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Goethe Klassiker im Stil der Peking-Oper: Umjubelte Inszenierung in Wiesbaden: Mephisto trägt Pfauenfeder

Zum ersten Mal ist in Deutschland eine Version von Goethes Klassiker im Stil der Peking-Oper zu sehen. Bei den Wiesbadener Maifestspielen nimmt die tragische Geschichte von "Fúsitè", wie er auf Chinesisch heißt, und seinem "Gletchen" (Gretchen) ihren Lauf.
Goethe, allem Fremden kosmopolitisch aufgeschlossen, hätte sie womöglich auch nicht wiedererkannt: So sehen Faust und Gretchen im Stil der Peking-Oper aus. Foto: Zhang Xinwei Goethe, allem Fremden kosmopolitisch aufgeschlossen, hätte sie womöglich auch nicht wiedererkannt: So sehen Faust und Gretchen im Stil der Peking-Oper aus.

„Hao! Hao!“, riefen die Chinesen bei den ersten Aufführungen der Neuinszenierung in Peking. In Mandarin heißt das „Gut! Gut!“. Mitten hinein übrigens in die laufende Vorstellung, was in Deutschland undenkbar wäre. „Das ist in der Peking-Oper üblich; die Menschen hören nicht stumm zu und klatschen anschließend, sondern kommentieren lautstark das Geschehen auf der Bühne“, weiß Sylvie Krauss, die seit zwei Jahren im Land des Lächelns lebt.

Schritt der Öffnung

Dass dieser Mephisto fliegen kann, glaubt man ihm sofort. Bild-Zoom Foto: LCL
Dass dieser Mephisto fliegen kann, glaubt man ihm sofort.
Sie war dabei, als Goethes berühmtestes Drama im Oktober 2015 zum ersten Mal in der Geschichte als Peking-Oper zu sehen war. Als Managerin ist sie für die Auslandstouren des größten chinesischen Exportschlagers, der Unesco-geschützten Peking-Oper, zuständig und für Konzertreisen europäischer Orchester durch das riesige Reich der Mitte. Mittlerweile haben knapp 70 000 Menschen den „Faust I“ in den großen Städten Chinas besucht, bevor er am Montag und Dienstag erstmals in Wiesbaden am Staatstheater zu sehen sein wird. Aufgeregt seien die 15, teils noch sehr jungen Schauspieler, Tänzer, Akrobaten und Musiker, sagt Sylvie Krauss. Für alle ist es ihre erste Deutschland-Reise überhaupt.

Die Idee zu dem exotischen Unterfangen hatte Anna Peschke, die vor sieben Jahren dem Charme des fernöstlichen Opernrituals verfiel. Stolz schwingt in der dunklen Stimme der jungen Performance-Künstlerin mit, wenn sie berichtet: „Ich bin die erste westliche Regisseurin, die von der staatlichen nationalen Peking-Oper eingeladen wurde, ein Stück in China zu inszenieren.“ Dass sie Zugang zu den heiligen Hallen bekam und zudem mit Stoff und Ausdrucksweise experimentieren durfte, versteht sie als „einen Riesenschritt der Öffnung“. Denn so paradox es klingt: Einer ganzen Generation von jungen Chinesen kommen die komplizierten Codes der Peking-Oper genauso „chinesisch“ vor wie Zuschauern aus dem Westen.

Totgeschwiegen während der Zeit von Maos Kulturrevolution, müssen heute auch die Jungen wieder neu an die stilistischen Besonderheiten der Mimik, Wasserärmel-Gesten und rätselhaften Fußbewegungen der Peking-Oper herangeführt werden. Nur Eingeweihte verstehen, dass zwei Stühle auf der Bühne Berge, Flüsse, oder Gefängnisse bedeuten können, dass der Qiba-Tanz anzeigt, wie sich Generäle auf den Krieg vorbereiten, und dass schwarze Fahnen Sturm bedeuten.

Li Meini heißt die chinesische Schriftstellerin, die für Anna Peschke den Goethe-Text neu einrichtete. Denn „die wortwörtliche Übersetzung passte überhaupt nicht zur Metrik des chinesischen Operngesangs“, sagt Peschke, die in Gießen bei Heiner Goebbels studiert hat. Dass in China immer mehrere Regisseure ihre Ideen einbringen, hat sie anfangs überrascht. Regie-Kollege Xu Mengke spielt nicht nur hinter, sondern auch auf der Bühne eine wichtige Rolle: Als Mephisto, geschmückt mit Pfauen- und Fasanenfedern, wird er Gott zur Wette um Fausts Seele herausfordern.

Goethe ist Pflichtlektüre

Die Kostüme, entworfen vom chinesischen Designer Akuan sind teils historisch inspiriert, – etwa bei der rosé-weiß verzierten Gretchen-Robe und dem samtblauen Kostüm ihres Bruders Valentin-, teils neuartige Fantasiekreationen. Mephistos Feuermantel und sein samtgraues Conferencier-Kostüm gibt es in der Tradition nicht, nur die Tierfedern und Applikationen mit den Bommeln. Erstaunlicherweise hat die Pekinger Leitung weitere vorsichtige Experimente von Anna Peschke zugelassen.

Die Regisseurin Anna Peschke hat den „Faust“ in Peking inszeniert. Bild-Zoom
Die Regisseurin Anna Peschke hat den „Faust“ in Peking inszeniert.
So sind die roten Stühle, die das Publikum in Wiesbaden auf der Bühne sehen wird, neu für die Peking-Oper. „Üblicherweise wird mit den roten Holzstühlen nur geprobt.“ In den Aufführungen würden sie mit Brokat-Hussen überzogen. Aber sie konnte Xu Mengke davon überzeugen, die Überzüge wegzulassen und nicht nur zwei, sondern sechs Stühle im Halbrund aufzubauen. So wird das Gefängnis Gretchens plastischer erkennbar.

Überhaupt das Thema Tod, wie Goethe es in aller Offenheit im „Faust“ verhandele, kenne man in der Peking-Oper nicht, meint Sylvie Krauss. Goethe sei den Chinesen durchaus ein Begriff und das mächtige Goethe-Institut allgegenwärtig. In erster Linie kenne man ihn als Schulpflichtlektüre („Werther“), weniger als Autor des „Faust“. Daher wussten die meisten Premierenbesucher in Peking gar nicht, was auf sie zukam. Dass aber nach der Vorstellung ein Ansturm auf die Künstler einsetzte, um eine Unterschrift oder ein Foto mit den vier Hauptakteuren zu ergattern, gilt als „untrügliches Zeichen“ für den Erfolg.

Noch ein zweiter europäischer Veranstalter hat die Aufführung in Europa möglich gemacht: die italienische Emilia Romagna Teatro Fondazione. Nicht zuletzt deshalb, weil es in der Festschreibung bestimmter Charaktertypen erstaunliche Parallelen zwischen der chinesischen Theatertradition zur italienischen Commedia dell’arte gibt, sondern auch wegen der Behandlung der Masken und Bemalungen. Interessanterweise seien die „Geliebten“ in beiden Theaterformen ungeschminkt und maskenlos, weiß die Heidelberger Performance-Künstlerin. Das italienische Komponistenduo Luigi Ceccarelli hat gemeinsam mit Meister Chen Xiaoman die Bühnenmusik geschrieben.

Was hätte Goethe wohl zu diesem chinesisch-deutsch-italienischen Kulturaustausch gesagt? Er kannte das Land des Lächelns nur aus den Schriften Marco Polos. In Anmerkungen zu seinem „West-östlichen Divan“ erwähnt er Chinas „unübersehbare Wüsten, herdenreiche Gaue“ und „Bergreihen“ und lobt „Menschen von wunderbaren Gestalten und Sitten.“ Dass sein „Faust“ einst als „Fúsitè“ in der Peking-Oper landen würde, die damals gerade im Entstehen war, konnte er nicht ahnen.

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