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Debatte: Thea Dorn gibt in "Deutsch, nicht dumpf" einen "Leitfaden für aufgeklärte Patrioten"

Von Nationale Gefühle sollten nicht den Rechten überlassen werden, findet Thea Dorn. In ihrem Buch „Deutsch, nicht dumpf“ plädiert die Schriftstellerin und Literaturkritikerin für einen aufgeklärten Kulturpatriotismus.
„Kreidefelsen auf Rügen“ (1818): Caspar David Friedrichs Gemälde gilt als Inbegriff der deutschen Seele, träumerisch, erhaben. Aber stimmt das überhaupt noch? Ist der Deutsche noch romantisch? Foto: Philipp Hitz (SIK-ISEA Zürich) „Kreidefelsen auf Rügen“ (1818): Caspar David Friedrichs Gemälde gilt als Inbegriff der deutschen Seele, träumerisch, erhaben. Aber stimmt das überhaupt noch? Ist der Deutsche noch romantisch?

Gibt es ein anderes Thema, über das in Deutschland so erhitzt, beschwipst, volltrunken und folgenlos debattiert wird, wie die Frage: Was ist deutsch? Dürfen wir Deutschland überhaupt lieben? Oder hat das Volk, das Auschwitz erfunden und auch gebaut hat, das Recht verwirkt, sich und seine Welt zu lieben, überhaupt nur eine einige Nation zu sein? Muss es sich quälen und sich hassen, muss es für immer büßen? Oder darf es sich wenigstens doch ein bisschen mögen? Natürlich nicht zu viel, denn es könnte ja sein, dass . . .

Die Deutschen trauen sich nicht. Kurz nach der Jahrhundertwende, nachdem ein sommerliches Fußballturnier im eigenen Land märchenhaft schön und sonnig verlaufen war, schien zwar alles in Ordnung. Wir hatten uns für einige Zeit mit uns selbst ausgesöhnt, kamen uns locker, sympathisch, fröhlich und weltoffen vor. Wir küssten uns, umarmten fremde Leute. Wir hatten es geschafft– und der Welt ein freundliches Gesicht gezeigt. Deutschland war unser Land.

Thea Dorn. Bild-Zoom
Thea Dorn.

Aber nur zehn Jahre lang. Dann kam 2015 das, was alle die „Flüchtlingskrise“ nennen. Auch die begann zunächst wie ein Märchen: Deutsche Blumenkinder hießen mit Plakaten und Geschenken jene willkommen, die die Grenzen nach Europa und Deutschland überquerten. So lange, bis die guten und die grimmigen Deutschen allmählich Geduld und Nerven verloren und ihre märchenhafte Einigkeit einer großen Gereiztheit wich.

Dampf ablassen

Bald war von „Migrantenflut“, und „unkontrollierter Masseneinwanderung“ die Rede. Die Mienen verdüsterten sich. Die Kanzlerin rief trotzig: Wir schaffen das! Sie wollte sich nicht entschuldigen dafür, der Welt in einer Notsituation ein freundliches Gesicht zu zeigen: Das sei dann nicht mehr ihr Land, teilte sie mit. Durch Deutschland ging wieder ein Riss. Er verläuft heute abermals da, wo einst die Mauer verlief, aber er zerteilt auch im Zickzack das ganze Land. Die AfD sitzt im Bundestag. Wieder geht es um die Frage: Was ist deutsch? Dürften wir, wenn wir es denn wüssten, das Deutsche lieben? Gibt es das Deutsche überhaupt noch? Oder ist eine „spezifisch deutsche Kultur“, wie Aydan Özguz, die Integrationsbeauftragte der vorherigen Bundesregierung, befand, „schlicht nicht identifizierbar“?

Unzählige Bücher, Essays und Leitartikel sind in den vergangenen Monaten zu diesem Komplex erschienen. 1000-seitige Wälzer und giftige posthume Pamphlete: Heimat und Identität, Hass- und Angstprediger, Finis Germaniae und der große Austausch – die Lage ist unübersichtlich. Das deutsche Gemüt ist in Aufruhr. Nun kommt die Schriftstellerin, Philosophin und Kritikerin im „Literarischen Quartett“ Thea Dorn (47), um das dunkle Gewölk zu lichten. „Deutsch, nicht dumpf“ heißt ihr „Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“: „Lasst uns Patrioten sein! Kritische, wache und aufgeklärte Patrioten!“ Das klingt optimistisch und befreiend.

Dorn, in Offenbach geboren, in der Frankfurter Schule bei Theodor W. Adorno gebrieft, intellektuell in der deutschen Genieepoche an der Wende zum 19. Jahrhundert beheimatet, besitzt ja Expertise. Mit dem Schriftsteller Richard Wagner hat sie bereits eine ebenso voluminöse wie charmante Kulturgeschichte publiziert: „Die deutsche Seele“. In kleinen Kapiteln zu Stichworten wie Gemütlichkeit und Abendbrot, Wanderlust und Männerchor suchten die Autoren sich dem „deutschen Wesen“ zu nähern. Es ging nicht um eine abschließende Definition, sondern gleichsam um einen Assoziations- und Resonanzraum, in dem ein deutsches „Wir“ zwar Kontur, aber nicht ein für allemal Gestalt gewinnt.

Auch Dorns jüngstes Buch kreist um Begriffe wie Heimat, Identität, Nation, Leitkultur, Europa und schließlich Patriotismus. Sie blickt aus historischer, politischer, in erster Linie aber kultur- und literaturhistorischer Perspektive auf ihren Gegenstand. Dorn will den Überdruck aus dem Debattenkessel nehmen, indem sie Ventile öffnet, um den ideologischen Dampf abzulassen, der den Blick trübt. Ihr geht es um Differenzierung. Allein das ist bereits verdienstvoll.

Das Maß der Dinge

Und so macht sich Dorn abermals auf die Suche nach der deutschen Seele. Von Thomas Mann, dem wie kaum einem anderen Schriftsteller das Deutsche Last und Lust war, dem es durch die Erfahrung des Exils zum Lebensthema wurde, hat Dorn gelernt, dass das deutsche Wesen zu keiner Genesung tauge. Es enthält, wusste der Autor des „Zauberbergs“ und des „Doktor Faustus“, die Neigung zum Guten ebenso wie die zum Abgrund, zum Romantischen und Irrationalen ebenso wie zum Aufgeklärten und Weltbürgerlichen. Statt von „Leitkultur“ spräche Dorn lieber von „Leitzivilität“, im Sinne einer Gesittung, einer vorurteilsfreien, selbstreflexiven Zivilisiertheit, die um das Eigene weiß, ohne es über das Andere zu erheben oder sich dagegen abzuschirmen. Es ist im Grunde das klassische Ideal des mündigen, vernunftgeleiteten Bürgers. Sein Wertekanon wurzelt im Grundgesetz. Freiheit ist sein Maß der Dinge. Manchmal scheint er an den guten Europäer zu gemahnen, den Macron im Sinn hat. Und da liegt der Hund begraben: Bei allem Bemühen ans Konkrete und Lebensweltliche anzuknüpfen, Dorns „deutscher Patriot“ ist eine schöne Kopfgeburt. Ihr Appell richtet sich an Bildungsbürger, die es gar nicht mehr gibt oder nie gegeben hat. Dorns „Leitfaden“ wirkt wie erbaulich-betuliches, gut gemeintes Biedermeier. Aber kommt man mit deutscher Dichtung gegen den technologischen Universalismus der Internet-Konzerne an? Mit Goethe gegen Google? In einer Welt der Trumps und Erdogans, der zerfallenden Ordnungen und auseinanderbrechenden Staaten, der implodierenden Regeln und eines auftrumpfenden Willens zur Macht hören wir alle gern die sanften Botschaften aus der deutschen pädagogischen Provinz. Wir hören sie wohl, wir stimmen ihnen zu, aber was uns fehlt, das ist der Glaube.

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