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Eröffnung am 11. Januar: Töne und Misstöne in der Hamburger Elbphilharmonie

Wer darf in der Elbphilharmonie spielen? Das bestimmt allein der Intendant. Der Steuerzahler kann gespannt sein, wie es läuft, wenn der erste Ansturm vorbei ist.
Im Großen Saal der Elbphilharmonie mit 2100 Plätzen soll die Wandverkleidung aus 10 000 Gipsfaserplatten höchste Hörqualität sicherstellen. Bilder > Foto: Christian Charisius (dpa) Im Großen Saal der Elbphilharmonie mit 2100 Plätzen soll die Wandverkleidung aus 10 000 Gipsfaserplatten höchste Hörqualität sicherstellen.

Fast alles ist fertig für die Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie. Kanzlerin Angela Merkel wird am 11. Januar eine Rede halten, das Elbphilharmonie-Orchester wird spielen, das Festpublikum applaudieren. Doch schon bevor das architektonische Wunderobjekt in der HafenCity seiner Bestimmung übergeben wird, ist klar, dass hier keineswegs ein jeder aufspielen und eine jede singen darf. Und so herrscht trotz des glitzernden Gebäudes über der Elbe hinter den Kulissen Missstimmung – bereits vor dem ersten Ton.

Kein Sinn für Operette

Schon in der Vergangenheit hatte Generalintendant Christoph Lieben-Seutter intern klar gemacht, dass von den alten Mietern der Laeiszhalle, dem bisherigen ersten Konzerthaus am Platze, in der Elbphilharmonie (EP) künftig weder für die norddeutschen Laienchöre noch für so manche Operetten- und Operngala Platz sein würde. Wer lange Jahre in der Laeiszhalle gut genug war für das Hamburger Publikum (und Lieben-Seutters dortige Mieteinnahmen), ist es nun nicht mehr – und muss sich weiterhin mit dem neobarocken Bau am Johannes-Brahms-Platz begnügen. Und das keineswegs nur im ersten Halbjahr 2017, das der Intendant zur programmatischen Testphase erklärt und allein seinen eigenen Konzerten sowie denen der drei großen Hamburger Orchester und zweier ausgewählter Privatveranstalter vorbehalten hat: Nein, auch darüber hinaus gibt der Wiener den großen Impresario und behält sich Absagen vor, wenn die vorgeschlagenen Projekte nicht seinen (vermeintlichen) Qualitätsansprüchen genügen.

Köln steht Modell

Ein Modell, das sich offenbar an der Kölner Philharmonie orientiert, wo der Betreiber zugleich als Veranstalter das Programm dominiert. Lieben-Seutter und seine engsten Mitarbeiter haben sich dort vorab beraten lassen. Mit der Konsequenz, dass in Hamburg nun private Veranstalter nicht mehr einfach einen Termin buchen dürfen wie in der Laeiszhallen-Vergangenheit, sondern Künstler und Programm vorab benennen müssen – um dann im schlechtesten Fall eine Absage zu erfahren, weil den EP-Machern das Konzert nicht in die Planungen passt. Was nach außen mit dramaturgischen Ansätzen begründet wird. Doch letztere sind kaum zu finden im Elbphilharmonie-Programm des ersten Halbjahres 2017. Stattdessen eine Ballung großer Namen, vom Chicago Symphony Orchestra bis zu den Wiener Philharmonikern, von Paolo Conte bis zu Mitsuko Uchida.

Info: Das Konzert zur Eröffnung

Zur Eröffnung der Elbphilharminie am Mittwoch, 11. Januar, gibt es ab 18.30 Uhr einen Festakt. Im Großen Saal spielt das Elbphilharmonie-Orchester, früher NDR-Orchester, unter seinem Chefdirigenten Thomas Hengelbrock.

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Kleinere Veranstaltungsreihen bieten unter klangvollen Titeln wie „New York Stories“ für jeden Geschmack etwas. Angesichts seines millionenschweren Programmetats kann sich Lieben-Seutter solch Promi-Schaulaufen leisten, zumal sich die Konzerte derzeit von selbst verkaufen: Bis zum Sommer sind bereits sämtliche EP-Termine im Großen Saal ausverkauft, im Internet blüht der Handel zu einem Vielfachen des Originalpreises. Ein Zwölf-Euro-Ticket für ein einstündiges „Schnupper-Konzert“ der NDR-Elbphilharmoniker ward da für 199 Euro verkauft!

Idee wird ausbezahlt

Das große Geschäft auf Kosten des Steuerzahlers, der im Schnitt jede Karte mit 9 Euro unterstützt, machen andere. Wie schon so oft in der langen Baugeschichte des Konzerthauses, das 2001 seinen Ursprung in der Idee Alexander Gérards nahm, auf einem alten Kaispeicher in der Hafencity ein Konzerthaus samt Mantelbebauung mit Parkgarage, Hotel und Luxuswohnungen zu errichten. Drei Jahre später, nach dem berühmten Entwurf mit der gläsernen „Welle“ der Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron (HdM), ließ sich der Projektentwickler mit rund 3,5 Millionen Euro seine Idee ausbezahlen. Kurz danach ging eine erste Machbarkeitsstudie noch von Gesamtkosten in Höhe von 186 Millionen Euro aus. 77 Millionen Euro sollte der Anteil der Stadt Hamburg betragen. Letzterer erhöhte sich bis Ende 2008 auf 323 Millionen Euro, die Gesamtkosten auf 503 Millionen Euro. Nur eines der Hauptprobleme für die immer wieder neuen Kostenexplosionen blieb ungelöst: Es gab weder einen Vertrag, noch einen abgestimmten Zeitplan zwischen den HdM-Architekten und den Hochtief-Bauleuten. Obendrein fielen der Stadt ständig neue, den Bau verteuernde Wünsche ein.

Doch nicht nur die führten zu immer weiteren Verzögerungen: Mittlerweile waren die Fronten zwischen Baukonzern, Stadt und Architekten derart verhärtet, dass Hochtief im November 2011 die Arbeiten einstellte. Erst als der neue Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz noch einmal 200 Millionen Euro lockermachte, ging es Ende 2012 mit der Absenkung des Saaldaches weiter: Statt der einstmals geplanten 77 Millionen wird das Jahrhundertbauwerk den Steuerzahler am Ende 789 Millionen Euro gekostet haben, bei einer Gesamtbausumme von offiziell 866 Millionen Euro.

Kredit auf die Zukunft

Der Ursprungsplan indes, nämlich Hotel, Wohnungen und Parkgarage privat zu erbauen und zu vermarkten und dann durch die Gewinne das eigentliche Konzerthaus samt der öffentlichen „Plaza“ in 37 Meter Höhe querzufinanzieren, hatte sich schnell als Schnapsidee entpuppt: Lediglich für die 45, im Schnitt 190 Quadratmeter großen Luxusappartements fand sich ein Investor, der diese derzeit für kolportierte Quadratmeterpreise zwischen 15 000 und 36 000 Euro verkauft und sich über Millionenerlöse freuen kann. Für alles andere aber sprang damals die Stadt als Bauherrin ein, nahm einen Kredit auf, um dann Parkhaus, Hotel und Gastronomie an eine Hochtief-Tochter zu verpachten. Erst nach Abschluss dieser Pachtverträge stiegen die Kosten in immer schwindelerregendere Höhen und blieben ob ungeschickter Vereinbarungen vollständig am Steuerzahler hängen. Der hat damit nach Berechnungen der Linksfraktion im Hamburger Rathaus allein den Bau des Fünf-Sterne-Hotels mit 210 Millionen Euro bezahlt.

Kein Thema für Feiern

All diese finanziellen Sündenfälle werden am 11. Januar bei der feierlichen Eröffnung wohl kein Thema mehr sein. Scholz und Lieben-Seutter werden unter den 2100 geladenen Gästen im Großen Saal neben einem halben Dutzend Ministerpräsidenten auch Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel begrüßen dürfen. Die Redner werden von dem neuen Kulturtanker im Hafen schwärmen und die fabelhafte Sicht über die Elbe aus den großen Fenstern rühmen. Die Musikstadt Hamburg wird einen großen Tag erleben. Nur wenige Besucher werden (sich) wohl fragen, ob angesichts vierstelliger Kartenpreise auf dem Schwarzmarkt die Elbphilharmonie tatsächlich das Haus für alle wird und jedes Kind der Hansestadt während seiner Schulzeit dort zumindest einmal ein Konzert besuchen kann, wie es der Bürgermeister versprochen hat. Doch zur Not, das weiß inzwischen ja auch mancher Künstler, müssen die Kleinen eben mit der Laeiszhalle Vorlieb nehmen.

Wie der Konzertbetrieb der Elbphilharmonie aussieht, wenn die erste Publikumsbegeisterung vorbei ist, wenn allein der Große Saal mit 2100 Plätzen jeden Abend gefüllt werden muss, wird man ohnehin erst sehen müssen.

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