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Element Of Crime: Sven Regener und Jakob Ilia über den Weltuntergang und die Frage, warum man Musik macht

„Element Of Crime“ ist für viele nicht irgendeine Rockband, sondern deutsches Kulturgut. Seit 33 Jahren kleiden die Berliner um Bestsellerautor Sven Regener („Herr Lehmann“) ihre poetischen Texte in fantasievolle Arrangements. „Schafe, Monster und Mäuse“ heißt das zehnte Studioalbum. Krachige E-Gitarren treffen auf verschleppten Wüstenrock, Wiener Glissando und psychedelische Bläser. Olaf Neumann sprach mit Sänger und Trompeter Sven Regener (57) und Gitarrist Jakob Ilja (59).
„Element Of Crime“ ist nicht „U 2“, aber auch nicht irgendeine Band. „Element Of Crime“ ist deutsches Kulturgut und steht deshalb mitten im Feld. „Element Of Crime“ ist nicht „U 2“, aber auch nicht irgendeine Band. „Element Of Crime“ ist deutsches Kulturgut und steht deshalb mitten im Feld.

Herr Regener, das Album beginnt mit „Am Sonntag nach dem Weltuntergang“. Sind Sie zivilisationsmüde, fiebern der Apokalypse entgegen?

SVEN REGENER: Nein, Weltuntergang kann ja alles Mögliche bedeuten und metaphorisch gemeint sein. Wobei man sich schon fragen muss, ob es nach dem Weltuntergang noch einen Sonntag gibt. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann gibt es danach auch keine Zeit mehr. Der Text enthält einige Hinweise darauf, dass es eine metaphorische Bedeutung hat. Weltuntergang ist generell eine sehr starke Metapher, die man weiterreiten kann, wenn man im Bild bleibt. Gleichzeitig kann es ein Ausdruck innerer Zustände sein.

Interessieren Sie sich für Verschwörungstheorien?

REGENER: Diese Art von wahnhafter Besessenheit findet ja statt bei dem Lied „Nimm dir, was du willst (aber nerv mich nicht)“: „Geradeaus die Straße runter schreist du jeden Fußgänger an, der stumpf an dir vorübergehen will und glaubt, dass er das einfach kann, ohne dass du ihm erzählst, wie der geheime Feind heißt, der für CIA und MI6 jeden Tag ins Trinkwasser scheißt“. Das Lied hat etwas von einem Protestsong.
JAKOB ILJA: Der Song beschreibt eine ureigene Berliner Charakteristik. Da sind so viele Leute, irgendwann ist auch mal gut. Man kann in Berlin nackt und grün angestrichen auf dem Fahrrad fahren, da guckt aber keiner mehr, weil es nervt. Das haben alle schon mal gesehen. Man will einfach nur in Ruhe gelassen werden. Das ist auch legitim, weil es anders nicht mehr geht.

In dem Lied „Schafe, Monster und Mäuse“ werden Gestalten besungen, die durch Träume geistern. Schreiben Sie Ihre Texte zuweilen im Traum?

REGENER: Meine Träume sind für mich Teil der Realität. Im Schlaf findet ja auch etwas statt. Das hat viel mit Metaphern, Symbolen und Allegorien zu tun. Das ist sehr nah an der Kunst dran. Insofern sind Träume ein gutes psychedelisches Thema für Songs.

Soll Ihre psychedelische Musik das Bewusstsein erweitern?

REGENER: Auf dieser Platte sind wir so psychedelisch unterwegs wie seit „Weißes Papier“ nicht mehr. Wir spielen alles, was man aus den späten Sechzigern kennt, aber auf eine seltsame Weise. Plötzlich kommt so ein mexikanisch anmutendes Zeug um die Ecke. Wir bringen Elemente wie Vaudeville, Blaskapellen, Barockmusik mit rein. Alles stürzt ineinander. Man will immer Songs machen, die einem selbst gefallen, und hinterher lernt man viel über sich selbst.

In „Gewitter“ geht es darum, dass neue Zeiten kommen, die mit großen Umbrüchen verbunden sind. Trotzt „Element Of Crime“ den Entwicklungen im Musikbusiness?

REGENER: Wir haben immer alles mitgemacht, waren aber nie die Betatester dieser Geschichten. Wir haben unsere Platten auch nach der Einführung der CD noch auf Vinyl herausgebracht, und irgendwann kamen die Downloads auf. Und jetzt beim Streaming sind wir uns mit unserer Plattenfirma darüber einig geworden, dass wir unseren Katalog bei Spotify und Apple reinstellen.

Ist Streaming gut für die Künstler?

ILJA: Für mich ist das kaum zu begreifen, weshalb jemand mit einer Albumveröffentlichung direkt zu  Spotify  geht. Die Vergütung ist doch so gering, dass man damit keine Platten mehr refinanzieren kann. Eine gute Lösung ist es, damit nach der Veröffentlichung einer Platte ein halbes Jahr zu warten.

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REGENER: Die Plattenfirmen haben die Künstler ausgebootet. Sie haben einen Deal mit den Streamingplattformen gemacht und sich Anteile an diesen Firmen gesichert. Die Anteile können sie jetzt über die Börse zu Geld machen, und wir Künstler werden davon nichts sehen. Dafür haben die Plattenfirmen sich abhandeln lassen, dass sie alles, was sie an Musik haben, von Anfang an da reinballern. In unseren Vertrag haben wir zum Glück reingeschrieben, dass wir über alle neuen Auswertungsformen mitreden wollen. Künstler wollen immer gefallen und nicht als gierig, blöd oder altmodisch dastehen. Musiker sind aber nicht rückständig, sie haben viel früher mit Computern gearbeitet als alle anderen Leute.

Auf dem Album gibt es etliche Berlin-Bezüge wie „Die Party am Schlesischen Tor“ oder „Im Prinzenbad allein“. Sind Sie Lokalpatrioten?

REGENER: Nicht mehr als jede andere Band, die von irgendwo kommt. Wenn man Songs schreibt, gibt man den Sachen gerne mal einen Ort. Der hat natürlich auch viel mit der Welt, in der man lebt, zu tun. Wir machen aber kein Städtemarketing, sondern erzählen, was so läuft im Jahn-Sportpark oder am Schlesischen Tor. Das kann man überall verstehen.
ILJA: Ein Stück wie „Delmenhorst“ kann ich total nachvollziehen, obwohl ich noch nie in dem Ort war. Sven, warst du mal da?
REGENER: Meine Oma hat da gewohnt. Das ist aber lange her. Bei dem Lied „Immer da, wo du bist, bin ich nie“ gerate ich im Steintor betrunken mit dem Fahrrad in die Rillen. Steintor heißt in Bremen das Szeneviertel, wo man nachts von der Kneipe nach Hause unterwegs war. „Ganz Wien träumt von Kokain“: Man muss kein Österreicher sein, um das zu verstehen.

Hip-Hop hat Rock als dominante Jugendkultur abgelöst. Ist Rock aus der Zeit gefallen, weil die Zeit, in der wir leben, eine Zeit ist, die keine Subversion mehr braucht?

ILJA: Im Kern wird der Rock ’n’ Roll bleiben: eine Gitarre, ein Verstärker, ein Song, Konzerte. Ob man vor 20 oder 20 000 Leuten spielt, ist letztlich irrelevant, denn die Kraft bleibt ja. Heute haben junge Leute Computerspiele und soziale Netzwerke, da haben wir keinen Einfluss drauf, die Zeit verändert sich halt. Dass Rockmusik heute nicht mehr den Überbau hat wie damals, ist naheliegend. Das kann man über das Ölbild genauso sagen. Keine Kunstform hat ein Anrecht auf Erhalt. Nur weil ich zu der Generation gehöre, die den politischen und sozialen Input von Rockmusik miterlebt hat, habe ich noch lange kein Anrecht darauf, dass es immer so bleiben muss. Die nachfolgenden Generationen wählen selber aus, was sie gut finden. Wir haben ja auch Sachen abgelöst, weil einfach Platz für Neues geschaffen werden muss.

Ist Musiker ein Dienstleistungsberuf?

ILJA: Wenn man den Konsumenten beim Songschreiben schon im Kopf hätte, was wäre das dann für eine Musik? Man schöpft ja aus sich selbst. Und mit den anderen in der Band zusammen. Es funktioniert nur, wenn es einem selbst gefällt. Die Resonanz des Publikums ist ein Zufall. Alle Künstler, die ich kenne, verspüren einen Drang. Wenn ich in einer Kammer nur für mich aufnehme, ist es bloß ein Hobby.
REGENER: Ich finde, wenn man ein Bild malt, ist es Kunst. Egal ob es jemand sieht oder nicht. Wenn du Musik machst, ist es immer Kunst. Wenn du beim Duschen singst, machst du Musik. Also machst du Kunst. Was soll Musik sonst sein? Wenn du vor Leuten spielst, ist das noch mal ein anderes Erlebnis, es fügt dem Ganzen noch etwas hinzu.

Ist auch schlechte Musik Kunst?

REGENER: Natürlich, es gibt auch schlechte bzw. irrelevante Kunst. Das Argument, etwas sei keine Kunst, ist nie eins gewesen. Es gibt nur ein einziges Kriterium, ob wir einen Song machen oder nicht: nämlich ob wir den gut finden. Wir fragen niemanden sonst, ob ihm das gefällt. So einen würde man auch nicht ernst nehmen. Wenn wir nicht selber wissen, ob etwas gut ist, können wir einpacken. Wir wollen das Lied dann ja auch spielen und machen damit vielleicht hunderte von Konzerten.

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