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Mainzer Staatstheater: Unter der Totenmaske lauert der Wahn

Die universellen Fragen des Shakespeare-Klassikers werden in der Mainzer-Inszenierung beiläufig, aber nie banal abgehandelt.
Am Ende strandet das Mainzer „Hamlet“-Ensemble mit seinen Totenmasken wie in einer Vorhölle vor dem Vorhang. Am Ende strandet das Mainzer „Hamlet“-Ensemble mit seinen Totenmasken wie in einer Vorhölle vor dem Vorhang.

Der Mainzer „Hamlet“ ist eine unbedingt sehenswerte, überdrehte, mit humorvollen Einsprengseln gespickte Totengräber-Revue – ein rasanter Ritt über eine mächtige Gedanken-Strecke. Zwischendurch wünscht man sich nur, sie würden mal Luft holen. Der schlaksige Henner Momann als bravourös zergrübelter Dänenprinz, die zynische Anna Steffens als Königinmutter Gertrude oder der immer auf 180 hochgedrehte Laertes von Nicolas Fethi Türksever.

Billige Kostümroben

Dass sie diesen Wunsch nicht spüren können, weil sie hektisch Worte hervorstoßen und sich mit und ohne ihre Totenmasken derart bizarr verrenken müssen, versteht man spätestens nach den ersten zehn Premierenminuten im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters. Zusammengepfercht auf einem klaustrophobischen, mit bunten Plastikblumen, billigen Kostümroben und spartanischen Requisiten vollgestopften Spielstreifen vor dem eisernen Vorhang, stolpern sie heillos in der gesamten Plunderlast der Sekundärliteratur zum „Hamlet“ herum. Da kann einem schon mal die Luft ausgehen. Oder man sagt’s mit Hamlet: „Hier steht man irgendwie immer mit dem Rücken zur Wand.“ Mitten aus dem Theater-Messie-Trash, den Valentin Köhler wunderbar unheroisch aufgehäuft hat, ragt ein quadratischer Bildschirmturm auf, der vieles kann. Aber vor allem ein blitzebunt harmloses Playstation-Game absondert (Markus Buhl), das als Mausefalle für den stets überlegen auftrumpfenden Schwiegervater Claudius dient. Die Art, wie Johannes Schmidt als königlicher Brudermörder trotz munter erreichtem „next level“ seinen Controller schließlich ertappt, verrät die Tat, die „zum Himmel stinkt“.

Dabei hatte er doch alle und alles so schön im Griff: Sowohl der alert-schwatzhafte Polonius (Martin Herrmann) ließ sich in die Überwachung und avisierte Tötung von Hamlet einspannen, als auch die spitzelnden Studienkollegen Güldenstern und Rosenkranz, die Julian von Hansemann in Personalunion als tückischen Bauchredner mit plappernder Strumpfsocke präsentiert. Was für ein geniales Kabinettstückchen gelingt ihm da.

Munterer Neuzugang

Die einzigen beiden, die in all dem Wahnsinn, nur mit August Wilhelm Schlegels kluger Übersetzung bewaffnet, noch lange versuchen, einen klaren Gedanken zu fassen und sich weder von Rachsucht noch rastloser Selbstvergewisserung unterkriegen zu lassen, sind Henner Momanns Hamlet und die sinnlich unschuldige Paulina Jolande Alpen als Ophelia. Eine junge Frau, die sich an diesem Abend nicht nur als munterer Neuzugang, sondern auch als großer Gewinn für das Mainzer Ensemble präsentiert. Und wie der schmalgliedrige Momann seine listigen Winkelzüge mit verächtlicher Aalglätte bemäntelt, wie er, schwankend zwischen Weltekel und gespieltem Wahnsinn, stets eine passende Maske der Cleverness bereit hält – das ist, bei aller unterhaltsamen Lässigkeit, ganz großes Schauspieler-Theater.

Dass die forsche Regie von K. D. Schmidt vor allem mit slapstickhaften Hakenschlägen überzeugen kann, zeigt sich besonders bei der pfiffigen Ausgestaltung der Totengräberszene. Hier gelingen einem aufgeräumtem Murat Yeginer als Conferencier, der in jeder Sekunde beeindruckende Entertainer-Qualitäten offenbart, etliche morbide Fragerunden mit Akteuren und Zuschauern. Kurz vor dem finalen Degenduell und dem letzten tödlichen Showdown.

Aber nicht lange bleiben die Toten am Boden liegen: Hamlet und seine vergiftete Mutter, der ermordete Laertes und der erdolchte Claudius. Schon bald sitzen sie, aufgereiht wie im Vorzimmer zur Hölle, mit Totenmaske versehen auf ihren Theaterstühlen vor dem eisernen Vorhang. Alle, außer dem voluminösen Lorenz Klee als treuem Hamlet-Freund Horatio. Hoppla, was blinkt da auf den Monitoren? Es sind die letzten Worte des just verstorbenen Grübelprinzen: „Der Rest ist Schweigen“. Nur gut für die Nerven, dass nach diesem hektisch hochgetunten Hamlet endlich Luft geholt werden darf. Beeindruckt spendete das Haus frenetischen Jubel für alle Mitwirkenden.

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