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Frankfurter MMK 3: Sound-Installation: Klänge breiten sich im Raum aus

Von Im ehemaligen Hauptzollamt zeigt das Frankfurter MMK 3 „Formulations“, eine umfangreiche Installation des Augsburger Sound-Tüftlers Florian Hecker.
Florian Heckers Installation „A Script for Machine Synthesis“ (2013–2016) strahlt Klänge und Farben aus. Foto: marc domage Florian Heckers Installation „A Script for Machine Synthesis“ (2013–2016) strahlt Klänge und Farben aus.

Seine Werke heißen „Asynchorous Jitter, Selective Hearing [37 min 00 sec]“ oder „3 Channel Chronics [17 min 24 sec]“ oder „Formulation chim9 Env1 [25 min 00 sec]“, und es ist gut, das vorher zu wissen, denn dann ahnt man: Was kommt, könnte schwierig werden. Florian Heckers Werke sind nicht sichtbar, es sei denn, man nimmt die schicken, an langen Kabeln von der hohen Decke baumelnden Lautsprecher, die sich auf ausgeklügelte Weise im großen Raum des Hauptzollamts verteilen, als „Intervention“, wie es die Pressemitteilung des Museums will. Aber, nun ja: Wenn der Schreiber dieser Zeilen frühmorgens die Kaffeemaschine in die Küche trägt, ist das auch eine Intervention, gewissermaßen, getreu der zuverlässigen Kunst-Maxime: Intervention ist, wenn’s nachher anders ist als vorher.

Bastelei mit Akustik

Doch lassen wir das. Florian Hecker ist ein sehr ernsthafter 41-jähriger Mann, der seit vielen Jahren Klangkunstwerke bastelt und bei seinen computergenerierten oder elektroakustischen Mehr-Kanal-Sound-Arbeiten auf ein beeindruckendes Theorie-Reservoir zurückgreift. Vorläufer hat er viele, von Stockhausen bis Xenakis – also alles, was klingt, aber nicht immer gut. Hecker verändert Computerklänge mittels Algorithmen und strahlt sie über 14 Lautsprecherkanäle an einem komplexen Anbringungssystem in einer präzisen Choreografie in den Raum. Was zur Folge hat, dass das ständige Zischen und Klickern und Wummern und Jaulen und gelegentlich auch Orgeln und Fiepen und Brummen und Knacken dem geneigten Hörer immer wieder neue Grenzerfahrungen bietet.

Das entzieht sich jeder Beschreibbarkeit, wie unzweifelhaft auch der geneigte Leser dieses Textleins merkt. Die Besucher sollen dabei „am eigenen Körper erfahren, wie die individuelle Wahrnehmung vom Zusammenspiel der akustischen Resonanz, dem Klangobjekt und dem eigenen Empfinden abhängt“. Nun ja: Werden des Schreiberlings Öhrchen versehentlich von der Stimme, nur zum Beispiel, Herbert Grönemeyers heimgesucht, erfahren sie solches Zusammenspiel zu seinem Leidwesen auch. Wobei letzterer, anders als der Documenta-geadelte Klangreinheitsfanatiker Hecker, unter bewusster Missachtung allen Wissens um psychoakustische Hygieneregeln zu komponieren scheint.

Doch lassen wir auch das und kehren zurück zur Ausgangssituation. Man steht also im bis auf die kräftigen Klangböxchen in Ohrenhöhe leergeräumten Ausstellungsraum des ehemaligen Hauptzollamts, blickt durch die schönen Fenster auf die bedrohlich nahe Front der künftigen Frankfurter Touri-Kuschelecke namens neue Altstadt und hört, wie es klirrt und säuselt und flattert. Den ganzen Tag tut es das, so lange geöffnet ist, von 10 bis 18 Uhr, und zwar jede Sekunde anders, weil die MMK-Ausstellung eine aneinandergereihte Werkschau mit raumlosen Klangkunstobjekten aus vielen Jahren ist, so dass, wer die ganze Ausstellung „sehen“ will, die ganzen acht Stunden bleiben muss – und mittwochs noch zwei Stunden länger.

Befund des Theoretikers

Getreu dem Befund eines anderen Klangtheoretikers, Timbre sei „der Mistkübel der Psychoakustik“, sickern die konsequent klangfarbenvermeidenden Digitalsignale Florian Heckers in die eigenen Hörkanäle. Und schlösse man die Augen, bildeten sie eine ganz eigene Welt, eine Welt nur aus an- und abschwellenden Klickerklackerflip-flap-Sounds. Und wanderte man dann acht Stunden lang mit geschlossenen Augen in dieser Welt umher, dann wäre das wohl in der Tat eine einmalige Erfahrung. Die Kollisionsgefahr mit den freihängenden Böxchen allerdings, das sollte man bedenken, wäre nicht gering.

 

MMK 3, Hauptzollamt, Domstraße 3, Frankfurt. Bis 15. Januar 2017, Di bis So 10–18 Uhr, Mi 10–20 Uhr. Eintritt 6 Euro. Telefon (069) 212-30 447.
Internet www.mmk-frankfurt.de.

 

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