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Stasi-Skater am Alexanderplatz

Auch in der DDR begannen Jugendliche um 1980 mit dem Skateboardfahren. Ein Pionier der ostdeutschen Szene erzählt im Interview von misstrauischen Behörden, Beschaffungsschwierigkeiten und den Sessions auf dem Alexanderplatz.
Mirko Mielke zeigt sich auch noch in gesetzterem Alter flexibel am Board. Foto: picture alliance / dpa Mirko Mielke zeigt sich auch noch in gesetzterem Alter flexibel am Board. Foto: picture alliance / dpa

Er war einer der Stars der DDR-Rollbrett-Szene. Unten den Augen der Staatsmacht und vieler Schaulustiger kurvten Skateboarder wie Mirko Mielke in den 80er Jahren über den Ost-Berliner Alexanderplatz. Der Kinofilm "This Ain't California" (Berlin-Start: 2. August/Bundesstart: 16. August) erzählt die Geschichte der Rollbrettfahrer. Mirko Mielke - heute 44-jähriger Familienvater und von Beruf Fliesenleger - erinnert sich im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa an das "abgefahrene Gefühl", vor großem Publikum über den Alex zu sausen und an den Versuch der Stasi, die Rollbrettfahrer-Szene zu unterwandern.

Wie wurden Sie Rollbrettfahrer?

Mielke: "Ich bin in Ost-Berlin großgeworden und West-Fernsehen gab es dort auch. Und da habe ich irgendwann Kinder mit diesen Rollbrettern gesehen. Irgendwann dachte ich mir, das müsste man nachbauen. Mein Vater war eigentlich handwerklich immer völlig ungeschickt. Aber ich hatte dann das Glück, dass ich einen Onkel hatte, der Handwerker war. Und so kam ich zu meinem ersten Skateboard. Da war ich ungefähr zehn Jahre alt. Im Osten hatte es bis dahin Bretter zum Draufsitzen gegeben - mit Rollschuh-Rollen drunter, und im Winter montierten die Jungs da Schlittschuhkufen dran."

Was hat das Rollbrettfahren für Sie damals bedeutet? Einfach Spaß oder auch eine Art von Rebellion?

Mielke: "Hauptsächlich ging es um den Spaß. Anfang der 80er Jahre hatte ich dann schon ein Brett aus dem Westen, das mir mein Vater von einer Dienstreise mitgebracht hatte. Damit habe ich mich dann auch auf den Alexanderplatz getraut. Mit einem Brett aus DDR-Produktion ist man da nicht aufgetaucht. Viele hatten ja West-Verwandte und ließen sich ein Skateboard schicken. Auf dem Alexanderplatz hat sich dann die Szene der Rollerskater, Skateboarder und Breakdancer verquickt."

Sie gehörten zu den Skater-Stars auf dem Alexanderplatz. Was war das für ein Gefühl, da im Handstand quer über den Platz zu rollen, die Fernsehturm-Spitzen runterzufahren und so viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen?

Mielke: "Das war schon ein abgefahrenes Gefühl. Der Alexanderplatz war zu DDR-Zeiten der Ort, zu dem alle, auch die Besucher aus dem Rest des Landes, kamen. Im Sommer saßen die Leute auf diesen riesigen Stahlstühlen dort und guckten zu. Und wir ließen uns bewundern."

Brauchte man da nicht auch ziemlich viel Mut, sich so zu produzieren?

Mielke: "Nö, da hat man nicht großartig drüber nachgedacht."

Haben Sie gespürt, dass Sie nicht nur von den Passanten bewundert, sondern auch von der Staatsmacht beobachtet wurden?

Mielke: "Das hat man nicht gemerkt. Aber ich gehe mal davon aus, dass es so war. Es gab auch immer so Geschichten. Es gab auf dem Platz an einer Stelle an der Wand so eine Revisionsklappe. Wenn man die aufgemacht hat, kam man an eine Steckdose ran. Das war bei uns die Zeit mit den Riesen-Kassettenrekordern, da kamen zehn Batterien rein, die konnte man kaum bezahlen. Und dann lief dieser Kasten nur zwei, drei Stunden, dann war Ruhe. Und die Breakdancer haben sich dann an die Steckdose rangeschlichen und sie angezapft. Meistens kam dann nach einer halben Stunde die Polizei und fragte: "Was machen Sie hier?" Man musste den Ausweis zeigen. Aber es war nicht so, dass man dann weggezerrt oder verhaftet wurde. Der ganze Alexanderplatz war sowieso komplett verkabelt. Überall waren die Kameras. Die wussten ja jederzeit, was los war."

Die DDR hat auch versucht, das Skateboardfahren zum offiziellem Sport zu machen...

Mielke: "Ich erinnere mich, dass Mitte der 80er Jahre auf einmal zwei Typen in schicken neuen Jogginganzügen ankamen. Die waren auch ein paar Jahre älter als wir, so um die 20. Sie sagten, sie wollten einen Klub gründen. Die haben sich da so in die Szene mit reingeklinkt. Der eine war bei der Stasi, das weiß ich definitiv. Es gab einen Rollsportverband für Rollschuhläufer. Da haben sie dann gesagt, dass man die Skateboardfahrer auch mit rein nimmt. Man durfte dann in einer alten Turnhalle "trainieren"."

(dpa)
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