic Hint“ von Jay Gard gibt tatsächlich „Touristische Hinweise“ für Rheinromantiker – die allerdings nicht zu entschlüsseln sind. Bild-Zoom
Die Installation „Touristic Hint“ von Jay Gard gibt tatsächlich „Touristische Hinweise“ für Rheinromantiker – die allerdings nicht zu entschlüsseln sind.

Ein Sinnbild freilich, das mehr Sozialprojekt ist als Kunst, aber sei’s drum. In einer Kirche ist das gut aufgehoben, und zum Nachdenken regt es allemal an.

Zollstock fürs Ich

Sophia Pompéry mit zwei Zwei-Meter-Zollstöcken, die witzigerweise unterschiedliche Längen anzeigen, und Christel Lechner mit einer ihrer populären Skulpturen-Gruppen in Beton sind weitere Teilnehmer in der Ortsmitte. Lechners lebensgroße Figuren zeigen Menschen wie du und ich, zwischen denen Menschen wie du und ich sich gerade deswegen gerne fotografieren lassen.

Tücher für Bäume

Alle anderen Künstler reihen sich entlang der Uferpromenade der pfälzischen Stadt: Rheinkilometer 529 lautet die wenig poetische, aber geografisch korrekte Notation. Angefangen mit der altbekannten Elvira Bach, deren krassbunte „Andere Eva“ mit Schlange und netzbestrumpft Aufmerksamkeit heischt.

Christian Achenbachs kreisförmiges Kunstwerk „Untitled (Sphere)“ steht am Rheinufer und macht auf seine Art viel Wirbel. Bild-Zoom
Christian Achenbachs kreisförmiges Kunstwerk „Untitled (Sphere)“ steht am Rheinufer und macht auf seine Art viel Wirbel.

Aus Indonesien stammt Yudi Noor, der Bäume im Grünstreifen mit Tüchern umkleidet und mit fragilen Korb- und Schnurelementen garniert hat. So inszeniert er einen alten Brauch seiner Heimat, sich bei Bäumen, wenn sie 150 Jahre alt geworden sind, mit Geschenken und einem großen Fest zu bedanken. Ein aus der buddhistischen Tradition rührender Gedanke, der Natur ihren Respekt zu bezeugen, auf eine sehr unmittelbare, geradezu kindlich-verspielte Weise.

Ruine für Lidl

Adrian Lohmüller will den „Sehnsuchtsort Ruine“ wiederentdecken und ließ eine handelsübliche Ruine ins Grün pflanzen, die sich jedermann – ja, das ist wahr! – bei Lidl online für 1189 Euro bestellen kann. „Der perfekte Sitz mit antikem Flair“, wirbt der Discounter für sein Gartengemäuer: was einerseits herrlich skurril ist – andererseits für ein Kunstwerk, das auf einer Triennale für mehr als ein Schmunzeln sorgen soll, arg dürftig.

Stefan Strumbel hat seine Marienfigur in Folie gehüllt und dann gegossen. Bild-Zoom
Stefan Strumbel hat seine Marienfigur in Folie gehüllt und dann gegossen.

Gelungen hingegen ist eine Skulptur auf einem Sockel von Stefan Strumbel, die wir unweigerlich als Maria mit Kind identifizieren, obwohl die kunstvoll gefaltete Luftpolsterfolie, die sie umwickelt, kein Gesicht erkennen lässt: Was immer wir sehen, wir kommen nicht raus aus unserer (kulturellen) Haut.

Keramik für Vögel

Ganz in der Nähe hat die Künstlerin Nadira Husain aus handbemalten Keramikplatten ein quicklebendiges Vögel-Bodenmosaik geschaffen. Außergewöhnlich ist Gregor Hildebrandts Stefan-George-Huldigung in Stein. Im monumentalen Format von knapp fünf mal dreieinhalb Metern nach einem berühmten Porträt von Reinhold Lepsius gearbeitet, hängt es, weiß auf schwarzem Hintergrund, am besten dafür vorstellbaren Platz: Von der Querseite des dunklen „Hauptzollamt“-Gemäuers schaut George, der in Büdesheim bei Bingen geboren wurde, weihevoll auf den Rhein und die – das darf man sich gern einbilden – auf der anderen, hessischen Rheinseite stehenden Germania.

Huldigung für Dichter

Der in Bad Homburg geborene Hildebrandt, seit zwei Jahren Professor für Malerei in München, hat damit seiner langjährigen George-Begeisterung einen Ausdruck verliehen, und das Budget für die Kunstwerke um ein Vielfaches überschritten: Die Produktion habe Hildebrandt eine sechsstellige Summe gekostet, verrät Kurator Driever. Hildebrandt bezahlte die Mehrkosten aus eigener Tasche.

Adrian Lohmüller hat sich bei Lidl den „Sehnsuchtsort Ruine“ gekauft und ihn in die Grünanlagen am Rhein verpflanzt. Bild-Zoom
Adrian Lohmüller hat sich bei Lidl den „Sehnsuchtsort Ruine“ gekauft und ihn in die Grünanlagen am Rhein verpflanzt.

Das Denkmalamt allerdings fordert die Abhängung nach der Triennale. Jammerschade wär’s – ein würdigerer und passenderer Platz für eine dauerhafte Dichter-Huldigung ließe sich kaum denken. Nicht alles, was hier zu sehen ist, ist solcherart erhaben, aber das soll es auch gar nicht sein: Vielmehr geht es darum, mit den unterschiedlichsten Ideen zu spielen, den Ufer-Flaneur zu überraschen.

Handys für Flaneure

Und das gelingt immer wieder. Über den ganzen Parcours verteilt liegen Handys auf dem Boden – mal sehr offen sichtbar, mal fast versteckt am Rand. Die bronzenen Abgüsse sind gut im Boden verankert und Objekte des Künstlers Alexander Endrullat. Das Mobiltelefon als Zeichen einer Welt, in der Nah und Fern neu definiert werden müssen, ist in der Tat ein bestechender Gedanke. Und dass diese Handys wie achtlos auf dem Weg herumliegen, gibt der Sache einen weiteren Dreh.

Mofa für George

Olaf Metzel hat, um Ferne zu überwinden, ein ganz anderes Objekt aus seinem Fundus ausgegraben: „Berlin in der Tasche“ heißt sein knallorangenes Mofa. An einen Laternenpfahl gekettet steht es da, eine Erinnerung an unbeschwerte Jugendträume von Weite und Unabhängigkeit, eine nostalgische Technik-Träumerei, übrigens gleich schräg unter dem schwarzen George, dem großen, bedeutungsschweren Endzeit-Rauner.

Spaß für die Kunst

Spaß und Tiefe haben André Odier und Lutz Driever auf ihrer Skulpturenmeile eng zusammengepackt. Manches Kunstwerk fordert, manches macht einfach nur Spaß. So soll es sein. Ein schöner sommerlicher Spaziergang.

 

Skulpturen-Triennale Bingen, in der Innenstadt und am Rheinufer. Bis 8. Oktober. Eine kostenlose App informiert über die Kunstwerke.
Internet www.skulpturen-bingen.de

 

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