Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 21°C

Interview mit Vera King: Soziologin warnt vor Optimierungsdruck: Mit der To-Do-Liste am Leben vorbei

Vera King, Direktorin am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut, untersucht, warum sich unsere Gesellschaft immer wieder Zwängen unterwirft, die sie von wichtigen Dingen abhalten. Dazu gehören auch To-Do-Listen. Dierk Wolters sprach mit ihr.
Wenn sich immer neue Dringlichkeiten nach vorne schieben, ist die Gefahr groß, dass uns Dinge, die uns eigentlich viel wichtiger sein sollten, aus dem Blick geraten. Vera King, geschäftsführende Direktorin am Sigmund-Freud-Institut, erforscht solche Prozesse wissenschaftlich. Abb.: Fotolia Foto: (109808292) Wenn sich immer neue Dringlichkeiten nach vorne schieben, ist die Gefahr groß, dass uns Dinge, die uns eigentlich viel wichtiger sein sollten, aus dem Blick geraten. Vera King, geschäftsführende Direktorin am Sigmund-Freud-Institut, erforscht solche Prozesse wissenschaftlich. Abb.: Fotolia

Frau King, in der modernen Gesellschaft fühlen sich alle immer gehetzt. Aber wie ist das eigentlich: Haben wir wirklich weniger Zeit?

VERA KING: Auf der einen Seite haben sich die Arbeitszeiten verringert, auf der anderen Seite ist geläufig, dass sich der Arbeits- und auch Effektivitätsdruck intensiviert hat. So muss mehr in denselben Arbeitszeiten erledigt werden. Wir arbeiten also möglicherweise acht Stunden am Tag, kommen aber erschöpfter nach Hause als früher, wenn wir zehn Stunden gearbeitet haben. Genauso verhält sich das mit den neuen Technologien: Es war früher viel mehr Aufwand, einen Brief zu schreiben, als heute eine Mail. Aber heute schreiben wir viel mehr Mails.

Warum gehen wir anders um mit der Zeit, warum steigen die Anforderungen?

KING: Die gegenwärtige Gesellschaft ist seit den 90er Jahren von einem starken Beschleunigungsschub erfasst worden. Er wirkt sich aus bis in den Alltag hinein. Empirisch übersetzt heißt das: Es finden mehr Handlungen pro Zeiteinheit statt, und Dinge wandeln sich immer schneller.

Wir wollen nicht nur die Zeit besser nutzen als früher, wir müssen das auch . . .

KING: Ein zentraler Gesichtspunkt von Wettbewerb ist Schnelligkeit. Das wirkt sich aus bis in die Arbeitsverhältnisse hinein.

Das haben Sie kürzlich in einem Aufsatz über „Die Macht der Dringlichkeiten“ beschrieben. Was genau meinen Sie damit?

KING: Ursprünglich kommt der Begriff aus dem Themenfeld der Notlagen. Denken Sie an die Feuerwehr oder an die Notaufnahme in Krankenhäusern. Dringlich sind die Aufgaben, die als nächstes erledigt werden müssen. Nun ist es so, dass sich in allen Arbeitsalltagen immer mehr dringliche Aufgaben nach vorne schieben, und zwar, weil sich Aufgaben immer rascher, häufiger und mit größerer Intensität stellen.

Und das sind nicht unbedingt die wichtigen.

KING: Genau. Das, was vielleicht noch wichtiger, aber nicht so dringlich ist, rückt dann nach hinten. Zum Beispiel die Familie.

Und es besteht die Gefahr, dass das zum Dauerzustand wird?

KING: Unter den Bedingungen von Beschleunigungs- und Optimierungsdruck gibt es strukturell eine Tendenz, dass das Dringliche nach vorne rückt und das Wichtige nach hinten fällt. Nehmen Sie To-Do-Listen zum Beispiel, da wird das Dringliche rasch dominant. Das weniger Wichtige rutscht nach hinten, und am nächsten Tag möglicherweise wieder. Und manchmal kann man beobachten, dass das dann auch in der subjektiven Bewertung nach hinten rutscht – wenn ich es nicht schaffe, Verabredungen einzuhalten, bedeutet es mir ja offensichtlich nicht so viel. So rückt, was mit sozialen Beziehungen und Kontakten zu tun hat, schnell in die Warteposition. Dadurch entsteht ein fragiler Zustand.

Welche Folgen hat es für unser Leben, wenn wir uns permanent bemühen müssen, immer schneller zu sein, um die Beschleunigungsvorgaben zu erfüllen oder idealerweise sogar zu übertreffen?

KING: Wenn man wettbewerbsfähig bleiben und sich bewähren will, muss man mithalten. So steigen die Anforderungen an die Effizienz, und die haben eine Art von Zweck-Mittel-Logik, die dazu führt, dass wir ihr vieles unterordnen. So überträgt sich das Effizienz-Denken auch auf Zusammenhänge, die für Zeitdruck oder Optimierung nicht geeignet sind.

Das heißt, wir neigen dazu, dass wir das Effizienz-Konzept aufs Privatleben, auf Freunde, Partnerschaft und Familie übertragen?

KING: Das zeigen etliche Studien. Aber wenn Sie zum Beispiel versuchen, mit Kindern einen effizienten Familienalltag zu gestalten, fängt es an, schwierig zu werden. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern lassen sich nicht unbeschadet allein nach Effizienzkriterien gestalten.

Vor einiger Zeit sprach man viel von Quality time . . . – der Gedanke dabei: Es kommt nicht darauf an, wie viel Zeit ich mit meinem Kind verbringe, sondern allein darauf, dass die wenige Zeit, die ich habe, intensiv und gut ist.

KING: Erst einmal ist das ja nicht unplausibel. Aber diese Idee erzeugt leicht Paradoxien, die ins Gegenteil umschlagen. Wir wissen aus Untersuchungen, dass Kinder sehr sensibel auf Druck reagieren und sich gerade in solchen Situationen widersetzen. Sie ringen intuitiv darum, dass ihre Beziehungen sich nicht in einem festgelegten Rahmen bewegen. Genau dann, wenn die Eltern Quality time wollen, wollen die Kinder fernsehen . . . In solchen Konstruktionen geht oft der Gedanke verloren, dass es wichtig ist, in nahen Eltern-Kind- oder Liebesbeziehungen nicht nur effizient, sondern einfach so zusammen zu sein.

Was kann man denn gegen solche Abläufe tun?

KING: Zuerst einmal ist es wichtig, darauf zu achten und gegenzusteuern: sich klarzumachen, dass es Priorisierungen gibt, bei denen man aufpassen muss. Nicht immer ist das, was scheinbar sofort erledigt werden muss, die richtige Option.

Wir kritisieren jetzt hier die Dringlichkeiten als Anforderungen von außen, aber ehrlich gesagt ist es doch auch toll, wenn man den Ansprüchen, die man selber hat oder die an einen herangetragen werden, gerecht werden kann – oder mehr.

KING: Ja, sich zu bewähren, eine Deadline einzuhalten, ganz viel in kurzer Zeit zu schaffen, daraus kann man eine spezifische Befriedigung ziehen. Was aber nicht heißt, dass es immer auch der Umgebung gut tut.

Gibt es Berufsfelder, in denen das besonders ausgeprägt ist?

KING: Im Grunde trifft es alle, wo Steigerungen eine große Rolle spielen – und das ist ja mittlerweile fast überall der Fall. Die Dynamisierung des Wettbewerbs führt auch zu einer Dynamisierung von Anerkennung. Es ist also nie möglich, sich auf dem Geleisteten auszuruhen. Den Drive der Steigerung gibt es immer: noch schneller, noch besser zu werden.

Sie sagen, es gebe Momente, in denen die Selbstoptimierung umschlage in Autodestruktion.

KING: Je stärker man sein Leben an Prozessen der Arbeitsoptimierung ausrichtet, desto mehr gerät man in Gefahr, Beziehungen zu vernachlässigen. Das ist ein ganz einfaches, aber sehr wirkmächtiges Modell. Die Gefahr ist also entweder, dass man das angestrebte Ziel verfehlt, oder aber dass man es nur mit schwerwiegenden Nebenfolgen erreicht: so dass die angestrebte Optimierung umschlägt und zur Selbstschädigung führt.

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse