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Leidenschaftliche Leserin erklärt, warum sie im Internet über Bücher schreibt: Sophie Weigand: Was ist denn ein Literaturblog?

Im Internet entsteht eine neue Kommunikationskultur. Der Literatur, traditionell ein einsames Geschäft, muss das nicht schaden. Sechs der bekanntesten deutschsprachigen Blogger begleiteten in diesem Jahr kommentierend und diskutierend den Deutschen Buchpreis. Sophie Weigand war eine von ihnen.
Aus Leidenschaft für gute Sprache und den besonderen Blick hat sich Sophie Weigand dem Schreiben über Bücher verschriebem. Foto: Chris Zielecki Aus Leidenschaft für gute Sprache und den besonderen Blick hat sich Sophie Weigand dem Schreiben über Bücher verschriebem.

Was ist denn ein Literaturblog?, fragen mich viele, denen ich davon erzähle, was ich in meiner Freizeit tue. Literaturblogs seien seicht – im schlechtesten Sinne des Wortes. Das jedenfalls ist es, was ihre Kritiker ihnen am häufigsten vorwerfen. Neben mangelnder literaturwissenschaftlicher Expertise, lauen Geschmacksurteilen, blinder Begeisterung und der naiven Bereitschaft, sich vor die Marketingkarren sämtlicher Verlage spannen zu lassen. Stimmt das?

Ein Blog, die Kurzform von „Weblog“, ist ursprünglich ein öffentlich und sehr subjektiv geführtes Tagebuch oder Journal im Netz. Im Idealfall entsteht ein lebendiges Gespräch mit Lesern, in dem auch der Autor mitmischt.

Es gibt bisher keine verlässlichen Zahlen dazu, wie viele aktive Literaturblogs im deutschsprachigen Raum existieren. Rund 1200 Blogs unterschiedlicher Qualität und Gestaltung werden regelmäßig mit Inhalten bespielt und sind für ihr jeweiliges Publikum von Relevanz. Diese Relevanz richtet sich u.a. danach: Wie oft ist ein Blog verlinkt, wie oft wird auf ihn verwiesen, wie oft taucht ein Blog in anderen Blogs auf? Wer oft verlinkt wird, steigert online, z.B. bei Google, seine Sichtbarkeit und wird leichter von neuen Lesern gefunden. Das ist auch außerhalb des Internets nicht anders: Wem es gelingt, dass über ihn gesprochen, dass er gelobt oder empfohlen wird, der wird auch leichter neue Zuhörer gewinnen.

Seine Meinung sagen

Was treibt einen – meist jungen, meist weiblichen – Menschen dazu, online über seine Leseerfahrungen zu berichten? Ich selbst betreibe meinen Blog seit 2011. Meine Gründe unterscheiden sich nicht wesentlich von denen anderer Blogger. Viele wollen ihre Eindrücke festhalten und sich mit einem Text nochmal anders auseinandersetzen, indem sie ihn nach der Lektüre für den Blog rekapitulieren. Die meisten sagen: Wir haben den Austausch mit anderen Lesern und Leserinnen gesucht. Man kommt plötzlich mit anderen Menschen über Bücher ins Gespräch.

Die soziale Komponente des Bloggens ist wichtig. Auch wenn Lesen selbst eine einsame Tätigkeit ist, suchen wir doch gerade bei Büchern, die etwas in uns bewegen, den Austausch. Genauso, wie man im Freundeskreis über Filme oder Musik fachsimpelt, ohne fünf Instrumente zu beherrschen oder Filmwissenschaftler zu sein, will man als Leser oder Leserin eben auch über Bücher fachsimpeln. Man will das dürfen, auch wenn man kein professioneller Kritiker oder studierter Literaturwissenschaftler ist. So ist der Blogger auch keine literaturkritische Instanz im klassischen Sinne, keine Institution. Ein Blogger bewegt sich meistens auf Augenhöhe seiner Leser, das ist Teil des Konzepts.

Hinter einem Blog steht eine Persönlichkeit, mit der Leser sich identifizieren und deren Meinung sie schätzen, weil es zum Beispiel Überschneidungen im Literaturgeschmack gibt. Auch Sympathie spielt eine Rolle. Das bedeutet: Man muss sich als Blogger exponieren.

Foren für Spezialisten

Die Blogs unterscheiden sich in ihrer Gestaltung, ihrer Ausrichtung, ihrer Qualität und ihrem Stil. Manche denken, Literaturblogs seien überwiegend das Werk pubertierender Mädchen, die sich leidenschaftlich in eine Literatur versenken, die früher allenfalls als Groschenheft verlegt worden wäre. Es gibt solche Blogs. Aber es gibt auch viele andere. Zu Fantasy- oder Science-Fiction-Romanen, Liebeskomödien oder noch spezielleren Genres. Sie decken ab, was in der klassischen Literaturkritik selten vorkommt.

Wieder andere Blogs konzentrieren sich auf die etwas anspruchsvollere Literatur, dort gibt es viele Überschneidungen mit Titeln, die auch im Feuilleton besprochen werden. Seit 2013 gibt es z.B. jährlich eine Gruppe von Bloggern, die den Deutschen Buchpreis begleitet und die nominierten Titel bespricht, 2015 hat die Leipziger Buchmesse mit den „Bloggerpaten“ etwas Ähnliches versucht.

Wichtig ist: Es gibt nicht den einen Literaturblog, der exemplarisch für eine ganze Szene stehen könnte. Was Blogs eint und zu ihren am höchsten zu schätzenden Qualitäten gehört, ist ihre Unabhängigkeit. Blogger sind nur sich selbst verpflichtet. Ein Titel, der seit zwei Monaten erschienen ist, beginnt für klassische Redaktionen bereits Staub anzusetzen. Die Karawane ist weitergezogen. Diesem Mechanismus muss sich kein Literaturblogger unterwerfen. Er kann Bücher von vor zwanzig Jahren besprechen. Er kann Bücher sichtbar machen, über die sonst keiner spricht; nicht nur die Spitzentitel bewerben, sondern auch Bücher aus kleinen Verlagen. Das nützt einerseits dem Buch und dem Autor, andererseits dem Blogger, weil er womöglich etwas aufspürt, das andernfalls nur von wenigen Lesern bemerkt worden wäre. Damit hebt er sich ab. Und das nützt letztlich auch den Verlagen. Blogger können also Entschleuniger sein – und Trüffelschweine.

In den letzten zwei Jahren hat sich die Wahrnehmung von Blogs in der Buchbranche drastisch verändert. Belächelte man sie früher für ihren Dilettantismus, gelten sie heute als wichtige Multiplikatoren. Obwohl niemand weiß, ob Blogs tatsächlich „verkaufsrelevante“ Besprechungen liefern. Das gilt aber auch für klassische Werbeanzeigen oder Rezensionen. Selten lässt sich ein Verkaufserfolg auf eine einzige gute oder schlechte Besprechung zurückführen.

Was heißt Erfolg?

Meistens ist es ein Mix von Ursachen, der zum Erfolg führt. Dazu gehören inzwischen auch die Blogger. Auf jeder Buchmesse finden Bloggertreffen statt, namhafte Verlage laden zur Besichtigung der Verlagshäuser und Programmvorstellungen ein. Wie unabhängig kann ein Blogger sein und bleiben? Die Antwort kann nur jeder Blogger selbst geben.

Die meisten betrachten das Literaturbloggen als Hobby und haben daneben ihren Brotjob. Mit manchen Blogs lässt sich Geld verdienen, im Bereich Mode, Lifestyle, Reisen, Technik und Kochen. Dort werden Auslandsreisen gesponsert und Postings in sozialen Netzwerken vergütet. In der Buchbranche ist das nicht ganz so einfach. Doch auch hier haben sich bereits einige Vergütungsmodelle entwickelt, von Bannerwerbung bis hin zu gesponserten Posts.

Immer wieder heißt es, Bloggern fehlten literaturkritische Kategorien und fachliche Expertise, die hinter „Subjektivität“ und „Leidenschaft“ zurückstehen müssten. Das gilt als schlecht und unseriös. Statt Blogs als ergänzendes Angebot wahrzunehmen, werden sie in einen permanenten Wettstreit mit der klassischen Literaturkritik verwickelt. Dabei sind sie in ihrer Konzeption ohnehin weit entfernt vom Feuilleton. Der Streit nützt niemandem, schon gar nicht dem Buch und der Literatur.

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