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Die Kasseler Documenta widmet sich dem Kampf gegen das Übel: Unsere Welt muss besser werden

Die Documenta soll „eine Erfahrung“ sein, sagt der künstlerische Leiter. Erklärt wird wenig. Dabei geht es inhaltlich ums Ganze. Ein erster Rundgang über die wichtigsten Ausstellungsorte.
Von der griechischen Küste stammen die Wracks von Flüchtlingsbooten, aus denen die Installation des mexikanischen Künstlers Guillermo Galindo besteht. Foto: Boris Roessler (dpa) Von der griechischen Küste stammen die Wracks von Flüchtlingsbooten, aus denen die Installation des mexikanischen Künstlers Guillermo Galindo besteht.

An den Stränden Griechenlands hat Guillermo Galindo die Überreste von Flüchtlings-Booten eingesammelt – und sie zu Musikinstrumenten umgebaut. Was wertlos war, bekommt ein zweites Leben geschenkt dank Saiten, Trommel und Glockenspiel.

Die Arbeit des mexikanischen Künstlers ist typisch für die Documenta 14: Sie verbindet Athen und Kassel, die beiden Standorte der Kunstschau. Und sie beschäftigt sich mit Flucht und Migration, einem der zentralen Themen, die der künstlerische Leiter Adam Szymczyk in den Mittelpunkt seiner documenta gerückt hat.

Nicht weniger als „einen Schritt auf dem Weg in eine Welt, in der wir leben wollen“, so versteht er die alle fünf Jahre stattfindende Kunstschau, wie er im „Reader“ zur Ausstellung schreibt. Gestern war die Documenta in Kassel erstmals für Fachbesucher zugänglich, am Samstag wird sie für das Publikum geöffnet. Worum es geht, wurde bei der mehr als zwei Stunden dauernden Pressekonferenz überdeutlich: Die Documenta will die großen Themen, Fragen und Probleme anpacken. Es gelingt ihr nur zum Teil.

Adam Szymczyk.
Der Macher

Vor fünf Jahren war Adam Szymczyk ein weitgehend unbekannter Kurator mit polnischem Pass und einem Job in der Schweiz. Dann wurde er zum künstlerischen Leiter der Documenta gewählt, dem vielleicht

clearing

Manches scheint nur ausgewählt, um Künstler in ihrem sicherlich ehrenvollen Kampf gegen die Übel dieser Welt zu unterstützen: gegen die Unterdrückung von Minderheiten (Masken kanadischer Ureinwohner), gegen die Rentier-Jagd in Norwegen (ein gestickter Wandteppich mit Jagdszenen), für die Wiederentdeckung traditioneller Produktionsweisen (Textilien aus Afrika), für die Frauenbewegung (politische Plakate aus Pakistan). Es geht um die Botschaft – das Künstlerische scheint zweitrangig.

Keine heile Welt

35 Orte listet der offizielle Documenta-Stadtplan auf. Die Location, die sich mit Sicherheit zum Hauptanziehungspunkt entwickeln wird, ist die ehemalige Hauptpost, die während der Documenta zur „Neuen neuen Galerie“ wird. Von außen ist das Postgebäude ein erschreckend hässlicher Betonklotz in einem eher uncharmanten Teil der Stadt. Szymczyk ist bewusst hierher gegangen mit der Documenta, so wie er auch nach Athen gegangen ist: dahin, wo es weh tut – thematisch ebenso wie geografisch.

Auf zwei Etagen entfaltet die Documenta hier die Wucht, die man sich von einer Ausstellung dieser Größenordnung und Bedeutung erhofft. Wo früher Lastwagen be- und entladen wurden, sind hinter hochgezogenen Rolltoren kleine Kabinette entstanden. Im ersten Stock wechseln sich große Flächen für Performances und kleinteilige für Bilder und Fotos ab. In Nebenräumen und Büros laufen Videoarbeiten. Auch hier herrscht keine heile Welt – ein Raum verstört mit Filmen beinamputierter Männer –, aber die Themen sind vielfältiger, und die raue Location gibt den Arbeiten Kraft.

Im Fridericianum werden Kunstwerke gezeigt aus der Sammlung des Museums für zeitgenössische Kunst aus Athen, das mangels Geld nie eröffnet wurde. Viele Arbeiten sind schon älteren Datums: Bilder, aus denen eine Haut herauszuwachsen scheint aus den 60ern; eine Installation mit am Strand zurückgelassenen Koffern und Kleidern aus den 70ern; ein zimmerfüllender Abakus aus den 80ern. Unter der Treppe ein Panzer aus Polstern, Stacheldrahtrollen in Stahlregalen werden zu einer Akropolis der Ausgrenzung.

Einige Arbeiten berühren unmittelbar, ohne dass sie sich einer klaren Botschaft unterordnen müssen, etwa der von Mona Hatoum aus Beirut gebaute Raum mit Schrott aus einer Fabrik, durch die flackerndes Licht wabert. Aber mit vielem wird der Besucher alleingelassen, Hintergrundinformationen über die Künstler oder gar Interpretationshilfen zu den Werken gibt es nicht. „Die große Lektion hier ist, dass es keine Lektion gibt“, machte Szymczyk gestern unmissverständlich deutlich.

Schuhe von Irena

Statt dessen will er den Besucher beteiligen. Man darf auf einer leeren Bühne etwa performen, unter Anleitung des Spaniers Mattin vorgegebene Bewegungen spiegeln oder ein Buch für Marta Minujins „Parthenon der Bücher“ spenden. Man darf sogar mit Konsum zu einer besseren Welt beitragen, indem man Kleider und Schuhe bei Irena Haiduk aus Belgrad erwirbt oder schwarze Seife, die Otobong Nkanga aus Nigeria in Athen anfertigen lässt und in Kassel verkauft.

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