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"Summer-in-the-City";-Festival im Palmengarten: Tastenkünstler Hauschka: Geisterhände am Flügel

Von Schon der legendäre John Cage hat Klaviere präpariert. Die Pianist Volker Bertelmann alias Hauschka tut es ihm nach, allerdings auf ganz eigene Weise.
Der Düsseldorfer Tastenmeister Volker Bertelmann, der sich Hauschka nennt, hat nicht nur Spaß daran, seine Instrumente zu präparieren und damit ungewöhnliche Klänge und Geräusche zu produzieren. Er plaudert auch gern mit dem Publikum, um sein Treiben zu erläutern. Foto: Sven-Sebastian Sajak Der Düsseldorfer Tastenmeister Volker Bertelmann, der sich Hauschka nennt, hat nicht nur Spaß daran, seine Instrumente zu präparieren und damit ungewöhnliche Klänge und Geräusche zu produzieren. Er plaudert auch gern mit dem Publikum, um sein Treiben zu erläutern.

„What If“, „Was wäre“, nennt der Düsseldorfer sein neues CD-Werk und wirft damit eine ganze Reihe von Fragen auf: Was wäre, wenn das Klavier den natürlichen Gesetzen seiner Spielbarkeit folgen würde? Was wäre, wenn ein Mann auf der Bühne stünde und ein konventionelles Konzert geben würde? Und was wäre, wenn die Zuhörer einer klassischen Erwartungshaltung verpflichtet wären?

Bei einem Gastspiel des 51-Jährigen ist allerdings alles anders. Er präpariert seine Klaviere in bester John-Cage-Manier und entlockt ihnen Töne, die in keine Schublade zu stecken sind. Als seine „Band“ stellt er in der Orchestermuschel des Frankfurter Palmengartens zwei Klaviere vor, die seitlich eines klassischen Fügels platziert sind und Einblicke gewähren in das Innenleben. Mit Klebefolien, Bändern und anderen nicht näher zu definierenden Gegenständen, hat Bertelmann die Instrumente versehen und sie so ihrer ursprünglichen Funktion beraubt.

Schon faszinierend, zu sehen, wie Filzklöppel auf Stahlsaiten treffen und wie Marionetten zu tanzen zu beginnen, ohne dass eine menschliche Hand im Spiel ist. Das Geheimnis dieses Schauspiels ist, dass der Meister alles in aufwändiger Arbeit im Studio vorbereitet hat und dies in der Live-Präsentation dann wirkt, als ob Geisterhände im Spiel seien.

Mechanische Geräusche

Als Hauschka beginnt, auf dem Flügel erste Akkorde zu intonieren, glaubt man, ein ganzes Orchester zu hören. Rhythmusspuren und mechanische Geräusche ergießen sich über die Zuhörer, die zunächst gar nicht glauben können, dass da nur ein Mann am Werke ist. Repetitive Spuren breiten sich im lauschigen Rund aus, und die Musik nimmt tranceartige Formen an. Es ist wie ein Sog, in den man als Zuhörer hineingezogen wird und dem man sich nicht entziehen kann.

Schwer zu sagen, was an diesem Abend in der grünen Lunge der Stadt live gespielt wird, und was zuvor eingespielt wurde, zumal der Künstler sich nicht weiter äußert, zwei etwa dreiviertelstündige Stücke spielt, deren Titel im Dunkel bleiben. Hypnotisch klingt diese Musik, die ihre Urspünge im Krautrock hat, der in Deutschland erfunden wurde, aber auch direkt in die aktuelle Club-Szene führt. Am Puls der Zeit bewegt sich Bertelmann, der für seinen Soundtrack zum Spielfilm „Lion – Der lange Weg nach Hause“ von 2016 Nominierungen für den Oscar und Golden-Globe-Award einheimste.

In Frankfurt präsentierte sich der ganz in Schwarz gekleidete Musiker als bescheidener Performer, der nicht nur Noten am Flügel spielt, sondern mit Effekten in den Bann zieht: Es scheppert, brummt, donnert und wackelt, wenn er den auch optisch mit roten und blauen Lichtspots illuminierten Abend regelrecht inszeniert, als würde ein Theaterstück mit besonders dramatischen Szenen gezeigt.

Letztlich ist es der Fantasie des Hörers überlassen, wohin ihn die klangliche Reise führt. Von meditativen Impressionen über aufregende Kaskaden mit lärmendem Chaos ist an diesem Abend alles drin. Als wolle er beweisen, dass Klaviere mehr sind als Instrumente, die ein aufregendes Innenleben haben, gebiert sich Hauschka als Hexenmeister eines Klanglabors. Erst ganz am Schluss reduziert er das Instrument auf seine genuine Funktion und spielt, nachdem er zuvor mit Gaffer-Tape gewerkelt hat, ein klassisches Motiv mit zärtlich gezupften Pizzicato-Motiven.

Verblüffende Kreativität

Ein unterhaltsamer Abend, veranstaltet vom Mousonturm, der mit jeder Regel des üblichen Konzertwesens brach: keine Abfolge von Songs oder Liedern, sondern ein langsamer Strom von aus dem Moment entstandener Musik mit improvisatorischem Charakter und verblüffender Kreativität. Cage und sein gedanklicher Ansatz von L’art pour l’art, also Kunst um ihrer selbst willen, erfüllte sich hier auf schönste Art und Weise. Und selbst Joseph Beuys, der die These vertrat, dass jeder Mensch ein Künstler ist, schien seinen Segen zu dieser Art des Vortrags zu geben.

Die Grenzen zwischen E und U, also sogenannter ernster Musik auf der einen und unterhaltender auf der anderen Seite, riss Hauschka an diesem Abend, der trotz Bedenken vom Wetter her trocken blieb, souverän nieder. Liebhaber von rhythmischer Leichtigkeit und harmonischer Finesse wurden gleichermaßen bedient. Was kann ein „Konzert“ mehr bieten? Und auch die Väter der elektronischen Musik in Deutschland, „Tangerine Dream“ und Klaus Schulze, dürften Hauschka als Fortführer und Traditionsverwalter ihrer musikalischen Ideen und Konzepte akzeptieren. Einen hehreren Ritterschlag gibt es nicht.

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