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Neuerscheinungen über Gottfried Benn: Sympathie mit dem Abgrund

Von Gottfried Benn war nicht nur einer der größten deutschen Dichter des 20. Jahrhunderts. Er war ein Frauenliebling – und erlag den Verführungen der Macht.
Röntgenblick: Der deutsche Arzt und Schriftsteller Gottfried Benn am Mikroskop. Bilder > Foto: DB (dpa) Röntgenblick: Der deutsche Arzt und Schriftsteller Gottfried Benn am Mikroskop.

Als im Jahr 1912 Gottfried Benns bald legendärer Gedichtzyklus „Morgue“ erschien, waren am Vorabend des Ersten Weltkriegs die Freunde hübscher Verse schockiert. Denn die Gedichte handelten nicht von erbaulichen Stimmungen und romantischem Naturgezwitscher, sondern von Toten im Leichenschauhaus, von morschen Brustkörben und präparierten Gehirnen, von Rattenfraß, Krankheit und Zerfall. Krebsgeschwüre in Strophen? Das war so hässlich wie heute. Aber damals war es neu. Und Gottfried Benn (1886–1956), ein junger Arzt von kleinem Wuchs, verstand sich aufs Dichten.

Auch Benn war nicht schön, auf den ersten Blick jedenfalls. Der schmallippige Mund wirkte streng. Die Lider hingen über die Augen wie Jalousien auf Halbmast. Benns Blick schien weniger geheimnisvoll als müde, abwesend, rauschgetrübt. Manche bemerkten darin seine Melancholie. Die wuchs mit den Jahren und der Leibesfülle. Vom Bürstenhaarschnitt blieb später nur ein schütterer grauer Kranz. Die Stimme schnarrte. Geschmack besaß Benn keinen. Von Malerei verstand er nichts. Die Einrichtung seiner Berliner Wohnung mit angeschlossener Praxis war sorglos, piefig bis lausig. Zu Hause trug er am liebsten Arztkittel. Die Frauen kamen trotzdem: Er war ein Faszinosum. Das verlangte Organisationstalent: „Gute Regie ist besser als Treue“, notierte Benn. Mitunter hielt er sich die Damen durch vorgetäuschte Unpässlichkeiten vom Leib.

Kalter Zynismus

1917, Benn war als Militärarzt in Belgien eingesetzt, besuchte er die Familie Sternheim bei Brüssel. Der Herr des Hauses, der neurotische Dramatiker Carl Sternheim, gehörte mit Komödien wie „Die Hose“, „Der Snob“ oder „Tabula rasa“, die den Spießer und den Bürger verhöhnten, zu den Stars an den deutschen Theatern. Im Hause Sternheim lebte man – anders als Benn – auf großem Fuß. Dort herrschte der opulente Stil der Salonkultur.

Thea Sternheim (1883–1971) pflegte Umgang mit Künstlern und Intellektuellen, unterhielt Korrespondenzen mit allerlei europäischen Geistesmenschen. Ihr erster Eindruck von Benn: „Stark. Bedeutend. Aber schrecklich zugleich.“ Intuitiv erfasste sie sogleich die Spannung im Wesen des Dichters.

Benn konnte verführen: mit zärtlichem Charme, schnoddrigem Witz, mit Geist, aber auch mit Weltschmerz, mit einer schutzbedürftigen Traurigkeit. Er war umgeben von der Aura grandioser Einsamkeit. Das gefiel nicht nur Schauspielerinnen wie Tilly Wedekind oder Elinor Büller.

Doch Benn, der spätere Büchner-Preisträger, konnte auch abstoßen: durch Kälte und zynischen Pessimismus, Großspurigkeit und rücksichtslose Verachtung. Er liebte die Pose des Immoralisten und Bürgerschrecks, feierte Nihilismus, Verfall und die monologischen Bewusstseinsekstasen der Kunst. An Frauen interessierte ihn entweder der Sex oder die Verwaltung seines Haushalts. Alles, fand er, was nach Bindung aussehe, sei gegen die männliche Natur: „Eine Frau ist etwas für eine Nacht / Und wenn es schön war, noch für die nächste“, heißt es im Gedicht. Die Ehe hielt er für eine „Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebs“. Verheiratet war er trotzdem. Vor allem aber: Benn hatte Sympathie mit dem Abgrund.

Kunst im NS-Staat

Schon in den 20er Jahren gehörte er zu den Gegnern der Weimarer Demokratie. Anfang der 30er schlug er sich in Essays und Radioreden auf die Seite der Nazis, ergriffen von der Gewalt der historischen Stunde. Benn glaubte an einen Aufbruch, an die Erneuerung der Kunst im Machtstaat, er pries den Kolonnenschritt der braunen Bataillone und das Barbarentum der Bewegung. Er war berauscht vom Gedanken der Züchtung eines neuen Menschen. Fragen von Emigranten wie Klaus Mann, wie es sein könne, dass ein Künstler von so luzidem Intellekt wie Benn sich auf die Seite der Kulturzerstörer schlage, tat er, eingehüllt in den Mantel der Geschichte, mit hochmütiger Geste ab. Lange dauerte die Euphorie indes nicht. Die Reue über ideologische wie moralische Entgleisungen kam später.

Zwei großartige Bücher nähern sich dem Phänomen Benn jetzt auf je andere, aber in beiden Fällen gewinnbringende Weise. „Tanz auf dem Pulverfass – Gottfried Benn, die Frauen und die Macht“ von Wolfgang Martynkewicz, von dem auch der ausgezeichnete „Salon Deutschland. Kunst und Macht 1900–1945“ stammt, verfährt biografisch. Sein Buch ist auch deshalb so frappierend, weil die mentalitätsgeschichtlichen Parallelen zwischen den fiebrigen 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und unserer aufgewühlten Gegenwart überdeutlich werden. Im Zentrum steht aber neben Benns politischer Verstrickung das amouröse Verhältnis zur Hitler-Gegnerin Thea Sternheim – ihre vor einigen Jahren veröffentlichten Tagebücher sind eine zeithistorische Fundgrube –, das über die Jahre andauerte, mit Unterbrechungen in Benns NS-Phase. Aber ebenso Benns Beziehung zur Tochter Dorothea „Mopsa“ Sternheim (1905–1954), die Benn als junges Mädchen kennenlernte und die ihm zeitlebens emotional verfallen blieb. Mopsa war eine tragische Figur. Sie wurde von Vater Sternheim missbraucht. Wie Klaus Mann war sie lange schwer drogenabhängig und depressiv. Später arbeitete sie als Bühnenbildnerin und hatte Kontakt zum Widerstand. Auch ihr Leben glich einem „Tanz auf dem Pulverfass“.

In ihrem Roman „Die Poesie der Hörigkeit“ fühlt sich Lea Singer in diese bizarre Ménage à trois ein: Das Verhältnis von Thea und Mopsa Sternheim war ohnehin schwierig. Als Benn dazustieß, wurde die Sache noch komplizierter. Singer webt in ihren Roman Passagen aus Briefen, Gedichten und den Tagebüchern der Sternheim-Frauen ein. Das lädt diese nervenaufreibende Geschichte vor dem Hintergrund einer sich verdüsternden Zeit mit zusätzlicher nervöser Spannung auf. Am besten liest man die Bücher im Doppelpack.

Die Bücher

Wolfgang Martynkewicz: „Tanz auf dem Pulverfass“, Aufbau, 408 S., 24 Euro. Lea Singer: „Die Poesie der Hörigkeit“, Hoffmann & Campe, 224 Seiten, 20 Euro.

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