Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 7°C

Träumerei mit Schumann

Von Beim finalen Konzertmarathon dieses „Fokus“-Festivals wählten die Besucher das Programm selbst aus. Zuvor gab es einen Liederabend mit Ian Bostridge.
Bei kaum einem anderen Komponisten sind Leben und Musik so sehr miteinander verknüpft wie bei Robert Schumann (hier Noten, Schriften und ein Porträt aus der Leipziger Universitätsbibliothek). Bei der „Romantik-Nacht“ in Frankfurts Alter Oper konnte man dem nachspüren.	Foto: dpa Bei kaum einem anderen Komponisten sind Leben und Musik so sehr miteinander verknüpft wie bei Robert Schumann (hier Noten, Schriften und ein Porträt aus der Leipziger Universitätsbibliothek). Bei der „Romantik-Nacht“ in Frankfurts Alter Oper konnte man dem nachspüren. Foto: dpa

Mit einem solchen Ansturm hatte wohl niemand gerechnet: Die rund 2400 Eintrittskarten für den Großen Saal der Alten Oper, die für die „Lange Nacht der Romantik“ zum Abschluss des kleinen „Schumann“-Festivals vergeben wurden, waren rasch vergriffen, und so musste man sich sputen, einen der vordersten Plätze zu ergattern, denn es herrschte freie Platzwahl. Das Konzept dieser Veranstaltungsform mit 14 Konzerten und Lesungen, die einen Abend lang im Stundentakt parallel im ganzen Haus stattfanden und bei denen sich die Besucher auf ihrer Reise durch die Romantik das Programm selbst zusammenstellen konnten, lockte in der Tat Musikinteressierte in die Alte Oper, die zuvor das Haus noch nie betreten hatten. Das hatte freilich zur Folge, dass so mancher durch die Gänge irrte und nicht jeder sein „Lieblings“-Konzert auch wahrnehmen konnte, waren doch die kleineren Säle im Haus rasch belegt – vor allem der nur 50 Leute fassende Liszt-Salon.

 

Florestan und Eusebius

 

So lauschten manche Besucher an der offenen Tür oder saßen auf der Treppe oder mussten in einen anderen Saal ausweichen. Es blieb einem nichts anderes übrig, als diesen Marathon „sportlich zu nehmen“, wie es Intendant Stephan Pauly zur Begrüßung sagte.

Den „Aufbruch in die Nacht“ erlebten zunächst alle Romantik-Begeisterten im Großen Saal gemeinsam. Der Klarinettist Jörg Widmann, Jonathan Brown (Viola) und Dénes Várjon (Klavier) stimmten mit der „Hommage à R. Sch.“ des Ungarn György Kurtág auf den Abend ein – sechs filigrane Miniaturen, die Schumanns romantische Kunstfiguren, den „wilden Florestan“ und den „milden Eusebius“, aus der Sicht des 20. Jahrhunderts spiegelten und die nahtlos zu Schumanns Klavierkonzert überleiteten. Dirigent und Pianist war hier Alexander Lonquich. Er führte die Junge Deutsche Philharmonie vom Flügel aus, was bei diesem Werk recht heikel ist. Aber Lonquich hatte den Orchesterpart mit den Musikstudenten klangschön und im Detail ausdifferenziert erarbeitet. Er selbst spielte mit sanft schwingender Eleganz, und beim Allegro vivace war denn auch der vorwärts stürmende Impetus dieser Musik zu spüren. Von da an verteilten sich die Besucher im ganzen Haus. Im Liszt-Salon lud das Frankfurter Literaturhaus zur Lesung mit den Schauspielern Anna Böger und Felix von Manteuffel.

 

Entfesselte Gefühle

 

Unter dem Titel „Herzensergießungen: Halsbrecherische Bekenntnisse und entfesselte Gefühle“ trugen sie in schlichter Diktion Gedichte und Briefe von Ludwig Tieck und Clemens Brentano vor, die in ihrer für heutige Ohren pathetisch anmutenden Sprache durch ihre übersteigerte Liebesschwärmerei vielfach zum Schmunzeln anregten.

Wie sehr Poesie und Musik in der Romantik verschmolzen, war anschließend im Mozart-Saal zu erleben, wo sich zunächst der fabelhafte Pianist Igor Levit in Schumanns letztes Klavierwerk, die sogenannten „Geistervariationen“, versenkte, um dann die Bühne frei zu machen für Mojca Erdmann. Die Sopranistin nahm sich mit ihrer wundervoll glockigen Stimme des Eichendorff-„Liederkreises“ an – eine Interpretation, die bei bekannten Nummern wie „Mondnacht“ und „Frühlingsnacht“ vor allem auf die perfekt geführte Vokallinie setzte.

Von mitreißender Verve war zu vorgerückter Stunde die Interpretation des Schumannschen Klavierquintetts mit Dénes Várjon und dem „Cuarteto Casals“, das auch Bernd Alois Zimmermanns Quintett-Bearbeitung der „Träumerei“ zum besten gab. Und zum gemeinsamen Finale im Großen Saal trieb die leidenschaftlich agierende Geigerin Patricia Kopatchinskaja die Junge Deutsche Philharmonie in Schumanns Violinkonzert mächtig mit ihrem Temperament voran. Ein würdiger Abschluss!

Am Abend zuvor hatte der Tenor Ian Bostridge einen Liederabend mit Heine-Vertonungen von Schumann im Mozart-Saal gegeben. Ähnlich wie auf Schubert hatte Heine auch auf Schumann eine magische Anziehungskraft – von keinem anderen Dichter vertonte Schumann mehr. Neben zahlreichen einzelnen Liedern steht vor allem der Zyklus „Dichterliebe“ im Zentrum von Schumanns Liedschaffen. Der englische Tenor Ian Bostridge scheint wie geschaffen, die innere Zerrissenheit, die Widersprüche, aber auch die Leidenschaften des Dichters sängerisch und szenisch zu verkörpern. Er lieferte eine lässige, aber zugleich auch sehr konzentrierte Darstellung der allesamt 1840 entstandenen Schumann-Lieder, von denen zunächst „Märzveilchen“ sowie „Der Soldat“ (beides von Chamisso) mit bildhaftem Ausdruck herausragten. Bostridge verfügt ja über eine leicht zu steuernde, auch in den Höhen flexible und klare Tenorstimme, für die gerade Heine-Vertonungen wie „Mein Wagen rollet langsam“ oder das wunderbar hymnische „Dein Angesicht“ bestens geeignet sind.

 

Ironie des Dichters

 

Im Zyklus „Dichterliebe“ schließlich formten Bostridge und sein Klavierpartner Julius Drake einen lebendigen, kontrastreichen Organismus mit dicht aufeinanderfolgenden, sich fast verzahnenden Liedern. Bostridge zeigte hier erneut die große Vielseitigkeit seiner Stimme, aber auch die große persönliche Identifikation mit diesem holden Liedgut. „Ich hab im Traum geweinet“ klang authentisch, und auch bei „Allnächtlich im Traume“ griff die Ironie des Dichters auf den Sänger über. Schauspielerei war dagegen bei „Im Rhein, im heiligen Strome“ und natürlich bei den „Alten, bösen Liedern“ am Ende gefragt. Auch bei den Zugaben hatte das Publikum seine Freude: „Abend am Strand“ nach Heine und die „Mondnacht“ nach Eichendorff.

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse