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Jazz-Konzert in der Brotfabrik: Tom Schilling in Frankfurt: Quer durch den Gemüsegarten

Ein populärer Schauspieler auf Abwegen: „Tom Schilling & The Jazz Kids“ überzeugten in Frankfurts „Brotfabrik“ mit gegen den Strich gebürstetem Repertoire.
Stilbewusst: Tom Schilling am Mikrofon. Foto: Clemens Niehaus (imago stock&people) Stilbewusst: Tom Schilling am Mikrofon.
Frankfurt. 

Manche Frisuren dienen ihrem Träger regelrecht als Requisit. Immer wieder zieht Tom Schilling seine Hand durch seinen brünetten Haarschopf. Mal fliegen die dichten Fransen mit heftigem Ruck glatt nach hinten. Dann wirkt der 35 Jahre alte Berliner Schauspieler, der zu DDR-Zeiten als Kind im Film zum Einsatz kam, in seinem dunklen Dreiteiler wie ein Gigolo der goldenen Zwanziger. Steht das Deckhaar hingegen nach vorn, erinnert der jungenhafte Mime an sein Idol, den jungen Nick Cave. Doch Tom Schilling hat in der gut gefüllten Frankfurter „Botfabrik“ nicht nur die Haare schön.

Mit seiner Band „The Jazz Kids“, die er bei den Dreharbeiten zum Kinofilm „Oh, Boy“ kennenlernte, liefert der dreifache Familienvater den durchdachten Gegenentwurf zu Kollege Matthias Schweighöfers biederem Deutsch-Schlager-Pop. Wenn bekannte Schauspieler plötzlich den Musikus in sich kultivieren, fällt das häufig in die Kategorie Selbsterhöhung durch künstlerische Maximierung. Abschreckende Beispiele gab und gibt es mehr als genug: Uwe Ochsenknecht samt Söhnen, Katja Riemann, Heiner Lauterbach, Jasmin Tabatabai und eben Matthias Schweighöfer, nicht zu vergessen diverse „Tatort“-Kommissare.

„Tom Schilling & The Jazz Kids“ heben sich wohltuend von diesem Trend „Er/Sie singt jetzt auch noch“ ab, weil sie sich zwischen Selbstverfasstem und Interpretiertem vor allem der Kunst der Gegenkultur widmen. Ein Sammelsurium aus Chansons, Moritaten und epischem Theater, unterfüttert mit Zitaten der Indie-Rock-Nischenwelt. Zumal Tom Schilling, der mit zarter Jungmännerstimme singt und gelegentlich auch zur Akustikgitarre greift, nicht erst seit gestern Musik macht, sondern schon von Kindesbeinen an in stets kleinem Rahmen musiziert.

Gleich zweimal leistet sich das Ensemble einen Rückgriff auf die große Hildegard Knef. Zum Auftakt mit „In dieser Stadt“, aber auch zur ersten Zugabe, wenn Schilling „Das Lied vom einsamen Mädchen“ vielsagend als „Ein Lied, das Nico gesungen hat und auch schon ein paar andere vor ihr“ ankündigt. Auch da war Multitalent Knef Erstinterpretin; sie sang es 1952 im Kinofilm „Alraune“. Einen Hang zum Eigenwilligen, zum Exotischen und Exzentrischen lassen Pianist Christopher Colaço, Bassist Leonhard Eisenach, Gitarrist Lenny Svilar und Schlagzeuger Philipp Schaeper walten, wenn sie selbstverfasste Songs wie „Julie“ „Draußen am See“, „Ja oder nein“, „Genug“, „Die Ballade von René“ und „Kalt ist der Abendhauch“ von Walzer über Bolero, Rumba oder Shuffle bis hin zu Musette und Osteuropafolklore in zig Arrangementvarianten verpacken.

Weitere Coverversionen wie „Ton Steine Scherbens“ Lied „Der Turm stürzt ein“ oder Bettina Wegners „Kinder (Sind so kleine Hände)“ zeigen, wie flexibel die Musiker sind. Tom Schilling gibt, anfänglich sichtlich nervös, den melancholischen Entertainer, plaudert charmant und ironisch und wiegt sich scheinbar selbstvergessen im Takt. Dass da auch immer wieder der für seine perfekte Schauspielkunst in Kinofilmen wie Fernseh-Mehrteilern („Unsere Mütter, unsere Väter“, „Der gleiche Himmel“) vielgepriesene Mime durchscheint, erklärt sich von selbst. Mit dem feucht-fröhlichen Trinkerlied „C2H6O“ beschließen „Tom Schilling & The Jazz Kids“ einen kunterbunten Konzertabend.

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