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Ist das Kino ein Auslaufmodell?: "Star Wars" im Pantoffelkino: Immer schneller kommen Filme auf DVD und im Internet heraus

Von Erstmals laufen bei den Filmfestspielen in Cannes zwei Produktionen des Streamingdienstes Netflix. Schauen wir uns in Zukunft Filme nur noch zu Hause im Internet an? Oder ist das Kino doch der bessere Ort für ein Gemeinschaftserlebnis?
„Star Wars“ im Handy-Format? Na ja. „Star Wars“ im Handy-Format? Na ja.

„Kein Einlass nach Beginn der Vorstellung“ – diese Richtlinie gab Alfred Hitchcock Anfang der 60er Jahre an Kinobetreiber aus. Wer seinen Thriller „Psycho“ zu spät besuchte, wurde ausgesperrt: Machtdemonstration eines Regisseurs, der zeitlebens danach strebte, die Blicke des Publikums zu kontrollieren. Das hat sich durch die digitale Revolution indes emanzipiert und bestimmt selbst.

Wer möchte, darf „Psycho“ vorwärts und rückwärts betrachten, zu jeder Zeit, an jedem Ort. Das Internet hat es möglich gemacht, Filme nach Wunsch auf jedes mobile Gerät „streamen“ zu können. Demnächst soll das Angebot der Online-Videotheken auch solche Produktionen umfassen, die gerade erst in den Kinos angelaufen sind – ganz legal, mit dem Segen der US-Studios. In Hollywood plant man seit Jahren, das Zeitfenster zwischen der Kinopremiere eines Films und der kommerziellen Zweitverwertung auf DVD oder per Online-Stream drastisch zu verkürzen. Bislang scheiterte das Vorhaben am Veto der Kinobesitzer, die finanzielle Einbußen durch rückläufige Besucherzahlen fürchten.

Doch laut dem US-Blatt „Variety“ scheint sich ein Kompromiss anzubahnen, der auf eine Gewinnbeteiligung der Lichtspielhäuser am künftigen Streaming-Geschäft hinausläuft. Bereits Ende des Jahres könnten mittels „Premium-Video-on-Demand“ aktuelle Hits in wenigen Wochen nach ihrem Kinostart per Click abrufbar sein. Die Nachricht lässt Produzenten und Filmfans gleichermaßen aufatmen.

Mit diesem Schritt würde die Branche endlich den Sehgewohnheiten des 21. Jahrhunderts Rechnung tragen. In einer Zeit, in der Blitznachrichten aufs Handy geschickt werden und Online-Bestellungen am gleichen Tag beim Kunden eintreffen, haben die wenigsten Menschen Lust, monatelang zu warten, bis sie den Film ihrer Wahl gemütlich zu Hause genießen dürfen.

Unzeitgemäßes Geschäft

Die Älteren erinnern sich: Startete einst ein Kracher wie „Indiana Jones“ in den USA, dauerte es wenigstens ein halbes Jahr bis er in die deutschen Kinos kam (mittlerweile laufen große Blockbuster weltweit gleichzeitig an) und ein weiteres Jahr verging, ehe man zur Videothek laufen musste, um ihn sich fürs Pantoffelkino auszuleihen. Künstlich aufhalten oder gar zurückdrehen lässt sich die Entwicklung jedoch nicht. Doch genau diese Taktik unterstellt Ted Sarandos, Programmchef beim Streaming-Dienst Netflix, den amerikanischen Filmstudios. „Da wird ein Produkt den Kunden bewusst vorenthalten – ein schlechtes und unzeitgemäßes Geschäft.“

Bislang gilt eine Sperrfrist von 70 bis 90 Tagen, in der ein Hollywood-Werk im Internet nicht zum Download angeboten werden darf. Sie soll durch das neue Premium-Angebot auf 30 bis 45 Tage reduziert werden, wenn es nach den Firmen Fox und Warner geht. Ambitionierter sind die Wünsche der Universal Studios, die weniger als 20 Tage zwischen Erstaufführung und Web-Stream verstreichen lassen wollen. Dahinter steckt die Absicht, Werbekosten zu minimieren. Das einzige große Studio, das nicht auf den „On-demand“-Zug aufspringen will, ist Disney. Kein Wunder, denn mit „Star Wars“, „Fluch der Karibik“ und den „Marvel“-Comics vermarktet Disney die derzeit erfolgreichsten Serien, die lange in den Kinos gespielt werden und darüber hinaus noch Bestseller als DVDs und Blu-rays sind. Die Konkurrenz beklagt hingegen sinkende Absätze, vor allem auf dem Sektor Home Entertainment, und sucht alternative Wege, um die Kosten ihrer Stoffe einzuspielen. Daher soll der Preis für „Premium-Video-on-Demand“ bei umgerechnet 30 bis 50 Euro liegen – pro Film. Was zunächst wie Wucher erscheint, rechnet sich, wenn man bedenkt, dass eine vierköpfige Familie für einen Kinobesuch inklusive Snacks, Getränke und Parkgebühr kaum unter 80 Euro davonkommt.

Für Einzelgucker ist die Summe allerdings horrend und könnte durch ein Abo-Modell gesenkt werden, wie es von Netflix und Amazon Prime bekannt ist. Visionäre Filmschaffende wie Steven Soderbergh („Oceans Eleven“) gehen noch einen Schritt weiter und propagieren die „Day-and-Date“-Veröffentlichung. Demnach wird ein Film im Kino gestartet und am selben Tag zum Download ins Netz gestellt. Der Oscarpreisträger hat das Experiment schon 2006 mit dem Gesellschaftsdrama „Bubble“ gewagt, wurde aber von den meisten US-Kinos boykottiert, die sich in ihrer Existenz bedroht sahen. „Der Vorteil wäre, dass man eine Produktion gleichzeitig unterschiedlichen Zielgruppen anbieten kann“, sagt Soderbergh. Verleihfirmen würden dann vorgehen wie Buchverlage, die Printausgabe und E-Book parallel veröffentlichen. Soderbergh glaubt, dass sich auf diese Weise „auch sperrige Werke abseits des Mainstreams refinanzieren ließen, denen in Multiplex-Kinos kein Platz eingeräumt wird“.

Die Preise werden sinken

Freilich müssten die Download-Kosten für die Mehrheit erschwinglich sein, im Unterschied zur elitären Plattform „Prima Cinema“. Dort werden seit ein paar Jahren aktuelle Hollywood-Highlights der Universal Studios zum Herunterladen angeboten. Voraussetzung ist ein installiertes Heimkinosystem, das mit 20 000 Dollar Anschaffungskosten zu Buche schlägt – zuzüglich 500 Dollar für jeden erworbenen Film.

Doch die Preise werden sinken und die Nachfrage nach Online-Angeboten steigen, meint Medienprofessor Chuck Tryon. In seinem Buch „Digital Delivery and the Future of Movies“ beschreibt er, wie die „Demand“-Kultur den Filmgenuss verändert. „Er wird individueller, mobiler und aktiver, da der Zuschauer sein Menü für den Abend selbst zusammenstellt, anstatt hinzunehmen, was ihm vorgesetzt wird.“

Stirbt das klassische Kino? Wird es Filmpaläste mit Popcorn-Duft bald nicht mehr geben? Branchenspezialisten geben Entwarnung und verweisen auf Indien, das produktivste Filmland der Welt. Obwohl es in „Bollywood“ gängige Praxis ist, eine Produktion schon eine Woche nach der Premiere im Pay-TV zu zeigen, sind die Zuschauerzahlen in indischen Kinos stabil.

Ein weiteres Indiz, dass sich Internet und Filmtheater nicht zwangsweise feindlich gegenüberstehen müssen, liefert ausgerechnet die Videopiraterie. Pünktlich zum Start jedes größeren Streifens finden sich Raubkopien im Web, oftmals direkt von irgendeiner Leinwand in Asien abgefilmt und mit kantonesischen Untertiteln verziert. Mögen die Bilder auch noch so verwackelt und unscharf sein, gerade für Anhänger von Serien wie „Star Wars“ ist der erste Blick reizvoll, um möglichst frühzeitig über den Verlauf der Handlung Bescheid zu wissen. Der siebte Teil der Saga, „The Force Awakens“, verzeichnete binnen zwölf Stunden über eine Viertel Million illegaler Downloads. Dessen ungeachtet spielte das Weltraum-Märchen weltweit die Rekordsumme von zwei Milliarden Dollar an den Kassen ein. Allein in Deutschland kauften acht Millionen Zuschauer eine Eintrittskarte, weil ein abgedunkelter Saal nach wie vor ein beliebterer Ort für das Gemeinschaftserlebnis gleichgesinnter Filmliebhaber ist als das heimische Wohnzimmer.

Schon oft totgesagt

Hinzu kommt, dass sich Kinos auf ihre Wurzeln als Jahrmarktsattraktion besinnen und technisch aufrüsten in Form von „4D“-Effekten. Dabei bewegen sich die Sitzreihen passend zum fliegenden Raumschiff auf der Leinwand – dieses Gefühl, ein Teil des Films zu sein, kann kein Web-Stream bieten. „Das Kino ist oft totgesagt worden“, weiß Anthony Oliver Scott, Filmkritiker bei der „New York Times“. „Als das Fernsehen aufkam, die Videokassette und jetzt durch das Internet. Es hat überlebt und wird es auch in den nächsten hundert Jahren.“

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