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Literatur: Trifft ein Ex-Knasti einen Künstler mit Einbrecher-Ambitionen

Von Lilian Loke erzählt von zwei Männern, die auf ganz unterschiedliche Weise das Gute wollen, dabei aber immer wieder kriminell werden.
Weiß Spannung zu erzeugen: Lilian Loke. Foto: credit note: © Christoph Mukherj Weiß Spannung zu erzeugen: Lilian Loke.
Frankfurt. 

Als Victor und Georg einander begegnen, scheint es, als träfen zwei ziellose Underdogs aufeinander. Das verbrüdert. Georg verdient sich seinen Lebensunterhalt als Pizzalieferant und bekommt einen Strafzettel aufgebrummt, weil er seinen klapprigen Punto mit den albernen Aufklebern halb auf dem Bürgersteig geparkt hat. Victor arbeitet im Callcenter einer Telefonzentrale – beziehungsweise: hat dort gearbeitet. Denn gerade hat er seinen Job verloren, weil er seinen Kunden erzählte, unter welchen Bedingungen die Handys, die sie gekauft hatten, wirklich fabriziert werden. Gemeinsam betrinken sie sich. Dann darf der eine beim anderen wohnen. Und nach und nach stellt sich heraus, dass keiner der ist, als der er dem anderen zuerst begegnete.

Bei Victor ist die Sache schnell klar: Er gesteht Georg, dass er gerade aus dem Knast freigekommen ist. Sein Ziel: ein neues Leben, oder vielmehr: das alte Leben, aber ohne Einbrüche wie bisher. Zurück zu Sina, seiner Frau, und zurück zu Kim, der geliebten Tochter. Doch da gibt’s ein Problem: Ins bürgerliche Leben zurückzukehren, möglicherweise gar ein Restaurant zu eröffnen, sich eine neue Existenz aufzubauen, das kostet viel Geld. Und dann sind da auch noch die Schulden bei den alten Gangster-Ganoven.

Schock oder Champagner

Pizzalieferant Georg, in dessen zugerümpelter Wohnung Victor unterkommt, ist zugleich Künstler. Berühmt werden will er nicht mehr. Jahre ist es her, dass er, kurz vor dem Durchbruch, einfach aufgehört hat. Mitzumischen im Betrieb, das war nie sein Ziel. Wahre Kunst: Müsste die nicht aufrütteln? Die Verhältnisse auf den Kopf stellen? Weh tun und erschüttern, statt nur Anlass zu sein, mit Sektgläsern in der Hand auf Vernissagen herumzustehen, ein Geck auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten?

Zugleich ist Georg, Lilian Loke führt das sehr fein ein, auch auf andere Weise kein Unbekannter: Denn er stammt aus einer ultrareichen Fleischerdynastie. Ein abtrünniger Abkömmling ist er zwar, erbberechtigt aber trotzdem und somit millionenschwer. Victor und Georg, beide wollen ein wahrhaftiges Leben. Wollen der Lüge entfliehen. Unverstellt sie selber sein können. Morgens in den Spiegel blicken können, ohne sich zu schämen. Und beide hoffen, voneinander zu profitieren.

Die Kunst des Einbrechens

„Gold in den Straßen“ hieß der erste Roman der 1985 geborenen und in München lebenden Lilian Loke, der in der Frankfurter Business-Welt spielt. Auch „Auster und Klinge“ hat einen Frankfurter Hintergrund, den sie gelegentlich sacht, nie aber überdeutlich anspielt.

In ihrem neuen Roman flicht die Schriftstellerin die Schicksale zweier Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, auf raffinierte Weise zusammen. Sie erzählt schnell, ihre Dialoge sind pointenreich und auf eine charmante, männerruppige Art wahrhaftig: Man glaubt Victor, der auf keinen Fall je wieder mit Verbrechen zu tun haben will, aber keine andere Möglichkeit sieht, als Georg die Kunst des Einbrechens zu lehren, um sich ein neues Leben aufbauen zu können. Und man glaubt Georg, der in seiner Unbedingtheit und seinem Aufbegehren gegen den fleischerdynastischen Vatertyrann sowie den überangepassten Vorbildbruder Joachim eine unbezähmbare Wut entwickelt und der Gesellschaft einen blutigen Spiegel vorhalten möchte, der erschreckender ist, als herkömmlicher Galeristen-Klimbim mit all seinen gefälligen Selbstbespiegelungs-Routinen einer Upper Society es je sein könnte.

Drastisch wird es, als Georg einzubrechen beginnt – nicht um zu stehlen, sondern um aufzurütteln. Mehr soll und darf nicht verraten werden: Das Buch lebt von seiner kulminierenden Spannung und von Konflikten, die zu lösen nicht mehr in der Macht der beiden Hauptfiguren liegt. Bei alldem ist der Roman leicht lesbar, elegant konstruiert. Die gesellschaftskritischen Untertönen stimmen nachdenklich, ohne dass die Autorin darüber je die Spannung vergisst.

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