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Rock-Musical: Über die bittere Lebensgeschichte von „Hedwig and the Angry Inch“

Von Das Off-Musical Frankfurt feiert mit „Hedwig and the Angry Inch“ in der „Brotfabrik“ einen vielversprechenden Start.
Hedwig (Michael Kargus) ist mal männliche Frau, mal weiblicher Mann – ein Zwitterwesen, das in der Gesellschaft nicht gerade auf großes Verständnis trifft. Hedwig (Michael Kargus) ist mal männliche Frau, mal weiblicher Mann – ein Zwitterwesen, das in der Gesellschaft nicht gerade auf großes Verständnis trifft.

Dieses Musical ist anders. Eher wie ein Konzert. Und doch erzählt es eine Geschichte. Eine aufwühlende zudem. Die von „Hedwig and the Angry Inch“. 1998 hatten es sich der US-amerikanische Komponist Stephen Trask und der Autor und Regisseur John Cameron Mitchell erdacht. Das Off-Musical Frankfurt hat es nun auf die kleine Bühne der „Brotfabrik“ im Stadtteil Hausen gebracht.

Es geht um eine Drag Queen aus Ost-Berlin, die vor ein Publikum tritt, um ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Diese ist bitter, denn Hedwig war eigentlich mal ein Hansel. Und sie wollte eigentlich nie eine Frau sein. Aber sie war in einen Mann verliebt, einen GI, und der konnte sie nur als seine Braut aus der DDR rausbringen. Also ließ er, Hansel, sich zu einer Sie operieren. Leider gerät er dabei an einen Stümper, und es bleibt der im Titel vorkommende „zornige Zentimeter“ als Zeichen dafür, dass sie in Zukunft weder zur einen noch zur anderen Seite gehören wird.

Nie trifft Hedwig jemanden, der sie so akzeptiert, wie sie ist. Auch Tommy nicht, der Rockstar, dem sie zu seinen größten Songs verhalf, und der nun, parallel zu ihr, vor vollen Rängen und live im Radio auftritt.

Unterdrückter Zorn

Beide nutzen ihre Show als Therapiestunde, öffnen ihre Gedankengänge ihrem ungleichen Publikum. Hedwig wird dabei von einer vierköpfigen Band und ihrem aktuellen Mann Yitzhak (Kathrin Hanak) begleitet. Dass sie diesem nichts weniger antut, als andere Menschen ihr selbst, weil sie ihn ändern, nicht sein eigentliches Selbst akzeptieren will, wird ihr erst später klar.

Michael Kargus, der zusammen mit Regisseur Thomas Helmut Heep den deutschen Text noch einmal für die eigene Inszenierung bearbeitet hat, spielt in seiner Heimatstadt und dieser Fast-Ein-Mann-Show die fordernde Titelrolle überzeugend und mit allen Facetten. Er singt, er schreit, rührt an, ringt um Fassung und wälzt sich auf dem Boden. Er ist humorvoll, verzweifelt, mal männliche Frau, weniger weiblicher Mann. Manches ist schlüpfrig, nicht unbedingt jugendfrei, aber es bringt einem die Zwitterrolle nahe, in der Hedwig sich gefangen sieht.

Die Musik ist laut, rockig eben, nur selten gefällig. Aber auch sie spiegelt den unterdrückten Zorn wider, den Hedwig ob ihrer Ohnmacht gegenüber der festgefahrenen Gesellschaft und der von ihr geprägten Menschen empfinden muss.

Dieses Musical ist anders. Es ist ein prägnantes Stück Sozialkritik. Dafür bedarf es keiner riesigen Plattform, keiner aufwendigen Ausstattung, sondern nur eines engagierten kleinen Ensembles und der Utensilien und Instrumente, die bei keinem Konzert in irgendeinem kleinen Club fehlen dürfen. Auch deshalb und weil es am richtigen, verrauchten Ort gespielt wird, wirkt es authentisch.

Populäres Genre

Ein vielversprechender Auftakt für das Off-Musical Frankfurt, das in Zukunft die Szene aufmischen, ergänzen und einen Kontrapunkt setzen will zu den Masseninszenierungen, die man ansonsten gerne mit dem populären Genre verbindet. Bei der Preview holperte es noch an der einen oder anderen Stelle. Und ganz sicher trifft man mit so einem eigenwilligen Stück nicht jedermanns Geschmack. Aber ein Anfang ist gemacht.

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