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Künstlerporträt „Mackie Messer“: Und der Haifisch, der hat Zähne

Von Tobias Moretti spielt den Londoner Gangsterboss und Lars Edinger den Dramatiker Brecht, der in Berlin seine Hauptfigur von der Bühne ins Kino bringen will.
Der Londoner Gangsterboss Mackie Messer (Tobias Moretti, Mitte) gebärdet sich wie ein Kapitalist. Mit seiner Verbrecherbande beherrscht er die Unterwelt, lebt im Luxus und heiratet die Tochter des Bettelunternehmers Peachum. Foto: Stephan Pick (Wild Bunch Germany) Der Londoner Gangsterboss Mackie Messer (Tobias Moretti, Mitte) gebärdet sich wie ein Kapitalist. Mit seiner Verbrecherbande beherrscht er die Unterwelt, lebt im Luxus und heiratet die Tochter des Bettelunternehmers Peachum.

„Die Dreigroschenoper“ ist fast das einzige Stück von Bertolt Brecht, das an den Bühnen überhaupt noch gespielt wird. Ansonsten wollen Dramaturgen und Intendanten von dem großen Mann des politischen Theaters nicht mehr viel wissen. Vorbei die 50er, 60er und 70er Jahre, in denen seine Werke hoch und runter gespielt wurden, gerade auch am Frankfurter Schauspiel. Dort übernahm nach dem Krieg der Regisseur Harry Buckwitz die Leitung und setzte insgesamt 15 Mal Brechts Weltsicht in Szene. „Mutter Courage“, „Der gute Mensch von Sezuan“, „Der kaukasische Kreidekreis“ – das war das Programm.

Erst kommt das Fressen

Doch mag die Dramatik Bertolt Brechts heute fast von den Brettern verschwunden sein: Der antikapitalistische Geist des kommunistischen Autors schwebt weiterhin über der Gesellschaft. Gerade die Sinnsprüche aus der „Dreigroschenoper“ sind gedankliches Gemeingut geworden. Die Moritat „Und der Haifisch, der hat Zähne“ ist wohl schon an jeder Börse angestimmt worden. Und Sätze wie „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ oder aber „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ dürfen mittlerweile am Büffet jeder Banker-Party ungestraft ausgesprochen werden.

Dieser Antikapitalismus ist es auch, der Joachim A. Lang dazu angeregt hat, an Brecht zu erinnern. Der Fernsehregisseur hat sich schon in seiner Doktorarbeit mit dem Dramatiker befasst, hat jahrelang das Augsburger Brecht-Festival geleitet und sieht im Jahr 2018 um sich herum „eine Welt, die durch frappierende soziale Ungleichheit zunehmend aus den Fugen gerät“. Brecht – wieder aktuell?

Bühne und Wirklichkeit

„Mackie Messer“ zeigt zunächst, wie der gleichnamige Gangsterboss (Tobias Moretti) im Berlin der 20er in der „Dreigroschenoper“ in Erscheinung tritt. Der Mann lebt wie ein verlotterter Fabrikant zwischen Luxus und Huren, heiratet Polly (Hannah Herzsprung), die Tochter des Bettlerunternehmers Peachum, und wird schließlich verhaftet, weil der Einfluss seines bestechlichen Polizeifreundes nicht so weit reicht wie der seiner eifersüchtigen Schwiegereltern. Der große Publikumserfolg dieser prallen Geschichte mit der Musik von Kurt Weill reizt die deutsche Filmindustrie, sie einigt sich mit Bertolt Brecht (Lars Eidinger) auf eine Verfilmung. Doch über die Eigenwilligkeit des Autors kommt es zum Gerichtsverfahren und Zerwürfnis.

Sehr früh schon ist diesem filmischen Künstlerporträt seine seminaristische Steifheit anzumerken. Die Handlung wechselt zwischen Theateraufführung und Wirklichkeit, wobei es dem einen an Schmiss, dem anderen an Zugänglichkeit fehlt. Tobias Moretti, weit weg von einem gerissenen, schmierigen Mackie Messer, ist ebenso unglücklich besetzt wie der leicht feminine Lars Eidinger, der samt runder Brille und Zigarrenstumpen vielleicht als Urenkel von Bertolt Brecht durchgehen könnte, aber eben nicht als der kantige Autor selbst. Nichts wird so deutlich wie das, wenn am Ende Brechts schnarrende Originalstimme aus dem Off ertönt. Im Drehbuch stehen viele Zitate zu Brechts theoretischem Kunstverständnis. Eidinger gibt sie wieder, lässt sich von ihnen forttragen, ohne dass er den Kinobesucher mitnehmen würde.

Die Germanistik herrscht

Hin und wieder dringen auch Zeitereignisse von draußen in den abgeschirmten Künstlerkreis um Bert Brecht: Arbeiteraufstände oder Nazi-Aufmärsche (die NSDAP erreicht 18 Prozent). Doch beide wirken fast noch theatraler als das eigentliche Theatergeschehen, das abgefilmt werden soll. Mit einem beherzteren Zugriff auf das Daseinsgefühl der 20er Jahre, mit einem flotteren Tempo für Choreografie und Songs der „Dreigroschenoper“ sowie einer Straffung der 130-Minuten-Handlung wäre vielleicht aus der Herangehensweise des Germanisten Joachim A. Lang die eines Filmemachers geworden, der Erinnerungsbegeisterung erzeugen kann. Auch wenn Bertolt Brechts Berliner Zeit als solche schon so lange zurückliegt. Annehmbar

In diesen Kinos

Frankfurt: Cinema; Orfeos Erben

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