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Premiere am Staatstheater Darmstadt: Theaterstück „Judith“: Verstörte junge Witwe wird zu Verführerin

Von Alexander Nerlich inszeniert am Staatstheater Darmstadt Friedrich Hebbels dramatischen Erstling „Judith“ über die alttestamentarische Heldin.
Intensives Spiel: Mathias Znidarec, Anabel Möbius und Béla Milan Uhrlau in der Darmstädter Hebbel-Inszenierung. Intensives Spiel: Mathias Znidarec, Anabel Möbius und Béla Milan Uhrlau in der Darmstädter Hebbel-Inszenierung.
Darmstadt. 

Man darf die Bühne Flurin Borg Madsens fintenreich nennen. Den Grundakkord auf mittlerer Höhe zu beiden Seiten, links und rechts, setzen aus bizarren Holztrümmern und Leichen komponierte Haufen, deren mattschwarzer Glanz eine Ölpest irgendwo im Schwemmland vermuten lässt, fast als lese Regisseur Nerlich die Kriegsschlächtereien des Nebukadnezar von Babylon und seines Heerführers Holofernes auf den Ölpestmacher Saddam Hussein hin, immer nach dem Motto: Wer hoch steigt, fällt tief.

Szenisch punktiert diese „Judith“ den Darmstädter Saisonstart mit einer Fülle an Einfällen, darunter Schatten- und Puppenspiel live und in Projektion auf allfällige Vorhänge, tänzerische Elemente und vieles mehr. Spiel und Bühne erstrecken sich in alle Raumachsen, auch in die Vertikale, die sich im Einsatz einer Art Himmelsleiter und im Auf und Ab eines graublauen Bretterverschlags niederschlägt. Er setzt vorn, an der Rampe, das Prinzip Stadt, Platz, Innenraum gegen die offene Schlachtenlandschaft. Die Tiefe des Raums führt aus dem Zweistromland zur belagerten Judäerstadt Bethulien.

Jessica Higgins’ sehnige Judith zeigt sich als verstörte junge Witwe im Sinne Hebbels und kraucht als solche an der Decke wie Jeff Goldblums „Fliege“ im Film von David Cronenberg. Manchmal hat ihr Raum auch etwas von flachem Opferaltar mit weißer Taube und kunstvollem Flügelschlags-Geräusch; das Zelt des Holofernes im 4. und 5. Akt liegt irgendwo zwischen drinnen und draußen.

Sträflicher Gotteswahn

Beeindruckend auch Daniel Scholz als Holofernes, ein nihilistischer Menschenfresser-Punk avant la lettre mit der Kalaschnikow im Anschlag, der seine Soldaten nach Laune in den Tod schickt, sich von Judith aber hinreißen lässt. Kein Wunder, dass das Plakat ihrer beider Gesichter im Stile Francis Bacons (oder der „Fliege“) verschmilzt.

Worum geht es? Holofernes hat, für Nebukadnezar in seinem sträflichen Gotteswahn, alle Welt erobert und wendet sich, trotz Warnungen vor einem allzu starken Gott, den Juden zu, denn kein anderes freies Volk ist übrig (1. Akt). Judith exponiert ihre und der Juden Lage vor dem anrückenden Feind durch einen Traum und drängt Freund Ephraim (Béla Milan Uhrlau) vergebens zum Attentat auf Holofernes: 2. Akt. Sigmund Freud wird auf diese Judith zwischen Männern abfahren: „Hebbels Helden sind Trotzköpfe . . . Judith, ein sexuelles Problem.“

Im 3. Akt zieht sich Judith in sich zurück, betet und bereitet sich bei Hebbel auf die Rolle der Verführerin vor, denn von der ausgehungerten Stadt, ihren Ältesten und dem Propheten Daniel kommt nur Verwirrung. Der 4. Akt zwischen ihr und Holofernes kocht Judiths tragischen Tatwahn, ihre „manía“, mühsam hoch, doch erst im 5. entlädt sich das in einer Runde Beischlaf mit Enthauptung, was ihrem Volk den Sieg bringt. Weil Hebbel Frau und Tat eigens zusammenbrachte und doch nicht ertrug, schickt er die vom Volk begrüßte Judith, mit dem Holoferneskind im Bauch, zuletzt noch in den Wahnsinn. Eine herrliche Bizarrerie aus der Bibel ist das, worin sich wohl auch Hebbels Skrupel über die unehelichen Kinder seiner Erstfrau zu Hamburg finden, derweil er an der Wiener Burg das bürgerliche Dichterglück fand.

Schön und schlüssig

Žana Bošnjak steckt nicht nur Judiths Dienerin-Vertraute Mirza (auch als Daniel: Anabel Möbius) in bunte Malerkittel und andere (Hubert Schlemmer als Gesandter und Ältester) in biblisches Fantasyzeug. Das Kriegsvolk löst und schält sie erst puppenspielhaft aus dem Ölpest-Schwemmholz, worin es kaum zu erkennen war, um dann das Soldatische der Krieger und Hauptmänner zu bedienen (Christian Klischat, Mathias Znidarec, Uhrlau). Alles, auch Malte Preuß’ Musik, trägt hier zu einer schönen und schlüssigen Regie bei, deren kleinere Einfälle immer noch so sehr gefallen wie die Radio- und Spionagefunk-Gespräche vom Dach der Bretterbude zu Holofernes auf der Belagerungsleiter.

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