Sternstunde mit Pollini

Mit 72 Jahren gab der italienische Meisterpianist sein Debüt beim Rheingau-Musik-Festival. Im Kurhaus Wiesbaden zeigte der umjubelte Grandseigneur, wie man Chopin zu spielen hat.
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Wie oft schon mag Maurizio Pollini die 24 Préludes von Chopin in seiner Jahrzehnte währenden Karriere gespielt haben? Wahrscheinlich unzählige Male. Und doch ist es bei jedem Auftritt so, als würde diese Musik des genialen Polen unter Pollinis Händen neu entstehen. So auch im nach dem Wassereinbruch wieder bespielbaren Wiesbadener Kurhaus, wo der 72-jährige Grandseigneur am Flügel seinen Einstand beim Rheingau-Musik-Festival feierte.

Mit seinem Programm, den 24 Préludes von Chopin und den ersten 12 Préludes von Claude Debussy, kehrte Pollini gleichsam zu den Wurzeln seiner Karriere zurück. Denn die Musik Chopins war es, die den Mailänder Pianisten 1957 in seiner Heimatstadt schlagartig berühmt machte. Pollini entkleidete Chopins Klavierstücke von allem Gefühligen, Salonhaften, legte die Essenz dieser Musik frei – und das mit einer Klarheit in der Gestaltung, die bis heute ihresgleichen sucht.

So und nicht anders, ist man sich sicher, muss Chopin klingen, wenn Pollini die 24 Préludes spielt: luxuriös im Klang, doch nicht überbordend etwa das Eingangsstück in C-Dur; markant in der Melodie und nichts verschleiernd das Pendant in a-Moll. Bei aller Klarheit: Pollini tritt nie auf der Stelle. Stets drängt die Musik voran wie im wild davonfegenden Gis-Moll-Presto. Absolute Klarheit herrschte auch im populären „Regentropfen-Prélude“ vor, der auf Mallorca in einem verregneten Winter entstandenen Nummer 15 dieses Miniaturen-Zyklus. Wie sehr Chopin dabei Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ zum Vorbild hatte, zeigte Pollini eindrücklich mit der Nummer 20, dessen C-Moll-Largo sich schlicht wie ein Bachscher Choral erhob.

Ein trennscharfer Anschlag und erstaunliche pianistische Kraft mit virtuoser Behändigkeit machten nach der Pause Debussys Préludes aus dem ersten Heft zu Charakterstücken par excellence – ganz ohne impressionistischen Klangnebel, auch nicht bei der Nummer 10, der „Versunkenen Kathedrale“.

Der Enthusiasmus beim Publikum für diese Sternstunde wollte kein Ende nehmen.

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