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Interview mit Judith Hopf: Städelschul-Prorektorin: "Der Kunstmarkt ist nicht schuld"

Von Die Städelschule feiert in diesem Jahr ihren 200. Geburtstag. Mit 200 Studenten zählt sie zu den kleinsten, gleichwohl aber renommiertesten Kunsthochschulen weltweit. Am Freitag versteigert sie ausgewählte Werke von Professoren und ehemaligen Lehrenden.
„Blue Boat Black“ heißt dieser auf 10–15 000 Euro taxierte Aluminiumdruck von Simon Starling, der von 2003–2013 Professor für Freie Bildende Kunst an der Städelschule war. Starling stellt ungewöhnliche Zusammenhänge zwischen Orten, Dingen und Gegebenheiten her. Foto: Städelschule „Blue Boat Black“ heißt dieser auf 10–15 000 Euro taxierte Aluminiumdruck von Simon Starling, der von 2003–2013 Professor für Freie Bildende Kunst an der Städelschule war. Starling stellt ungewöhnliche Zusammenhänge zwischen Orten, Dingen und Gegebenheiten her.

Von jetzt an kann man die zwischen 1000 und 35 000 Euro taxierten Werke im Portikus vorab besichtigen – unter anderem von Michael Riedel, Thomas Bayrle, Anne Imhof, dem Künstler-Duo Fischli-Weiss, Willem de Rooij, Tobias Rehberger und Judith Hopf. Judith Hopf ist seit 2008 Professorin an der Städelschule, seit 2015 ist sie Prorektorin. Die Städelschule ist bekannt dafür, ihren Studenten besonders viel Freiraum in ihrer Ausbildung zu lassen. Dierk Wolters hat mit Judith Hopf gesprochen und wollte wissen, wie sich das mit den Gesetzen des Kunstmarkts verträgt.

Frau Hopf, zum 200. Jubiläum versteigert die Städelschule Kunstwerke, die von heute an im Portikus ausgestellt werden. Warum?

JUDITH HOPF: Ja, ich habe wie viele weitere Künstlerinnen und Künstler Arbeiten direkt aus meinem Studio gespendet. So sind ganz einmalige Spenden von sehr renommierten Künstlern aus unterschiedlichen Generationen zusammengekommen, die sich der Städelschule verbunden fühlen. Darüber sind wir sehr glücklich. Die Erlöse werden wir ohne Abstriche für studentische Projekte zur Realisierung von Portikus-Ausstellungen und zur Herstellung von Publikationen verwenden. Solche Dinge kosten ja Geld, das sich nicht dem Hochschul-Etat entnehmen lässt. Unsere Studenten können so unter anderem lernen, wie man eine Publikation macht oder eine Ausstellung konzipiert. Unser Auktionator wird Philipp Herzog von Württemberg von Sotheby’s sein, der das freundlicherweise ehrenamtlich macht.

Ihr Siebdruck-Werk „Untitled, Loch 1–4“ wird auf 6000–8000 Euro geschätzt, eine zerkratzte Aluminiumtafel („Untitled“) der Städelschülerin Anne Imhof, die jetzt in Venedig den Goldenen Löwen gewann, gar auf 15 000–20 000 Euro. Wie kommen solche Preise zustande?

„Loch 1–3“ heißt dieser Siebdruck von Städelschul-Prorektorin Judith Hopf (6000–8000 Euro). Mit spielerischem Zugang nähert sie sich der Dingwelt aus überraschenden Blickwinkeln – Assoziationen erlaubt. Bild-Zoom
„Loch 1–3“ heißt dieser Siebdruck von Städelschul-Prorektorin Judith Hopf (6000–8000 Euro). Mit spielerischem Zugang nähert sie sich der Dingwelt aus überraschenden Blickwinkeln – Assoziationen erlaubt.
HOPF: Das ist eine interessante Frage. Die Auktion an der Städelschule macht natürlich nur dann Sinn, wenn die Kunstwerke überhaupt Preise erzielen können. Umgekehrt sind sie quasi das Gegenteil von Markt. Und es sind Spenden, die mehr als nur deren monetären Wert repräsentieren. Darin steckt sehr viel Arbeit, Sensibilität, Experimentierfreude und Können – hier geht es um neue Kunst und nicht nur um deren Marktwert.

Was wäre denn Imhofs Werk wert gewesen, wenn Sie nicht gerade den Goldenen Löwen gewonnen hätte?

HOPF: Der Preis von Anne Imhof wurde meines Wissens schon vor der Löwen-Verleihung für die Auktion ermittelt. Es ist tatsächlich sehr interessant, dass Anne Imhofs Kunst soviel gesellschaftlichen Zuspruch und mediale Aufmerksamkeit erfährt. Ich kann ihr dazu nur gratulieren.

Was bedeutet Ihnen Ihr Marktwert?

HOPF: Ich komme ja eher aus den Berliner Nach-Mauerfall-Ökonomien der 1990er Jahre. Für unsere Generation gab es seitens der bereits etablierten Galerien weniger Aufmerksamkeit und Unterstützung. Umgekehrt hat man damals auch nicht so sehr auf diese Form der Ökonomie gezählt, da es mehr Unterstützung zum Beispiel auch seitens der öffentlichen Hand gab. Wenn man aus solch einer Postpunk-Generation kommt wie ich, sieht man die eigene Selbstvermarktung immer auch kritisch: Aber natürlich ist es mir in meinem Studio auch wichtig, Dinge herzustellen, und deren Warencharakter kann ich in Zeiten, die so merkantil geprägt sind wie heute, nicht verleugnen.

Man ist als Künstler also quasi gezwungen, sich um seinen eigenen Wert zu kümmern?

HOPF: Es kommt ja niemand zu einem und sagt: Wir warten hier auf dich. Ich muss natürlich sehen, dass ich arbeiten kann, und das würde ich mit dem Gehalt einer Professorin allein nicht schaffen. Insofern bin ich, um das mal marxistisch zu formulieren, schon darauf angewiesen, mir selber meine Produktionsmittel zu ermöglichen.

Halten Sie das für problematisch?

HOPF: Ich glaube nicht, dass der Kunstmarkt ,schuld‘ ist an etwas oder ,nicht schuld‘ – das ist, wenn man Arzt oder Architekt ist, auch nicht anders. An einem bestimmten Punkt muss man eben eine eigene Haltung entwickeln und beschließen, was einem wichtig ist.

Momentan sieht der Kunstmarkt so aus, dass auf der einen Seite sehr wenige sehr viel verdienen. Und auf der anderen gibt es sehr viele, die nicht mal ansatzweise von ihrer Kunst leben können. Ist das ein Spiegel der Gesellschaft?

HOPF: Ja. In der ganzen Gesellschaft öffnet sich die Einkommensschere immer mehr. Offensichtlich ist, dass man heute auch mit Kunst sehr viel Geld verdienen kann. Das können wir Künstler ganz offensichtlich nicht alleine korrigieren.

Wie gehen Sie denn an der Städelschule damit um?

HOPF: Wir diskutieren das. Denn natürlich sind sich unsere Studenten darüber im Klaren, dass sie letztlich mit dem, was sie produzieren, Geld verdienen werden müssen.

Ist denn Neid an der Städelschule ein Thema?

HOPF: Nein, den Eindruck habe ich nicht. Aber Druck gibt es schon – interessanterweise besonders für diejenigen von unseren sehr internationalen Studenten, die aus eher wohlhabenden Gesellschaften kommen.

Warum?

HOPF: Weil das Geldverdienen heute einen gesellschaftlich anderen Stellenwert hat. Früher war klarer, dass man mit Kunst oder Rockmusik oder Fotografie nicht immer das beste Einkommen erzielen wird – und trotzdem kein Loser war. Die Hälfte meiner Idole sind keine Millionäre. Das hat sich umgedreht: Mir gefällt diese Entwicklung zwar nicht, aber heute glaubt man eher, dass eine gute Entlohnung den Künstler adelt.

Weil in den Köpfen drin ist, dass nur ein teurer Künstler ein guter Künstler ist?

HOPF: Das weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall, weil in den Köpfen steckt, man sei selber seines Glückes Schmied. Was auch bedeutet, dass man immer selber schuld ist, wenn es mal nicht klappt. Das finde ich schade, denn kein Künstler steht ganz allein: Um Erfolg zu haben, braucht man immer eine gute Struktur um sich herum. An der Städelschule versuche ich, diesen persönlichen Druck herauszunehmen, indem ich mit den Studenten auch darüber diskutiere, was sie mit ihrer Kunst kommunizieren wollen. Das kommt sonst bei der ganzen Sorge um die Existenz zu kurz.

Gibt es viele Fälle, wo Sie es schade finden, weil ein Student weniger Erfolg hat, als er verdient, weil er nicht marktkonform genug ist?

HOPF: Ich stelle fest, dass viele Leute auch interessante Wege gehen, wenn sie nicht an dem partizipieren, was wir hier nun hauptsächlich besprechen: dem Kunstmarkt. Ich finde das total toll, wenn jemand herausfindet, dass zum Beispiel Kunstlehrer zu werden der richtige Weg für ihn ist. Als ich noch studierte, hat eine Kommilitonin von mir den tollsten Kunstbuchladen in ganz Berlin aufgemacht. Es gibt ziemlich viele Aufgaben, die gemacht werden müssen, damit gute Kunst entstehen kann.

Benefiz-Auktion der Städelschule am 16. Juni, 18.30 Uhr im Städel-Museum, Metzler-Saal, Schaumainkai 63. Preview 13.–15 Juni 11–18, 16. Juni 10–12 Uhr im Frankfurter Portikus, Alte Brücke 2. Internet: www.benefiz-auktion.com

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