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„Springsteen würde man nie Pathos vorwerfen“

„Ich vs. Wir“ heißt die neue Platte von „Kettcar“. Live stellen die Hamburger Musiker das Album auf ihrer Tournee Anfang 2018 vor, unter anderem im Wiesbadener „Schlachthof“.
Weil sie die Zuhörer mit ihrer Musik und den emotionalen Texten packen wollen, werfen manche Kritiker den Musikern von „Kettcar“ Pathos vor. Doch das will die Band nicht so stehen lassen. Foto: Andreas Hornoff Weil sie die Zuhörer mit ihrer Musik und den emotionalen Texten packen wollen, werfen manche Kritiker den Musikern von „Kettcar“ Pathos vor. Doch das will die Band nicht so stehen lassen.

Die Band „Kettcar“ um Sänger Marcus Wiebusch steht für clevere Rocksongs ohne Parolen und erhobenen Zeigefinger. Ihr Video „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun“) ist eine berührende Geschichtsstunde: Darin verhilft ein junger Westdeutscher einer Familie aus der DDR zur Flucht in die Freiheit. Der Clip und der Song lassen sich auch als ein Kommentar gegen Hetzer und Hass lesen. „Kettcars“ fünftes, von Philipp Steinke produziertes Album „Ich vs. Wir“ (Indigo) ist eine wuchtig klingende Symbiose aus Melancholie und Euphorie. Olaf Neumann sprach mit Marcus Wiebusch, der Anfang des kommenden Jahres mit seiner Band auf Tournee geht und am 2. Februar im Wiesbadener „Schlachthof“ Station macht.

Herr Wiebusch, Ihr Album „Ich vs. Wir“ beginnt mit der Zeile „Es war einer dieser Zyankali-Tage, an denen wir uns mal wieder umbringen wollten/weil die Menschen überhaupt keinen Sinn ergaben“. Ist das autobiografisch?

MARCUS WIEBUSCH: Diese Zeile drückt aus, wie sich ein links denkender Mensch wie ich fühlt, wenn er konfrontiert wird mit den demokratisch legitimierten Vollidioten-Entscheidungen, die quasi minütlich auf uns niederkrachen: Stichwort Trump, Stichwort Erdogan, Stichwort Brexit. Dabei verliert man allmählich den Glauben an den Menschen, und es stellt sich einem die übergeordnete Frage, die auch der Albumtitel widerspiegelt: Mit wem will ich eigentlich was zu tun haben? Als Linker kann man sich vielleicht noch in die Hölle des Zynismus flüchten, aber eigentlich sollten wir doch zusammen eine Gesellschaft hinkriegen, die lebenswert für alle ist. Das scheint schwieriger denn je zu sein. In dem Song wird die Flucht zweier Leute beschrieben, die sich ihre Menschlichkeit an einem Platz abholen, wo sie noch Liebe und Wärme empfinden.

„Ich gegen wir“ scheint das heimliche Leitmotiv unserer Zeit zu sein. Sind die Egoisten auf dem Vormarsch?

WIEBUSCH: Der Albumtitel „Ich vs. Wir“ basiert auf dem Song „Wagenburg“. Darin lasse ich das Ich und das Wir krass gegeneinandercrashen. Wenn man das mal in den rechtspopulistischen Kontext stellt, kann man eindeutig sehen, dass die Rechten mit „Wir sind das Volk“ eigentlich „Ich bin das Volk“ meinen. Das ist empathieloser Egoismus! Der Widerstand der Straße ist heute scheinbar nur noch rechtspopulistisch aufgeladen, wenn man einmal von den G 20-Protesten absieht. „Mit wem will ich eigentlich was zu tun haben?“ ist eine politische Urfrage, die jeder für sich beantworten muss. Als links denkender Mensch fühlt man sich zunehmend verloren, weil es unfassbare Grabenkämpfe gibt. Das macht es sehr schwer, eine lebenswerte Gesellschaft zu formieren, die nach meinem menschlichen Verständnis geschaffen werden könnte.

Ihr Song „Im Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ erzählt von einer deutsch-deutschen Fluchthilfe und ist ein Statement zur gegenwärtigen Flüchtlingskrise. Wie kamen Sie auf die Idee zu der vertonten Geschichte?

WIEBUSCH: Ganz am Anfang stand ein Zeitungsartikel, in dem ich auf ein österreichisches Ehepaar aus Mörbisch am See aufmerksam wurde. Es holte im Sommer 1989 insgesamt 400 DDR-Bürger über die Grenze, in einer Nacht waren es allein 23. Dazu muss man wissen, das sich in jenem Sommer an der österreichisch-ungarischen Grenze unfassbare Zustände abgespielt haben, weil die ungarischen Grenzbeamten das Ganze nicht mehr ganz ernst nahmen und zum Teil nur noch ein 1,80 Meter hoher Zaun die Menschen von der Freiheit trennte. Aufgrund dieses Artikels habe ich dann noch etwas weiter recherchiert und einiges gelesen. Die Positionen aus der dritten Strophe in der WG-Küche kenne ich aus persönlicher Erfahrung. Und dann habe ich den Text geschrieben.

„Kettcar“ wurden als Emotionsverstärker und Pathos-Experten bezeichnet. Wie denken Sie darüber?

WIEBUSCH: Ich will als Künstler natürlich immer emotionalisieren. Was soll ich hier rumeiern? Es ist ja keine Doku, sondern ein expressiv aufgeladener Erzähltext, mit dem ich den Zuhörer packen will. Wie packe ich ihn? Indem ich Dinge überhöhe. Natürlich ist das pathetisch! Ich bin Künstler, der Vorwurf des Pathetischen kommt auch nur in Deutschland. Bruce Springsteen würde man niemals Pathos vorwerfen! Ich will mich nicht mit ihm vergleichen, aber ich kenne seine Tricks, um die Leute zu erreichen. Genau dieselbe Technik wende ich Zeit meines Lebens an. Aber was Pathos angeht, steht Bruce Springsteen 200 Prozent über mir.

Was ist Ihr Antrieb als Songschreiber?

WIEBUSCH: Wenn ich als Künstler Songs schreibe, dann sehe ich das als meine Möglichkeit, Dinge ans Licht zu bringen. „Sommer ’89“ ist kein Song, der billige Antworten liefert, sondern wichtige Fragen aufwirft.

„Schlachthof“ Wiesbaden

Murnaustraße 1. 2. Februar 2018,
20 Uhr. Karten zu 34,65 Euro
unter Hotline 0 18 06-57 00 70.
Internet www.eventim.de

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