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Oper Frankfurt: So läuft eine Opernprobe ab

Vom Sängerfest der vier Countertenöre an der Oper Frankfurt und ihrer „Lust auf Langeweile“. Ein Probenbericht zu Peter Eötvös’ Oper „Tri Sestry“.
Irina, Olga, Natascha und Mascha (im Uhrzeigersinn: Ray Chenez, Dmitry Egorov, Eric Jurenas und David DQ Lee). Foto: Michael Faust Irina, Olga, Natascha und Mascha (im Uhrzeigersinn: Ray Chenez, Dmitry Egorov, Eric Jurenas und David DQ Lee).
Frankfurt. 

Kräftige, hohe Tongirlanden dringen aus der Künstlergarderobe. Ist das die Stimme einer Frau? Plötzlich geht die Tür auf und ein kahlrasierter, junger Mann in Frauenkleidern erscheint. „Hi“, sagt er locker, als sei das für ihn Alltagskluft, und geht ab Richtung Probebühne.

Gerade hat sich der amerikanische Countertenor Eric Jurenas eingestimmt, ursprünglich ein ausgebildeter Bariton. Beginnend mit den unteren Lagen der Bruststimme, hat er seinen Sopran gleitend bis in die höchsten Töne der Kopfstimme geführt. Das hört sich an, als würde man die Stimmbänder langziehen – in der Fachsprache Glissando genannt. Der Effekt ist irrsinnig, als würde die Stimme einen zweifachen Loop drehen.

Das bleibt nicht friedlich: Ray Chenez (Irina) und Dmitry Egorov (Olga). Bild-Zoom Foto: Michael Faust
Das bleibt nicht friedlich: Ray Chenez (Irina) und Dmitry Egorov (Olga).

Heute steht für Jurenas in Rödelheim eine Frauenrolle auf dem Probenplan: die provinzielle Natascha in Peter Eötvös’ Werk „Tri Sestry“. So heißt die Oper des ungarischen Komponisten, 1998 nach Tschechows Komödie „Drei Schwestern“ komponiert. Es ist atemberaubend, zu erleben, wie Jurenas auf der Probe seine Glissandi perfektionieren, wie er mit abgewrackten weißen Stöckelschuhen auf den Esstisch springen und die Blusenschleife der friedfertigen Olga (Dmitry Egorov) ramponieren wird.

Krawall auf der Bühne

Erst kriecht er, russische Verwünschungen schreiend, quer über den Tisch, zerrt dann an ihrer Kleidung und terrorisiert sie permanent mit seinen zickigen Intervallsprüngen. Die ruhigere Olga hält dagegen, bleibt kontrolliert und schaut peinlich berührt auf den Tisch. Jetzt unterbricht die Regisseurin. Dorothea Kirschbaum lobt: „Good, brilliant.“

Aber beide Sänger haben noch etwas zu ihrem Auftritt zu sagen: Es wirkt unfreiwillig komisch, wenn sich der zweite Countertenor, Dmitry Egorov als ältliche Olga, beklagt: „Wenn er so an mir zerrt, dann brauche ich jedes Mal eine neue Schleife!“ Kirschbaum holt die Kostümbildnerin: „Michaela, was meinst du, kann man da was machen?“ Währenddessen testet Jurenas den Tisch, auf dem er sich ausgetobt hat. Der wackelt jetzt gefährlich. „I am sorry“, meint er mit lässiger Sprechstimme.

Das Musikstück, das gerade für die Saisoneröffnung an der Frankfurter Oper probiert wird, könnte ungewöhnlicher nicht sein: Vier Countertenöre in verschiedenen Lagen singen die drei russischen Schwestern Olga, Mascha und Irina (plus ihre Schwägerin Natascha). Zudem verlangt die Komposition zwei Orchester. Ein 18-köpfiges im Orchestergraben und ein großes romantisches, das mitten auf der Bühne platziert ist.

Die beiden Solorepetitorinnen Anne Larlee und Irina Buch spielen diesen doppelten Orchesterpart auf der Probe an Flügel und Klavier. Die Besetzung mit Countertenören wählte Eötvös, weil ihn japanisches Kabuki-Theater faszinierte und er eine größtmögliche Verfremdung anstrebte. „Die Idee, die Oper mit der Originalbesetzung aufzuführen, stammt vom Intendanten Bernd Loebe. Weil der besondere Klang der Männerstimmen der Partitur einen besonderen Reiz verleiht“, sagt die Regisseurin.

Sie selbst interessiert sich für die konkreten, familiären Konflikte und scheint mit ihrem klaren Konzept bei den Sängern auf Gegenliebe zu stoßen. „Ich denke dabei oft an ,Osage County‘“ – ein bitterböses Familienstück des US-Dramatikers Tracy Letts, bei dem am Ende die Torten fliegen. Es sei dieser genaue Blick von Eötvös auf das, was in der Gesellschaft passiere und „wie absurd das manchmal ist, wie abschreckend und auch traurig zugleich.“

Keine Drag-Queens

Will sie die Gender-Thematik aufgreifen? „Nein. Die vier Countertenöre lassen wir als „Rock-Rollen“ spielen, entsprechend der Hosenrolle. Wir machen keine Drag-Queens aus ihnen.“ Wirken Männer, die feminine Züge ausspielen, weiblicher als Frauen selbst? Es sind tatsächlich nur Männer auf der Bühne. Selbst die alte Amme Anfisa wird vom Bassisten Alfred Reiter gesungen. Der Streit, den Olga und Natascha Anfang der zweiten Sequenz ausfechten, hängt mir seiner Rolle zusammen. Olga will die alte Amme behalten, während Natascha sie fortjagen möchte, weil sie angeblich faul, untätig und schläfrig ist.

Für den russischen Countertenor Dmitry Egorov, der meist in Barockopern singt, ist Olga seine erste zeitgenössische Rolle. Mit weiblichen Partien kennt er sich allerdings aus: „Auch bei Henry Purcells ,Dido und Aeneas‘ habe ich eine Hexe gesungen und steckte in Frauenkleidern.“ Ray Chenez aus den USA, der mit Irina die jüngste des Trios singt, findet, dass die geballte, männliche Energie im Raum für ein gewisses Gleichgewicht sorgt.

Dadurch kann er sich ganz auf die Gefühle und Beziehungen seiner Figur konzentrieren. Am Sonntag wird er auf der Opernbühne sein Frankfurt-Debüt geben. David DQ Lee aus Kanada genießt seine Rolle der Mascha: „Es macht immer total Spaß, die Bitch zu spielen.“ Schließlich habe Mascha Olga den Mann weggeschnappt und bereits den nächsten Liebhaber im Visier.

Im Stück leiden alle drei Schwestern darunter, dass sie der Langeweile ihres Provinznestes nicht entkommen können. Ganz anders als die vier Countertenöre im echten Leben: Als Jetsetter sind sie in der ganzen Welt gefragt. Fällt es ihnen da nicht schwer, sich in die Rollen einzufinden? Eric Jurenas wirft einen ironischen Blick in die Runde, als er sich alle Zeit der Welt nimmt, um jedes Wort auf Deutsch genüsslich auszusprechen: „Ja . . .Lust auf Langeweile.“

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