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Unternehmer mit Kunstsinn

Mit „Die Cassirers“ hat Sigrid Bauschinger eine Biografie über eine der einst glanzvollsten Familien in Deutschland geschrieben.
Der Philosoph Ernst Cassirer floh vor den Nazis in die USA. Der Philosoph Ernst Cassirer floh vor den Nazis in die USA.

Kein Grabstein erinnert an ihn, ja es ist nicht einmal ganz klar, wo sich seine letzte Ruhestätte genau befindet. Fest steht, dass sein Leben in einem gottverlassenen walisischen Kaff endete. Dabei hätte sich Max Cassirer nichts sehnlicher gewünscht, als an der Seite seiner geliebten Frau Hedwig in Berlin beigesetzt zu werden, in jener Stadt, die ihm am Herzen lag und die ihm so viel verdankte. Doch Max Cassirer (1857–1943), der millionenschwere Unternehmer und Charlottenburger Stadtrat, wurde von den Nazis noch im hohen Alter ins Exil getrieben.

Brutal vernichtet

Von seinem Reichtum blieb ihm buchstäblich nichts. Nur mit einem Köfferchen und einem Regenschirm überquerte er im November 1938 die Schweizer Grenze, um nie wiederzukehren. Die Cassirers gehören zu den großen deutschen Familien. Sie waren Holzhändler und Cellulose-Fabrikanten, Mäzene, Kunsthändler, Philosophen, Musiker, Chirurgen und Pädagogen. Und sie waren Teil jener kultivierten, vielfältig begabten jüdischen Elite, die Deutschland glänzen ließ, bevor sie brutal vernichtet und vertrieben wurde.

Einige Mitglieder dieser Dynastie wie etwa die Kunsthändler und Verleger Paul und Bruno oder der Philosoph Ernst Cassirer sind weltberühmt, andere wie der Patriarch Max dagegen kaum bekannt. Dabei symbolisiert gerade er wie kaum ein anderer Größe und Tragik jüdischen Lebens in Deutschland. Es ist das Verdienst von Sigrid Bauschingers großem Familienporträt, dass sie darin auch jene Cassirers ans Licht holt, die bisher im Schatten ihrer bekannteren Verwandten standen. Dazu gehört neben Max auch der Kapellmeister Fritz Cassirer, der sich so leidenschaftlich für den britischen Komponisten Frederick Delius einsetzte, oder Edith Geheeb-Cassirer, die zusammen mit ihrem Mann Paul die Odenwaldschule gründete. Die berühmte Reformschule existierte immerhin über hundert Jahre.

Innovativer Geist

Die Cassirers stehen prototypisch für eine jüdische Erfolgsgeschichte in Deutschland. Sie begannen als kleine Händler in der oberschlesischen Provinz, arbeiteten sich zu Likörfabrikanten in Breslau hoch und machten ihr Vermögen schließlich in Berlin mit europaweit operierenden Holzfirmen. Max ist das Bindeglied zwischen der Generation der Unternehmer und jener der Akademiker, wie sie dann kennzeichnend für das 20. Jahrhundert wurde. Er war Geschäftsmann, hatte aber durchaus Sinn für die Künste und unterstützte ein Leben lang auch das gewagte Reformprojekt seiner Tochter, die Odenwaldschule.

Der innovative Geist der Cassirers zeigt sich sicher am deutlichsten bei dem Kunsthändler Paul, der den damals noch ganz und gar avantgardistischen Maler Van Gogh für Deutschland entdeckte. Doch die Verdienste der Cassirers zählten in der Nazizeit wenig. Fast die gesamte Familie wurde vertrieben, einige ermordet. Heute findet sich in ihrer alten Heimat kaum noch eine Spur von ihnen.

Es ist schon erstaunlich, dass Bauschingers Buch das erste Überblickswerk über diese herausragende deutsche Familie darstellt. Bisher wurden allenfalls einmal einzelne Personen wie Paul Cassirer gewürdigt. Die Germanistikprofessorin aus Amherst im Westen des US-Bundesstaates Massachusetts bringt unglaubliches Detailwissen und viele neue Erkenntnisse in ihre Arbeit ein. Doch gleichzeitig ist das auch ihr Handicap. Denn die Masse des Materials weiß sie nicht recht zu bündeln.

Ihr Buch ist eine große Faktensammlung, der die klare Linie und Struktur fehlt. Biografien werden angerissen und erst viel später wiederaufgenommen. Bei der eh schon riesigen, weitverzweigten Familie verliert der Leser dadurch vollends den Überblick. Auch wäre ein Stammbaum zur besseren Orientierung nicht verkehrt gewesen. Das Buch, das ein großer Wurf hätte werden können, hat so leider eine Chance vertan.

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