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Interview: Starpianistin Yuja Wang: „Ich brauche diesen Nervenkitzel“

Yuja Wang ist der lebende Beweis, dass Sexyness und Klassik eine unwiderstehliche Verbindung eingehen können. Heute Abend spielt sie in der Alten Oper Frankfurt.
Selbstbewusst ist nicht nur der Kleidungsstil von Yuja Wang. Die chinesische Pianistin weiß sich auch musikalisch zu behaupten. Selbstbewusst ist nicht nur der Kleidungsstil von Yuja Wang. Die chinesische Pianistin weiß sich auch musikalisch zu behaupten.

Wenn die chinesische Pianistin Yuja Wang mit wüsten High Heels und engem Designerrock auf die Bühne stolziert, sichtbar in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, ertappt man sich schnell bei der Pflege von typischen Vorurteilen: Kann man mit diesen Mordwerkzeugen an den Füßen überhaupt sauber das Pedal drücken, kann jemand, der so modebewusst aussieht, eine ernsthafte Beethoven-Interpretin sein? Heute Abend tritt Yuja Wang in Frankfurts Alter Oper mit dem „Mahler Chamber Orchestra“ (MCA) auf und wird Beethovens zweites Klavierkonzert spielen. Bettina Boyens sprach mit der 30-jährigen Wahl-New-Yorkerin.

Frau Wang, es ist bereits das zweite Mal, das Sie mit dem „Mahler Chamber Orchestra“ zusammenarbeiten. Das Orchester pflegt eine große Beethoven-Tradition. Vor drei Jahren hat es gemeinsam mit Leif Ove Andsnes alle fünf Beethoven-Konzerte aufgeführt und damit Preise gewonnen. Stellt das für Sie eine Herausforderung dar?

YUJA WANG: Ich denke, dass Leif Ove Andsnes und ich zwei völlig unterschiedliche Musikerpersönlichkeiten sind. Ja, es stimmt, ich habe bereits vor sieben Jahren mit Claudio Abbado Rachmaninows zweites Klavierkonzert gespielt. Daher denke ich, das MCO pflegt nicht nur die Beethoven-Interpretation, sondern viele Stile von Musik. Für mich war diesmal die Herausforderung, nicht nur zu spielen, sondern auch zu dirigieren.

Warum haben Sie sich bei Ihrer Tournee mit dem MCO für die beiden ersten Klavierkonzerte Beethovens entschieden?

WANG: Ich habe bewusst die frühen Klavierkonzerte ausgewählt, weil ich ihre Orchestrierung bewundere und sie so erfüllt sind von originellen und frischen Ideen.

Sein zweites Klavierkonzert, das Sie heute Abend in Frankfurt spielen, ist nicht so berühmt wie das erste. Warum ist das so?

WANG: Die Nummer zwei ist ja eigentlich die Nummer eins, weil Beethoven die Komposition vor seinem ersten Klavierkonzert begann. Ich kenne es bereits, weil ich es für eine Schulprüfung gespielt habe, als ich erst zwölf Jahre alt war. Ich kann mich noch sehr gut an das eindeutige Gefühl erinnern, absolut nichts zu verstehen. Es stimmt, das Konzert wird nicht so häufig aufgeführt wie die anderen, aber eine ganze Menge von Beethovens Originalität ist bereits in diesem frühen Werk zu finden. Da gibt es so viele vorwärts drängende Melodien.

Wie fühlt es sich an, das Orchester vom Flügel aus zu leiten?

WANG: Das empfinde ich als sehr ursprünglich. Und während ich das Orchester leite, fühle ich mit diesem außergewöhnlichen Komponisten besonders nah. Generell denke ich, dass Kammermusik sehr intimes Musizieren ist, weil die Orchestermitglieder ohne Dirigenten miteinander kommunizieren.

Was schätzen Sie am meisten bei der Zusammenarbeit mit dem MCO?

WANG: Alle Musiker sind so sensibel und reagieren wirklich auf die kleinsten Kleinigkeiten. Das ist für mich von immenser Wichtigkeit, weil dies meine erste Erfahrung als Dirigentin ist. Sie sind so freundlich und sind auf wirklich jede meiner Fragen behutsam eingegangen.

Sie haben alle fünf Klavierkonzerte gespielt und hatten im letzten Sommer einen Riesenerfolg mit der „Hammerklaviersonate“. Wer gefällt Ihnen besser, der frühe oder der späte Beethoven?

WANG: Beethoven hat für sein zweites Klavierkonzert die berühmte Kadenz erst 1809 geschrieben. Also in einer Zeit, die viel näher an seiner Komposition der „Hammerklaviersonate“ liegt als an der Entstehungszeit des Konzerts. Daher ist es beides gleichzeitig: ein „früher“ als auch ein „später“ Beethoven.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie die Atmosphäre mit dem Publikum brauchen, um richtig gut zu spielen. Was treibt Sie an?

WANG: Ich bin direkt aufgetreten, nachdem ich angefangen hatte, Klavier zu lernen. Also ist der Auftritt für mich ein integraler Bestandteil von Musikmachen. Es entsteht dabei eine besondere Art von Intensität, weil ich weiß: Es gibt nur diesen einen Moment, diesen einen Versuch, und ich muss die Chance ergreifen. Dadurch erlebe ich einen richtigen Nervenkitzel, den ich im Aufnahmestudio nie spüre.

Viele Schauspieler würden Ihnen zustimmen.

WANG: Ja, Sie können es mit dem Gefühl von Schauspielern vergleichen: Viele finden es langweilig, Filmaufnahmen zu machen, fühlen sich aber extrem lebendig, wenn sie auf der Bühne stehen. Dazu kommt noch, dass man ein Musikstück an jedem Abend verschieden spielen kann, also nein, nicht komplett natürlich. Manchmal mag ich es allerdings auch, Musik nur für mich ganz allein zu üben.

Ist das Zweite von Beethoven für Sie spannender mit oder ohne Publikum?

WANG: Seine beiden ersten Konzerte eignen sich ganz außergewöhnlich gut, um sie in der Öffentlichkeit zu spielen. Bach aber übe ich nur für mich allein. Während zum Beispiel Chopins Stücke typische Salonmusik sind.

Mit Ihrem Kleiderstil unterstreichen Sie Ihr Selbstvertrauen. Manche Kritiker haben Ihnen anfangs unterstellt, klassische Musik nicht ernsthaft genug zu betreiben, nur weil Sie Stilettos tragen.

WANG: Menschen geben ihre Kommentare seit zehn Jahren zu meinem Outfit ab. Ich denke, es ist die Entscheidung des Künstlers zu bestimmen, was er oder sie auf der Bühne anzieht. Wenn ich im Konzert auftrete, möchte ich mich nicht als jemand präsentieren, der ich nicht bin. Und so bin ich nun mal. Die Musik ist mir unglaublich nahe, das kann ich nur versichern. Aber ich denke und fühle nicht, dass ich mich dafür mit einem „seriösen“ Outfit bedecken muss. Ehrlich gesagt: Ich achte nicht darauf, was Kritiker sagen. Wenn ich auf der Bühne bin, fange ich an, meine Musik zu spielen und denke nicht an diesen ganzen, oberflächlichen Blödsinn.

Sind die teils extravaganten Kostüme vielleicht eine Art Uniform für Sie?

WANG: Sie meinen wie ein Batman-Kostüm?

Die meiste Zeit wohnen Sie in New York. Der Harvey Weinstein-Skandal ist allgegenwärtig. Sind Sie jemals von Männern in einer respektlosen Weise behandelt worden, weil Sie so betont feminine Mode tragen?

WANG: Ich habe nie schlechte Erfahrungen gemacht und bin wirklich glücklich, so viele ernsthaft unterstützende Menschen in meinem Leben getroffen zu haben. Ich empfinde es als tiefes Glück, eine Frau in diesem Jahrhundert in meiner Generation zu sein.

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