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Rockkonzert: Steh auf, wenn du am Boden bist!

Vom Urknall bis zum bitteren Ende: Zweimal bedient die Düsseldorfer „Opel-Gang“ die bis zum Anschlag gefüllte Frankfurter Festhalle.
Campino kann auch böse gucken: Keinen Spaß versteht der Frontmann der „Toten Hosen“, wenn es einige aus dem Publikum zu toll im Saal treiben, und die Gefahr besteht, dass jemand zu Boden geht. Schließlich soll der Spaß an der Musik ungetrübt sein. Foto: Sven-Sebastian Sajak Campino kann auch böse gucken: Keinen Spaß versteht der Frontmann der „Toten Hosen“, wenn es einige aus dem Publikum zu toll im Saal treiben, und die Gefahr besteht, dass jemand zu Boden geht. Schließlich soll der Spaß an der Musik ungetrübt sein.

Na sowas? Im vorangestellten Videoclip sitzen die „Toten Hosen“ im PS-starken Gefährt, um bei nicht gerade günstigen Wetterbedingungen durch dunkle Nacht zu brausen. Doch was will die Polizei von der Fünfergang? Eine wilde Verfolgungsjagd startet, die ihr Ende erst findet, als die bösen Buben aus Düsseldorf die Stadtgrenze von Frankfurt erreichen und die amtliche Vereinsfahne der „Toten Hosen“ mit der Aufschrift „Bis zum bitteren Ende“ gehievt wird. Das ausgelassenes Toben Tausender, als stünde schon das Finale an, ist schon jetzt gewiss, obwohl Andreas „Campino“ Frege, Andreas „Kuddel“ von Holst, Michael „Breiti“ Breitkopf, Andreas „Andi“ Meurer und Stephen George Ritchie am ersten von zwei seit Monaten randvoll ausverkauften Gastspielen in der Festhalle noch nicht einmal zu Mikrofon und Instrumenten gegriffen haben.

Meterlange Setlist

Sekunden später folgt der „Urknall“ in Form des ersten Songs, der so heißt und vom aktuellen 16. Studioalbum „Laune der Natur“ stammt. Wüster Punk, wie aus der Frühzeit der „Toten Hosen“. An diesem ausführlichen Abend mit meterlanger Setlist von immerhin 32 abzuhakenden Songhymnen wird „Urknall“ nicht der letzte seiner Art sein, der sich des archaischen Drei-Akkorde-Genres bedient. Eine ganze Reihe weiterer Hymnen werden folgen, darunter die langjährigen Fanfavoriten „Achterbahn“, „Opel-Gang“, „Zehn kleine Jägermeister“ und „Verschwende deine Zeit“.

Noch immer deftig hinzulangen verstehen die „Toten Hosen“, trotz radiokompatibler Charthits wie „Altes Fieber“, „Tage wie diese“ und „Unter den Wolken“ im poppigen Rockzuschnitt, die zuletzt eine noch breitere Fanbasis bescherten. Verblüffung herrscht zumindest in Teilen des auf Remmidemmi geeichten Publikums bei den gelegentlichen Einsätzen von Pianistin Esther und einem Streicherensemble in balladesken Verschnaufpausen wie „Unsterblich“, „Alles passiert“ und „Willkommen in Deutschland“. Auch diese Überraschung versteht Campino stoisch zu kontern: „Seit die Zusatztruppe sich im Tourbus dazugesellt hat, ist der Konsum an Wodka sprunghaft angestiegen“, weiß er verschmitzt zu berichten.

Parallel mit dem explosiven „Urknall“ startet die riesige Projektionsfläche mit der minutiösen Übertragung des Bühnengeschehens zumeist im grobkörnigen Schwarz-Weiß. Was den verwegenen Gesichtern des Quintetts von immerhin durchschnittlich auch schon Mitte 50 einen noch verwegeneren Ausdruck verleiht. Wenig später wird Campino nicht nur stolz erwähnen, dass dies das 22. Konzert in Frankfurt seit dem gemeinsamen Karrierestart 1982 sei, sondern auch erläutern, dass sämtliche Gastspiele der schon seit Monaten komplett ausverkauften Tournee audiovisuell aufgezeichnet und im Januar 2018 von der Band in trauter Runde gemeinsam gesichtet werden: „Wir ziehen uns dann alle eine ordentliche Portion Haschkuchen rein und schauen uns tagelang selbst zu“, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Allerdings gar keinen Spaß versteht Campino, wenn er sieht, dass Irgendwer zu Schaden kommt. Schon beim zweiten Song „Auswärtsspiel“ unterbricht er mehrmals den Vortrag, als es im Mosh-Pit zu heiß hergeht: „Wenn jemand hinfällt, warten wir, bis er wieder aufsteht. Es bedeutet mir sehr viel, dass es jedem hier drinnen gut geht“, wirkt Campino deeskalierend auf die brenzlige Situation ein. Danach kommt es zu keinen weiteren Zwischenfällen. Der soziale Gedanke stand bei den „Hosen“ schon im Vordergrund, als sie vor 35 Jahren noch in kleinen Clubs spielten. Auf der gegenwärtigen Tour befinden sich im Hallenfoyer Stände von Hilfsorganisationen wie Oxfam, Pro Asyl und „Kein Bock auf Nazis“.

Gedacht wird auch der bandinternen Toten: Bevor „Nur zu Besuch“ anklingt, erinnert Campino an seinen Langzeitwegbegleiter Manfred „Manne“ Meyer, der 2009 einem Krebsleiden erlag und den die Truppe kennenlernte, als der einstige Rocker der „Black Devils“ in den frühen 80er Jahren in der „Batschkapp“ seine Karriere als Securitychef startete. Nach dem Finale hängt als Ausklang der Song „Kein Grund zur Traurigkeit“ aus der Konserve an, gesungen vom verstorbenen Ex-„Hosen“-Schlagzeuger Wolfgang „Wölli“ Rohde.

Fans in Bademoden

Doch allzu lange Trübsal blasen ist nicht die Sache von Campino und Co. Ein schier unüberschaubares Gewühle herrscht im Saal. Fahnen und Plakate werden geschwenkt. Es wird gerangelt und geringelreiht. Manch einer wagt Crowd Surfing. Als „Wannsee“ ertönt, stehen in antiker Bademode gekleidete Fans auf starken Schultern und hantieren mit Freibade-Utensilien.

Es geht Schlag auf Schlag: „Bonnie & Clyde“, „Wünsch dir was“, „Alles aus Liebe“, „Steh auf, wenn du am Boden bist“ – die Liste an längst zu Volksoden avancierten „Tote-Hosen“-Gassenhauern scheint schier unendlich. Als mit „Hier kommt Alex“ der vermeintlich letzte Song ansteht, wissen alle in der Arena: Das ist noch lange nicht das Ende.

In die Spielverlängerung gehen die fidelen Jungs mit elf weiteren Preziosen, bis mit dem obligatorischen „You’ll Never Walk Alone“ dann tatsächlich das Ende der Fahnenstange erreicht ist.

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