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Über die Grenzen des Möglichen hinaus

Von Im direkten Anschluss an die Frankfurter Buchmesse treffen beim „Tanzfestival Rhein-Main“ Kompagnien aus der Region auf internationale Produktionen.
Die Choreografin Helena Waldmann. Bilder > Die Choreografin Helena Waldmann.

Der Traum vom großen Tanz in Rhein-Main lebt: dank des Hessischen Staatsballetts Wiesbaden und Darmstadt, der „Tanzplattform“ als zweitem Bauch-Gehirn der regionalen Szene und des Tanzfestivals. Länger, größer und schöner wird es in zweiter Auflage begangen: vom 16. bis 31. Oktober in Darmstadt, Frankfurt, Wiesbaden. Große Namen sind dabei, so der für seinen Hybridstil aus Hip-Hop und Avantgarde berühmte Brasilianer Bruno Beltrao mit dem Stück „Inoah“, das im Frankfurt-LAB das Festival eröffnet (16., 17.). Auch gibt es einen Tanztag zum Mitmachen (21. Oktober) und sogenannte Tanztees.

Frauen im Zelt

Hinter jedem Stück stehen Geschichten. Bei Helena Waldmann sogar eine richtig gute. Die Absolventin des Gießener Instituts für Theaterwissenschaft macht keine puren Choreografien, sie führt Tanzregie. „Gute Pässe Schlechte Pässe“ (17. und 18. Oktober, Darmstadt) hat sie mit gegensätzlichen Künstlergruppen erarbeitet: Tänzern und Akrobaten, lokal ergänzt um Statisten als Stabhalter. Die Künstlerin ist sehr ansprechbar, nur erwischen muss man sie. Reisen durch die Weltgeschichte sind ihr Ding („Ich brauch’ das“).

Was durchaus gefährlich werden kann. Der Gedanke an harmlose Tutus und Ballerinaschühchen vergeht jedem, dem sie von Kabul erzählt. Einmal gastierte sie dort mit „return to sender“ „Burkha Bondage“, ein andermal gab sie einen Workshop: „Das war hardcore.“ Wie Gefangene kam man sich vor, immer hieß es: Die Taliban rücken näher. Dank ihres Assistenten wusste sie genau, was jedem passiert, der nur eine Musikkassette mit westlicher Musik in der Tasche hat. „Eigentlich hatte ich keine Lust, da zu sitzen, wenn die einfallen.“ Kurz nach ihrem Gastspiel wurden in dem „hochsicheren“ Hotel, wo die Gruppe logierte, jede Menge Gäste erschossen. „Die Taliban drangen mit Kalaschnikows ein und säbelten alles nieder, was am Pool lag. Zehn Tage vorher lagen wir da.“

Aktuell ist sie aus Albanien zurück: „Ein total wildes Land und eins der entspanntesten, wo ich je war.“ Beim Reisen sucht sie Inspiration. Ob „Letters from Tentland“ und „Made in Bangladesh“ auch so entstanden, im Iran und am armen Nordostrand Indiens?

Bangladesh war hart, weil es schwer sei, sich dort zu konzentrieren. Der Geräuschpegel in Dhakas Straßen sei höher als die deutsche Dezibelgrenze für Rockkonzerte. „In jedem Land herrschen andere Bedingungen.“ Im Fall Iran verstand der Leiter des Dramatic Art Centre in Teheran, „dass ich zwar mit Tanz arbeite, aber keinen ,Tanz-Tanz‘ mache, der Frauen in Iran ja verboten ist“.

Menschliche Fahne

„Er witterte wohl, dass wir die ,Grenzen des Möglichen‘, wie die Iraner sagen, erweitern würden. Unser Trick war, dass die Performerinnen in Zelten spielten: das Zelt als Kostüm und Schutzraum. Frauen dürfen nicht öffentlich tanzen. Zelte, mit Frauen darin, dürfen.“

Und „Gute Pässe schlechte Pässe“? „Die Arbeit mit Artisten war so neu für mich wie die mit Kathak-Tänzern in Bangladesh. Das kam aus der Stückidee.“ Wie das? „Okay, ich hätte sagen können: Zeigen wir die Deutschen und die Afghanen, die einen haben den besten Pass der Welt derzeit, die andern den schlechtesten. Das war mir zu billig. Ich brauchte eine Übersetzung von Ländern und Grenzen: Tänzer als eine Kultur, Akrobaten als andere Kultur. Tänzer tanzen in Kulturtempeln, Akrobaten treten auch in Zelten und Variétés auf, wo man isst und trinkt und die Tricks bestaunt.“ Dabei sehnten sie sich genauso nach Bestätigung als Künstler. Beim Casting suchte sie zwei Artisten für den „chinese pole“: „Das ist eine lange Stange für Vertikaltänze. Daran performen sie irre Sprünge und Figuren wie eine menschliche Fahne. Meine ,Mauerbauer‘-Statisten bringen diese Stangen und richten sie auf wie bei dem berühmten Foto von Iwo Jima. Ein Akrobat klettert hoch und macht seine ,Human Flag‘. Schön für ein Stück über Grenzen und Nationen.“

Die Kultur, Tänzer oder Akrobat, präge die Körper. „Ein Tänzer kann eine halbe Stunde lang tanzen. Ein akrobatischer ,Trick‘ dauert maximal fünf Minuten.“ Wie wenn richtige Menschen richtige Grenzen passieren, brauche es mehr als Sprachenlernen. Es ist ein Kulturwechsel. Dasselbe Wort bedeute etwas ganz anderes und löse Missverständnisse aus. „Beispiel: Ein Tänzer soll den Pole Act versuchen. Der hat aber gar nicht die Muskeln dafür. Da lachst du dich vorher tot.“ Also müsse jede Gruppe von ihrem Niveau runter und auf die andern zugehen: „So was will keiner. Diesen Zwiespalt der Gruppen musste ich nicht inszenieren, der kam von selbst. Die Tänzer beschweren sich, dass die Akrobaten laut sind, die Akrobaten, weil die Tänzer feingliedrig rumgrübeln und nichts vorwärtsgeht. Mitten im Stück zieht eine Tänzerin ein weißes Tape über den Boden: Tänzer hier, Akrobaten da. Klare Grenze.“

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