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Zoom Club: Soul-Sänger Curtis Harding gibt in Frankfurt ein berauschendes Konzert

Was für eine Stimme! Curtis Harding liefert im Frankfurter „Zoom“ den Beweis, warum er als einer der besten Soul-Sänger seiner Generation gefeiert wird.
Nur echt mit Tamburin und Sichtschutz: Der amerikanische Soul-Sänger Curtis Harding. Foto: Holger Menzel Nur echt mit Tamburin und Sichtschutz: Der amerikanische Soul-Sänger Curtis Harding.
Frankfurt. 

Es geht damit los, dass Curtis Harding seine Sonnenbrille aufsetzt. Äußerste Alarmbereitschaft im Publikum, noch ein paar schnelle Schlucke aus der Bierflasche, dann kommt auch schon Bewegung in die ganze Sache. Ein Basslauf zerschneidet die elektrisierte Luft im pickepackevollen „Zoom“, und dieser Basslauf beamt das Publikum auch sogleich mittenrein in die Siebziger, in eine Zeit, in der Smokey Robinson, die „Supremes“, Stevie Wonder und sein Bassist James Jamerson, die gesamte Motown-Clique das Maß aller Dinge waren. Curtis Harding hält sein Tamburin in die Höhe, singt „My world is brighter when I’m with you“, und die Nostalgie-Sause beginnt.

In Gospel geschult

Längst hat sich auch in Frankfurt herumgesprochen, dass Curtis Harding eine Wucht ist: Der 38-jährige Amerikaner wurde der Legende nach von seiner Mutter im Gospel geschult, beschäftigte sich als Teenager mit Hip-Hop, verfiel als junger Erwachsener dem schwülen Soul seines Namensvetters Curtis Mayfield. Zunächst verdingte er sich als Background-Sänger von Multi-Seller Cee-Lo Green und der Hip-Hop-Combo „Outkast“, entwickelte dann mit Musikern der Punk-’n’-Roll-Band „Black Lips“ eine eigene Garage-Rock-Vision und stolperte schließlich irgendwie in eine Solo-Karriere hinein.

Nun steht Curtis Harding also da, auf der winzigen Bühne im „Zoom“, so abgeklärt und unnahbar, wie man es zuletzt vielleicht von Liam Gallagher in Knebworth gesehen hat. Curtis Harding hat zwei Alben im Gepäck und eine unbarmherzig groovende Band. Alle diese Songs sind Hits, hier gibt es keine Ausfälle: der wehmütige Soul-Pop „Next Time“, der Orgel-Schunkler „Castaway“, die fröhliche „Temptations“-Verbeugung „Till The End“, das beschwingt tänzelnde „Need Your Love“. Die meist nicht viel länger als drei Minuten dauernden Songs drehen sich um die zentralen Themen der Popmusik: Außenseitertum, Angst, Liebeseuphorie, Rache. Die Zuspätgeborenen dürfen sich freuen, eine winzige Ahnung davon zu bekommen, wie es sich angefühlt haben muss, als dieser raue Blues-Soul vor rund 50 Jahren das Licht der Welt erblickte. Curtis Hardings Stimme ist während des gesamten Konzerts einschmeichelnd, kraftvoll, durchschlagend wie auf Platte, und die erste Reihe tanzt sich dazu in Rage und wirft die Hände in die Luft. Das Konzert wird von Song zu Song besser, das merkt auch die Band. Große Ansagen von Curtis Harding braucht es nicht, das Publikum ist sowieso hin und weg.

Dem fünfköpfigen Ensemble gelingt im Laufe des rund 60-minütigen Konzerts zudem das Kunststück, den mit allerhand Rock-’n’-Roll-Posen vollgestellten Soul an den Wurzelgrund des Genres zu führen: Kaum holt die Band etwa zum düsteren Riff-Rocker „Drive My Car“ aus, zeigt sich, dass die fantastisch aufeinander eingespielten Musiker nicht nur drauf und dran sind, das Erbe von Curtis Mayfield anzutreten, sondern auch die Errungenschaften von Howlin’ Wolf und Little Walter zu ehren. Bass, Gitarre, Schlagzeug und Orgel walzen sich durch drei schwitzige Blues-Minuten. Curtis Harding greift zum Mikrofon, schüttelt den Kopf im Takt, gibt den verwegenen Voodoo-Prediger. Und, tatsächlich, sein Sonnenbrille sitzt immer noch.

60 Jahre Gitarrenmusik

Aus jedem dieser 17 Songs, die Curtis Harding und seine Kompagnons im „Zoom“ präsentieren, schreit geradezu die Informiertheit über 60 Jahre amerikanische Gitarrenmusik. Und so kommen in Frankfurt am Ende nicht nur die vielen Hipster und Spotify-Playlist-Fans auf ihre Kosten, sondern auch die etwas älteren Rock-’n’-Roll-Puristen. Curtis Harding ist die Pose genauso wichtig wie seine Musik. So behält er nicht nur bis zum Schluss des Konzerts die Sonnenbrille auf der Nase, sondern verzichtet auch auf eine Zugabe.

„Ich habe die Zukunft des Rock ’n’ Roll gesehen, ihr Name war Bruce Springsteen“, soll der Musik-Kritiker Jon Landau einst nach einem Springsteen-Konzert gesagt haben. Beim Konzert von Curtis Harding bekam man zumindest die Vergangenheit vor Augen geführt. Eine Leistung, die man bei der aktuellen Lage der Gitarren-Musik nicht zu gering schätzen darf.

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