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Die „Beach Boys“ in der Alten Oper: Strandjungs mit Harmoniegesängen

Es geht nichts über ein gutes Timing. Rechtzeitig zum kalendarischen Sommeranfang stimmten „The Beach Boys“ ihre Fans auf Sonne, Strand und Meer ein. Irgendwann wurden sie allerdings zu ihrer eigenen Coverband.
Gereifte Strandjungs: die „Beach Boys“ in der Alten Oper. Foto: Sven-Sebastian Sajak Gereifte Strandjungs: die „Beach Boys“ in der Alten Oper.

Der Mann konnte einem leidtun. Da stand er nun in der Pause des „Beach-Boys“-Konzertes mit einem Drink an der Bar in der Alten Oper und sinnierte: „Wo ist eigentlich Brian Wilson?“ Das Genie in den Reihen der einstmaligen Familienbande war noch auf der sicher lukrativen Welttournee zum 50. Jubiläum der Sixties-Surf-Heroen 2012 dabei. Doch danach gingen die alten Kumpel wieder eigene Wege.

Das war dem Fan entgangen. Entsprechend enttäuscht ließ er sich dazu hinreißen, diese „Beach Boys“ eine „Mogelpackung“ zu nennen. Sein Glück im Unglück: Er hatte sein 90-Euro-Ticket geschenkt bekommen.

Im vollbesetzten Großen Saal wäre allerdings kaum jemanden zu finden gewesen, der seine Kritik unterschrieben hätte. Da stand zwar mit Sänger und – immerhin – Gründungsmitglied Mike Love „nur“ ein Cousin der Wilson-Brüder auf der Bühne. Aber der hatte sich als Authentizitätsbonus immerhin Bruce Johnston zur Seite gestellt. Er war 1965 zu den „Beach Boys“ gestoßen.

Der Rest der Truppe, eher unwichtig – denn Hits wie „Fun Fun Fun“ und „Good Vibrations“ entwickelten, lange bevor sie am Abend schließlich angestimmt wurden, eine solche Suggestionskraft, dass fast zweieinhalbtausend Menschen von der ersten Minute an glückselig in Nostalgie schwelgten und einen Freudentaumel nach dem anderen erlebten.

Was also machte die Faszination dieser „Beach Boys“ scheinbar unabhängig von Personalien schon immer aus? Natürlich das Image der lebensfrohen Strandjungs aus dem Surferparadies an der Westküste. Und der oft schwindelerregend hohe, vielstimmige Harmoniegesang von durchaus betörender Schönheit. Der kam auch in der Alten Oper sauber und punktgenau, sogar im Falsett. Ganz ohne Einsatz von Helium.

Allein diese Chöre ließen die Sonne aufgehen und verbreiteten ein wohlig warmes Gefühl. Aber um sicher zu gehen, dass der Mythos Kalifornien, der längst an Strahlkraft verloren hat, auch bei allen ankam, wurden auf einer Leinwand neben historischen Bandfotos vor allen Wellen und Bikinischönheiten eingeblendet. Ein Hauch von Tourismusmesse.

Da die Twens damals nicht nur auf Sand, sondern auch auf Asphalt unterwegs waren, gab es zum Ende der ersten Konzerthälfte gleich sechs Songs, die keinen Girls gewidmet wurden. Als „einzigartige Liebeslieder“ kündigte Love, der smarte 76-Jährige, sie augenzwinkernd an, und die waren tatsächlich den ersten Autos der Musiker, ob Chevy-Oldtimer oder schnittiger Corvette, gewidmet. Das Sextett, das Love und Johnson begleitete, spielte dazu unaufdringlich, würzte das Repertoire hier und da mal mit Rock’n’Roll-Riffs à la Chuck Berry oder satten Baritonsaxophon-Phrasen zur Grundierung der Kopfstimmen.

Profi mit Spielwitz

Einzig Schlagzeuger John Cowsill fiel in dieser Truppe mit Tanzcombo-Charme auch optisch auf. Ein Profi mit Spielwitz, immer in Bewegung und mit lebendiger Körpersprache. Der hatte richtig Spaß an seiner Arbeit.

Dass 41 Titel ins Zwei-Stunden-Programm (netto plus 30 Minuten Pause) passten, lag auch daran, dass Singles damals unter drei Minuten lang waren. Das klassische Radioformat. Die funktionierten natürlich nach einem bestimmten Muster. So konnten nur einige Stücke aus dem bunten Potpourri aus „Sufin’ Safari“, „Surfin’ U.S.A.“ und „Surfer Girl“ herausragen, etwa „Do It Again“, das „Ronettes“-Cover „I Can Hear Music“, Leadbellys Klassiker „Cotton Fields“ und „God Only Knows“ vom „Pet Sounds“-Album, diesem komplexen wie verspielten Geniestreich.

Dazu ließ man Carl Wilson aus dem Off singen. Der ist seit 1988 tot, Bruder Dennis starb schon fünf Jahre früher. Aber alle Wilsons sollten wohl trotzdem mal zu Gehör kommen. Als Stimmen vom Computer. Dank dieser Technologie kann auch Elvis heute wieder Konzerte geben. Love und Johnston, keine Top-Vokalisten, gaben die Leadvocals zudem zwischendurch an die beiden Gitarristen, den Bassisten und sogar den Drummer ab.

Die konnten brillieren, während Love und Johnston dann in den Hintergrund rückten. Spätestens so wurden die „Beach Boys“ zu ihrer eigenen Coverband. Ein Hinweis darf nicht fehlen: Nach dem Kommerz kommt die Kunst hinterher. Am 19. Juli bringt Brian Wilson in der Jahrhunderthalle das Meisterwerk „Pet Sounds“ nach Frankfurt.

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